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»Bronx in der Sprache«

aus DER SPIEGEL 43/1992

Artmann, 71, ist als verspieltester Dichter der legendären »wiener gruppe« bekannt geworden ("how much, schatzi?"). Er lebt in Salzburg.

SPIEGEL: Sie gelten als Kleinschreibungs-Apostel. Weshalb nehmen Sie sich diese dichterische Freiheit?

ARTMANN: Ich schreibe aus ästhetischen Gründen klein. Nicht nur weil man's leichter schreibt: Deutsch hat zu viele Oberlängen, kaum Unterlängen. Das Schriftbild wird also besser.

SPIEGEL: Aber Ihre Texte sind mühsamer, langsamer zu lesen.

ARTMANN: Dann müßte eben einfach die ganze Welt langsamer lesen. In indischen Schriften schreibt man alles hintereinanderweg, warum nicht auch in der lateinischen Schrift? Man soll langsamer lesen. Das wäre in meinem Sinne.

SPIEGEL: Könnten Sie dann nicht gleich auf Interpunktion verzichten?

ARTMANN: In meinem Prosabuch »Nachrichten aus Nord und Süd« gibt es tatsächlich keine Satzzeichen - was mich selbst stört: Es ist schwer vorzulesen. Aber das soll so sein: Ein Wort schlingt sich dann ins andere.

SPIEGEL: Ihre Dialekt-Schreibung ist berühmt. Haben Sie auch im Hochdeutschen eine eigene Orthographie?

ARTMANN: Nein, ich mach' es nach Gespür. Aber ich geh' natürlich aufs Mittelhochdeutsche zurück. Manchmal schriebe ich gern »Licht« mit ie, wie die Brüder Grimm.

SPIEGEL: »Numerieren« soll jetzt zwei m haben, »plazieren« ein tz.

ARTMANN: Also, »nummerieren« ist mir auch schon passiert - nicht weitersagen, es rutschte so in die Maschine. Aber »platzieren« finde ich komisch, da denk' ich an »zerplatzen«. »Plazieren« kommt ja aus dem Romanischen.

SPIEGEL: Was halten Sie davon, das ß abzuschaffen?

ARTMANN: Ja, das »daß": Jahrzehntelang habe ich es nur mit Doppel-S geschrieben, wie in der Schweiz. Jetzt schreib' ich wieder das schöne alte, geschwungene ß. Ich kann ja die Regel; manche, die sie nicht können, sagen eben: Ich bin Schweizer. Aber »ich wüsste«, das sieht nicht schön aus.

SPIEGEL: Weshalb? Weil Sie es anders gewohnt sind?

ARTMANN: Wahrscheinlich. Und außerdem ist das ü in »wüßte« ja eigentlich lang. Die Schweizer können das schon nicht mehr unterscheiden. Aber ich bin Lyriker, mir geht es um das Wort selbst und sein Umfeld, worin es sitzt. Früher habe ich zum Beispiel oft etwas mit c geschrieben: »creutz« mit tz, um den barocken Geruch reinzukriegen.

SPIEGEL: Dürften Lehrer das durchgehen lassen?

ARTMANN: Sicher nicht. Wir werden ja immer illiterater, wir kriegen ja amerikanische Bronx-Zustände in der Sprache inzwischen. Ich bin nicht elitär - na ja, eigentlich doch sehr elitär in dieser Sache. Schulisch gesehen, wäre ich schon für eine gewisse Reglementierung. In der Schule wird man so erzogen, daß man die alte Literatur einfach nicht mehr lesen kann.

SPIEGEL: Was könnte die Rechtschreibung da tun?

ARTMANN: Am besten wäre vielleicht so etwas wie die normalisierte Schreibung des Mittelhochdeutschen. Bei Walther von der Vogelweide heißt das Licht »liht«, das c vom ch ist gar nicht nötig. Und fürs lange o gibt es einen Zirkumflex-Akzent.

SPIEGEL: Wäre so eine Schreibreform nicht viel revolutionärer als das, was im Moment diskutiert wird?

ARTMANN: Gewiß. Das heutige sind immer nur Halbheiten.

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