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THEATER Brillante Versager

Das Zürcher Schauspielhaus unter Christoph Marthaler ist in der Krise: Es fehlen Zuschauer und Franken - doch die Fachleute jubeln über Marthalers Regie-Arbeit.
Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 5/2002

Das frustrierte Publikum sollte endlich Luft ablassen. Die potenziellen Opfer selbst hatten eingeladen. Gekommen waren aber trotz schriftlicher Bitte der Intendanz an alle Abtrünnigen und Enttäuschten in der Mehrzahl nicht die Kritiker, sondern die hartnäckigen Fans des Zürcher Schauspielhauses.

Und so hatten sich zur »Publikumskonferenz« am vergangenen Mittwoch Intendant Christoph Marthaler, 50, und seine Führungscrew vergebens auf Dauerbeschuss von verärgerten Theatergängern eingestellt. Stattdessen gab es hauptsächlich Durchhalteparolen der Anhänger zu hören. So konterte ein Zuschauer die Beschwerde, das Haus präsentiere zu viel Rätselhaftes und erkläre zu wenig, mit dem Lehrsatz: »Das Geheimnis eines Langweilers ist es, immer alles zu sagen.«

Zuspruch hat Marthaler dringend nötig. Seit der in Zürich geborene, in Deutschland gefeierte Regisseur ("Stunde Null") vor eineinhalb Spielzeiten als Theaterdirektor heimgekehrt war, hatte er das vorher eher verschlafene Institut mit zeitgenössischem Theater in die überregionalen Feuilletons gehievt. Sein Haus war sogar von einer Fachleute-Jury zum deutschsprachigen »Theater des Jahres«

gekürt worden, aber es geriet auch ins Visier einer oft hämischen Ortspresse.

Denn Marthalers Start war keineswegs reibungslos. Mehrere Premieren hatten verschoben werden müssen, das sensible Abonnementsystem brach teilweise zusammen. Verärgert über die Organisation und den ungewohnten Spielplan teilten rund 35 Prozent der auf Zuverlässigkeit und Präzision geeichten Abonnenten dem Theater ihre Kündigung mit.

Das für Zürcher Verhältnisse gewagte Programm war zudem nicht darauf ausgerichtet, Traditionalisten zu Anhängern der neuen Führungscrew zu machen. So inszenierte Polit-Rowdy Christoph Schlingensief eine viele verstörende »Hamlet«-Version, bei der er Neo-Nazis aufmarschieren ließ; auch Christina Paulhofers Inszenierung von Rainald Goetz'' Chill-out-Groteske »Rave« traf nicht den Geschmack des in Teilen immer noch der goldenen Zeit des Zürcher Emigranten-Theaters nachtrauernden Publikums.

Zusätzlich machten Erblasten Marthaler das Direktorenleben schwer. Der Umbau einer alten Werft zum Theater Schiffbau mit einer großen Halle (500 Plätze) und der Experimentierbühne Box (160 Plätze) wurde weitaus teurer als geplant.

Schwerste Bürde des Zürcher Schauspielhaus-Chefs aber ist ein Einnahmesoll, wie es deutsche Intendanten nicht einmal in ihren düstersten Alpträumen halluzinieren: 30 Prozent des Budgets sind einzuspielen.

Zum Vergleich: Die deutschen Subventionsbühnen mussten in der Spielzeit 1999/2000 dagegen im Durchschnitt nur 15,7 Prozent an der Kasse selbst erwirtschaften.

Doch der Streit um das Zürcher Schauspielhaus ist längst von einer finanziellen zur ideologischen Krise eskaliert. In der Rangelei ums richtige Kunstverständnis haben die Schweizerische Volkspartei (SVP), eine rechtspopulistische Gruppierung, und der ihr nahe stehende Bund der Steuerzahler gegen Marthaler mobilisiert. Die SVP-Frau Monika Erfigen etwa will den Schiffbau entweder »verkaufen oder schließen« lassen und meint: »Herr Marthaler muss wohl gehen.« Der Steuerzahler-Bund polemisierte auf Flugblättern gegen die »dekadente Kultur« des Theaters, wo »sexuelle Handlungen viele Aufführungen dominieren«.

Die Steuerzahler-Bündler wollen gar einen Volksentscheid darüber erwirken, ob dem Theater 2,5 Millionen Franken - entstanden durch Überschreitung der Umbaukosten für den Schiffbau - vom Stadtrat bewilligt werden.

Zumindest in dieser Frage gibt es - so wurde genau am Abend der Publikumskonferenz verkündet - Entwarnung: Die Abgeordneten gaben dem Theater eine Zusage für die Übernahme dieses Defizits.

Die Angriffe auf den Intendanten Marthaler kontert der Regisseur Marthaler indes mit schöner Souveränität. Am vorvergangenen Sonntag präsentierte er seine jüngste Regiearbeit »Die schöne Müllerin«. Der Abend, eine frei phantasierende Bilderfolge zu Schuberts romantischem Liederzyklus, zeigt sehr Marthaler-typisch ein Panoptikum kaputter Figuren: lauter brillante Versager, die ihr Leiden an der Gegenwart in immer neue tragikomische Ersatzhandlungen ummünzen.

In der geradezu programmatisch zweitverwerteten Kulisse von Anna Viebrock (das Bühnenbild stammt aus der Marthaler-Produktion »Hotel Angst") stolzieren sie fallsüchtig wie ein Ballett von luziden Bekloppten von einem Desaster ins andere.

Der Raum, eine Mischung aus aufgegebenem Berghotel, Anstaltsaufenthaltsraum und Wartesaal fürs Strandgut des Lebens, bietet die Kulisse für einige der schönsten Bilder, die Marthaler je erfunden hat.

Wie zwei siamesische Zwillinge, die am Kopf zusammengewachsen zu sein scheinen, rollen da zwei Schauspieler über eine Treppe: ein Duo der Verdammten, das - wie der Schubert''sche Müllergeselle und seine unglücklich angebetete Müllerin oder der Zürcher Intendant und sein Publikum - nicht voneinander loskommt.

Das schien auch Christoph Marthaler am Ende seiner Publikumskonferenz zu spüren. Milde ironisch versprach er Besserung: »Wir werden uns bemühen zu kommunizieren.« Vielleicht sollte es Marthaler, der große Musikalienhändler, mal selber mit Gesang versuchen. JOACHIM KRONSBEIN

* Mit Christoph Homberger, Bettina Stucki, Rosmary Hardy.

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