Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Immer noch unmenschlich
Heft 39/2023 Titel: Schaffen wir das noch mal?
Ich bin entsetzt, dass Sie jegliches Feingefühl bezüglich Bildsprache in der aktuellen Titelstory vermissen lassen. Das Bild bedient entmenschlichende Narrative. Unwürdig!
Anja Sommer, Rostock
Ich bin sehr beunruhigt, dass Sie ein Titelbild gewählt haben, das rassistische Ressentiments nicht nur verstärkt, sondern sogar schürt. In einer Zeit, in der unsere Gesellschaft gespaltener denn je scheint, sollten wir alles daransetzen, diese Gräben nicht noch zu vertiefen. Das Titelmotiv zeigt ein Bild, das es so nicht gibt. Das ist für mich nicht nur unsachlich, sondern geradezu hetzerisch. Es schürt nicht nur Ressentiments bei denen, die sie ohnehin schon haben, vor allem trägt es zu einer allgemeinen Verschiebung bei, deren Gefahr gerade durch die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung sehr deutlich geworden ist. Das ist unverantwortlich und sehr gefährlich. Hinzu kommt, dass das Bild wie ein Zitat wirkt, das wir mit unserer nationalsozialistischen Vergangenheit aus meiner Sicht einfach nicht wählen dürfen. Als Journalisten und Medienvertreter tragen Sie eine große Verantwortung. Ich hoffe, dass Sie in Zukunft sensibler mit solchen Themen umgehen und sich bewusst gegen solche Strategien entscheiden.
Lena Altendorf, Hamburg
Kompliment für eine gut gemachte Titelgeschichte. Über die Reaktionen im Internet auf das Titelbild bin ich entsetzt. Es ist eine Unverschämtheit, die Journalistinnen und Journalisten als Rechtsradikale zu diffamieren. Eine sachliche Debatte gerade beim Thema Asyl muss doch möglich sein. Natürlich sollte man Menschen, die Schutz benötigen, Asyl geben, aber gleichzeitig muss man auch über die Probleme reden können – Unterbringung von Migranten, Scheitern der Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern. Das Titelbild stellt keine Panikmache von Verschwörungstheoretikern und Rechten dar, sondern zeigt die Realität. Deutschland kann dieses Problem nicht im Alleingang lösen, sondern nur gemeinsam mit den Partnern in der EU.
Philipp Gössel, Kassel
Wie beantworten Menschen, die im Kiosk am SPIEGEL vorbeigehen, die Frage »Schaffen wir das noch mal?«? Wir haben in der deutschen Gesellschaft nachweislich einen Rechtsruck zu verzeichnen. Alle diejenigen mit den entsprechenden Tendenzen fühlen sich in ihrer Meinung bestätigt, dass wir das nicht noch mal schaffen können. Aber: Jeder, der flüchtet, hat eine eigene und einzigartige Geschichte. Wir wissen das zum Beispiel aufgrund der Aufarbeitung der Vorbedingungen des Nationalsozialismus, der beiden Weltkriege und der Nachkriegsgeschichte. Menschen, ob sie nun selbst fliehen mussten oder in der Familie Fluchterfahrungen haben, Menschen, die den Holocaust überlebt haben, und deren Nachkommen tragen Erinnerungen an Flucht in sich. An schreckliche Ereignisse, aber auch positive, wenn es Dankbarkeit dafür gibt, wenn eine Flucht gelang oder man Feindseligkeiten überlebt und Hilfe erfahren hat. Welches Bild vermittelt nun aber das Titelbild mit Schwarzen Menschen in der Schlange mit Plastiktüten? Menschen, die uns fremd erscheinen und mit denen wir nichts zu tun haben wollen?
Özlem Müller, Bonn
Das Cover zeigt Geflüchtete als gesichtslose, entmenschlichte Masse und schürt damit Ängste und Hass – das hilft nur rechtsextremen Populisten. In sozialen Medien ist mehrfach auf die Ähnlichkeit zwischen dem SPIEGEL-Cover und einer antisemitischen Postkarte aus dem Jahr 1901 verwiesen worden. Ich will der Redaktion nicht unterstellen, dass sie sich bewusst daran orientiert hat. Allerdings sollte Ihnen als Journalist:innen auffallen, in welchem Fahrwasser Sie sich mit dieser Bildsprache bewegen. Außerdem: Das Cover zeigt fast ausschließlich Schwarze Geflüchtete. Dabei waren die mit Abstand meisten Menschen, die in den letzten Jahren in Deutschland Schutz gesucht haben, weiß und aus der Ukraine. Warum diese Entscheidung? Gewaltvolle Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte steigen, und die Rechtsradikalen legen in Umfragen zu – das ist auch für uns als Filmemacher und Journalistinnen gefährlich. Deshalb bin ich fassungslos angesichts des rassistischen Covers.
Jascha Hannover, Köln
Der SPIEGEL präsentiert in seiner Titelstory, stellvertretend für Tausende Lampedusa-Flüchtlinge, ein Foto von zwei jungen Müttern mit ihren Kleinkindern. »Bild« berichtete von 90 Prozent jungen Männern. Wenn man damit Emotionen und Meinungen transportieren will, könnte das nach hinten losgehen und das schon angeschlagene Vertrauen in die Medien weiter reduzieren. Die AfD wird’s freuen.
Rüdiger Lüttge, Gielsdorf (Brandenb.)
Die Probleme der EU-Grenzsicherung, des Kampfes gegen Schleuser und der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber könnten vergleichsweise zügig gelöst werden: durch ein von der EU finanziertes, organisiertes und von der Uno kontrolliertes System von Zentren für Asylsuchende, Migranten und auch Abgeschobene in Libyen, Marokko, der Türkei und weiteren Staaten. Da sich oft nicht nur die Verfolgten und Verzweifelten, sondern auch die motiviertesten Menschen auf den Weg machen, sollten diese Zentren nicht nur die Asylberechtigung prüfen, sondern auch die Möglichkeit einer Ausbildung und ausbeutungsfreien Einbindung in die lokale Wirtschaft der Gaststaaten. So hätten alle Beteiligten einen Gewinn, wirtschaftlich und humanitär.
Dr. Rudolf Winkel, Müllheim (Bad.-Württ.)
Wann wird begriffen, dass die Migration kein singuläres Ereignis ist, sondern ein langfristiger Prozess? Da ist nichts zu schaffen, und dann ist gut. Der Druck wird so lange bleiben, wie die Ursachen bleiben. Und die Ursachen sind überwiegend nicht änderbar: Armut, Klima, politische Verhältnisse, Konventionen, Gesetze. Keine Regierung, keine Partei, auch nicht die AfD, könnten die Migration stoppen. Auch Verträge mit Tunesien und anderen Ländern halten Migranten nicht auf. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem wir sagen könnten: »Wir haben es geschafft«. Und was überhaupt soll »geschafft« werden?
Peter Wolter, Leonberg (Bad.-Württ.)
Wir stehen vor dem Beginn einer Völkerwanderung. Irgendwann werden die meisten Menschen dort leben, wo sie Schutz vor Klimakatastrophen, Kriegen und unfähigen Regierungen finden. Auch in Westeuropa? Wahrscheinlich. Ob es uns passt oder nicht, eines Tages sind Nationen bedeutungslos, es wird nur noch ein Weltvolk geben. Jeder wird dorthin streben, wo er die besten Aussichten für sich vermutet. Zunächst sollten wir uns aber um das Naheliegende kümmern: Land und Leute auf die Zukunft vorbereiten, das heißt Akzeptanz für Zuwanderung stärken und die Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, Wohnungsbau) ausbauen. Mir sind alle willkommen, die bereit sind, Teil der Gesellschaft zu werden, zu akzeptieren, was (politisch, wirtschaftlich, sozial, bezüglich Erziehung, Bildung, Gesundheit, Religion) sie hier vorfinden, und mitzuhelfen, dass das Land »funktioniert«. Wer das nicht will, sollte sich nicht auf den Weg machen.
Hartmut Greiser, Elz (Hessen)
Es ist unmenschlich und tut weh, wenn jemand, der zufällig in einem reichen Land geboren worden ist, fordert, anderen Menschen die Einreise zu verweigern. Es ist aber genauso unmenschlich, die Stärksten und Mutigsten mit dem Versprechen eines guten Lebens anzulocken, sofern sie nur die mörderischen Pfade der Schleuser überleben. Für ein Versprechen, das wir in unbegrenzter Anzahl ohnehin nicht halten können. Besser wäre es, eine großzügige, aber begrenzte Zahl an Einreisen zu erlauben, für die sich Menschen, sofern ihr Leben nicht unmittelbar in Gefahr ist, aus ihrem Heimatland bewerben. Das bedeutet umgekehrt aber auch, die anderen an der Grenze zurückzuweisen. Das ist immer noch unmenschlich, aber es ist steuerbarer, und alle Beteiligten wissen, woran sie sind.
Stefan Masannek, Kiel
Völkerwanderungen gibt es, seit es Menschen gibt. Die Ursachen waren vielfältig. Was gegenwärtig geschieht, da liegen die Ursachen auf der Hand. Nicht einmal brutalste Maßnahmen können diese Wanderungen stoppen. Vielleicht hilft es zu versuchen, sie zu steuern. Tröstlich ist, was die einschlägigen historischen Wissenschaften belegen: Immer wieder waren die Aufnahme und die Integration von Zugewanderten ein Gewinn für das Gemeinwohl.
Albrecht Hauter, Hamburg
Sofortige Ernüchterung
Heft 38/2023 Leitartikel: Der Westen muss seine Strategie gegenüber Iran ändern – und kompromissbereit sein
»Wie man Despoten umgarnt«, darüber laborieren demokratische Politiker seit 100 Jahren. Wenn die versierte Auslandskorrespondentin Susanne Koelbl dies als Überschrift ihres Leitartikels für eine kluge Iran-Politik wählt, dürften informierte Lesende gespannt sein angesichts der verfahrenen Situation im terroristischen Mullah-Staat. Der Text jedoch sorgt für sofortige Irritation und Ernüchterung: Wo und wann hat der »Westen«, zum Beispiel unsere feministische Außenpolitikerin Baerbock, ernsthaft versucht, die revoltierende Bevölkerung, allen voran mutige Frauen, wirksam zu unterstützen? Die Ampel sowie die EU konnten sich nicht mal dazu durchringen, die mörderischen »Revolutionsgarden« als Terrortruppen zu sanktionieren. Die Bundesregierung forderte öffentlich auch nicht etwa die Freilassung der tödlich bedrohten deutschen Geiseln Nahid Taghavi und Jamshid Sharmahd, sondern lediglich verbesserte Haftbedingungen.
Albert Lange, Detmold
Chance leider verpasst
Heft 38/2023 Die Grünen sind die meistgehasste Partei der Republik
Ich war gespannt, ob dieser Artikel eine konstruktiv-kritische Analyse bietet. Doch kein kritisches Wort über die Grünen. Nach einer Aufzählung unappetitlicher und schlimmer Beispiele, wie sich Menschen gegenüber grünen Politikerinnen und Politikern aufführen, folgen zögernde Erklärungsansätze: Es geht um Zumutungen, um etwas, was man ein schlechtes Gewissen nennen kann, sowie um die Vermutung, dass es sich besonders gegen grüne Frauen richte. Belege: Fehlanzeige. Zitate müssen reichen. Vom SPIEGEL erwarte ich gründliche Recherche und keine erwartbaren Klischees. Interessant hätte ich eine Auseinandersetzung mit der verbreiteten Meinung gefunden, dass die grüne Partei am weitesten weg ist von den – Achtung, Klischee – kleinen Leuten. Und am wenigsten Interesse an deren Sorgen zeigt. Und ob sich Menschen davon provozieren lassen. Ich hätte Fragen an Politikerinnen und Politiker der Partei erwartet, wie selbstkritisch die Grünen mit sich sind. Wie die Partei mit den Vorwürfen der Besserwisserei und der Überheblichkeit umgeht. Ob diese Vorwürfe stimmen. Oder ob sie nicht stimmen. Ob auch sie nur ein Klischee bilden. Der Artikel war eine Chance. Leider wurde sie verpasst.
Roland Krämer, Schwelm (NRW)
Leider haben Sie bei der Recherche zu den Hassangriffen auf Politiker und Funktionäre der Grünen einen wesentlichen Ursachenkomplex völlig ausgeblendet: nämlich die unsägliche Rolle bestimmter klassischer Massenmedien in Deutschland, die, statt sachgerecht zu informieren, mit billigen Schlagwörtern, reißerischer Übertreibung, populistischer Vereinfachung und primitiver persönlicher Diffamierung eine beispiellose Hetzkampagne gegen alles, was irgendwie grün erscheint, maßgeblich mit entfacht haben. Gerade bei der Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes konnte man deutlich sehen, dass es hier weniger um sachlich gerechtfertigte Kritik ging als um eine grundsätzliche Kampagne gegen eine Partei und ihre politischen Ambitionen. So wird nicht nur der Boden für einzelne gewalttätige Übergriffe bereitet, sondern generell eine Verschiebung der politischen Debatte von der Sachebene auf die Ebene des demokratiefeindlichen Populismus befördert.
Dr. Rainer Philippi, Hardert (Rhld.-Pf.)
Zum Heulen
Heft 39/2023 Experte Gerald Knaus fordert mehr Kontrolle bei der Migration
Ein super Artikel. Warum setzt sich ein so kluger und weitsichtiger Mann wie Herr Knaus nicht durch mit seinen Vorschlägen? Es ist zum Heulen!
Pia Heckel, Hamburg
Große Vorfreude
Heft 38/2023 So gesehen – Regierungstipps gegen den Kinderarzneimangel
Wenn ich den neuen SPIEGEL erhalte, geht der erste Blick auf die letzte Seite, »So gesehen«. In Ausgabe Nr. 38 hat Stefan Kuzmany sich mal wieder selbst übertroffen! Selten so gelacht. Wie kommt man auf so was? Bitte machen Sie weiter so – ich freue mich auf jeden Samstag!
Horst Rüttgers, Augsburg
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