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ARCHITEKTEN Brüche im Bauen

Peter Kulka ist einer der meistgerühmten Baumeister dieses Jahres. Dem Dresdner, der früher dem kruden Beton huldigte, gelingt heute eine geschmeidige Ost-West-Ästhetik.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Ein Studienplatz in Bielefeld? Entsetzlich. Ein Voll-Affront - zumindest in ästhetischer Hinsicht. Das Uni-Gebäude: eine alternde, vergammelte Riesen-Kröte, gebaut auf grüner Wiese und deswegen vorzugsweise mit dem Auto zu erreichen. In 22 Jahren ist es nicht gelungen, das Uni-Leben in die Stadt zu integrieren; die Studierenden, oftmals Pendler aus den umliegenden ostwestfälischen Kleinstädten, brüten isoliert in ihrer tristen Lernfabrik.

Einer der Architekten des Grusel-Gebäudes ist Peter Kulka, 61, der unverdrossen weiter gewerkelt hat. Kulka plante so ziemlich alles, was ein Architekt in einem Berufsleben unterbringen kann: Kirchen, ein Stadion, ein Verwaltungsgebäude, einen S-Bahnhof, eine Wohnanlage. Aber nach 1989/90 ersann er auch neue Renommierbauten im Osten: den sächsischen Landtag in Dresden, die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, und noch einmal ein Universitätsgebäude - die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften in Magdeburg.

Und siehe da: Die Kritiker schwärmen. Der Landtag sei »interessant und souverän« ("Bauwelt"), »ein wohlgeratener Bau von feiner Einfachheit« ("Zeit"). Die Galerie erreicht »einen spannungsvollen Kontrast zwischen Traditionsbewahrung und materialbetonter Moderne« ("Frankfurter Rundschau") und »atmet die Eleganz des less is more« ("Tagesspiegel").

Woher kommt dieser bemerkenswerte Wandel von der Klotzerei zur sensiblen Klarheit? Was ist mit Kulka, dem neuen Liebling des Feuilletons - »den man auch in der ,Szene' meist übersehen hat« ("FAZ") -, passiert?

»Mein Leben ist unruhig verlaufen, und daher kommen auch die Brüche im Bauen«, sagt Kulka. Doch es war nicht nur das Hin und Her von Ort zu Ort, von Schule zu Schule, das sich seinem Bauen eingeprägt hat. Es waren vor allem die Wechselfälle deutsch-deutscher Geschichte, die in Kulkas Werk auf frappierende Weise sichtbar geworden sind.

Schon seine Idee, Architekt zu werden, hat mit einer historischen Tragödie zu tun: Kulka war sieben Jahre alt, es waren die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, und seine Heimatstadt zerfiel durch Bomben der Alliierten. Dresden brannte Tag und Nacht.

Als das Inferno vorbei war, fuhr Kind Kulka mit einer Straßenbahn ohne Scheiben durch die Stadt und staunte. »Ich war jung, aber natürlich nehmen Kinder Katastrophen wahr. Ich kannte in Dresden so viele Ecken, und auf einmal war nichts mehr da.« Auch in Kulkas Familie änderte sich alles: Sein Vater, ein Architekt, starb im Krieg - »ich wollte seine Arbeit fortführen«.

So absolvierte Peter Kulka Anfang der Fünfziger eine Maurerlehre und studierte dann in Ost-Berlin Architektur. Schon die erste Stelle des Jungtalents war ziemlich prominent: Kulka wurde Mitarbeiter von Hermann Henselmann, dem berühmtesten DDR-Architekten. Der Chef-Baumeister der Ost-Berliner »Stalinallee« war gerade dabei, seinen eigenen Berufsstand abzuschaffen. Henselmann folgte einem Befehl aus Moskau, »schneller, besser und billiger« zu bauen, und erfand die sogenannte Typenprojektierung: die industrielle Fertigung von Häusern. Kulka machte mit.

Doch langsam wurde ihm unbehaglich. Er, der versichert, »nie in der Partei gewesen« zu sein, verspürte wachsenden Druck. Wenige Monate nachdem er bei Henselmann angefangen hatte, nutzte er die Gelegenheit abzuhauen. Eine Bekannte aus West-Berlin bezahlte Fluchthelfer, die ihn 1965 im Auto über die tschechische Grenze mitnahmen. Im Gepäck hatte Kulka ein bißchen Wäsche, ein Hemd zum Wechseln, West-Zigaretten zur Tarnung. Seine Zeugnisse steckten zerknüllt in der Hosentasche.

Im Westen heuerte er gleich beim nächsten Promi-Architekten an. Bei Hans Scharoun, der ein Berliner Großbüro betrieb und einen Stil verfocht, der Kulka gänzlich fremd war. Hier war der industriell gefertigte Kasten-Kult verpönt, Scharoun wollte jene wuchernd-vegetativen Formen, die schon seinen Entwurf für die Berliner Philharmonie - ein gelbes Gebäude-Gebirge - geprägt hatten.

Schon wieder fühlte Kulka sich fremd. Die Sehnsucht nach Henselmanns Pragmatismus holte ihn ein. Mit ein paar anderen jungen Architekten plante er von 1970 bis 1976 an seinem monströsen Erstlingswerk herum: der Uni Bielefeld, gebaut aus industriell hergestellten Fertigteilen - ganz wie es Kulka in der DDR gelernt hatte.

Auch auf andere Weise haftet dem Bau DDR-Tragik an: Die Architekten wollten eine Reform-Uni errichten, in der basisdemokratisch alle Fakultäten in gleichhohen Trakten untergebracht sind. Das System Uni sollte autonom sein, nicht angewiesen auf die Welt draußen. Bibliothek, Seminarräume, Läden, eine Post, ein Schwimmbad, Cafés - alles unter einem Dach. Der Preis dieser Idee war eine Isolation, unter der viele Studierende bald litten.

Kulkas Lust, das frühe Gebäude zu verteidigen, hält sich inzwischen in Grenzen. Er besteht zwar darauf, daß der Bau »den Bildungsboom in den Siebzigern abbildet«, gibt aber zu: »Die Massivität war für mich ein Schock.«

Nicht nur für ihn. In der ersten Zeit des Uni-Betriebs, Ende der siebziger Jahre, schlug die Stimmung im Land um. Nackter Beton stand auf einmal für Häßlichkeit, die Leute wollten einen Hauch Historie und mehr heile Welt. Die Postmoderne setzte sich durch. Giebel, Erker, Säulen wurden schick. Gebäude wie der Bielefelder Lernbetrieb mußten als Demonstrationsobjekte des Schreckens herhalten, als Symbole einer verirrten Zeit.

Und wieder war Kulka in der Krise. Bei einer sachlichen Ästhetik wollte er - der am liebsten schwarze Kleidung trägt und sich selbst so gern als »spröde« bezeichnet - bleiben. Aber er brauchte Auftraggeber. Dem Abtrünnigen aus dem atheistischen DDR-Staat kam die Kirche zur Hilfe. Vom katholischen Köln aus baute er Gotteshäuser. An einer Benediktinerabtei im Sauerland ist Kulkas Kompromiß mit dem Zeitgeist erkennbar. Kulka verzichtete auf die Lieblingsform der Modernen, den kahlen Kasten. Der Speisesaal des Klosters ist so halbrund wie ein Brotlaib. Mit kleinen teuflischen Details machte der Baumeister jedoch deutlich, daß er keineswegs glaubt, für eine heile Welt zu bauen: Die Kapelle stellt sich quer zu den anderen Gebäuden - Asymmetrie als Störfaktor.

Der Architekt hätte wohl weiter vor sich hin gearbeitet, weiter als Professor für Konstruktives Entwerfen seine Studenten in Aachen belehrt - wäre nicht auf einmal die Wende gekommen. Die neue parlamentarische Demokratie in Sachsen sollte einen schicken Landtag bekommen. Standort: Dresdens Prachtmeile am Elbufer. Wer eignete sich für einen Entwurf besser als ein Dresdner mit West-Erfahrung? Kulka bekam den Zuschlag.

Also wieder ein Wagnis, zurück nach Dresden, zurück nach Hause, die Verwandten warteten schon, im Überschwang eröffnete Kulka ein neues Büro.

Daß die Rückkehr in seine Heimat für ihn mehr als nur eine nette Nostalgie war, sieht man seinen Gebäuden an. Kulka vereint seine Erfahrungen in Ost und West. Er bezieht sich selbstbewußter als zuvor auf Vorbilder früher DDR-Jahre, auf all die Bruno Tauts und Hannes Meyers, die die Helden seiner Uni-Zeit waren. Dabei vernachlässigt er aber nicht das Bedürfnis nach Geborgenheit, auf das Rücksicht zu nehmen er in den Achtzigern im Westen gelernt hatte.

Das Parlament: ein kühler Stahlbau, schlichte Formen, große Glasflächen, klar und konsequent - eine frühe Trophäe der Wiedervereinigung und ein Gebäude fürs Volk. Besucher dürfen zu jeder Tageszeit eintreten, der Eingang des Parlaments nennt sich »Bürgerforum«.

Auch bei der unlängst eröffneten Leipziger Galerie zeigt Kulka Wossi-Qualitäten: Er mußte eine denkmalgeschützte Gründerzeit-Villa umbauen, ließ - mit einem Gruß an den Zeitgeist - ihre Balkone und Balustraden restaurieren, baute aber an der rückwärtigen Seite keck einen kantigen Kubus an. Feudale Vergangenheit und rationale Moderne sollen sich vertragen. Es klappt.

Bei der Bildungsanstalt in Magdeburg mußte Kulka mit dem übelsten Baubestand umgehen: Das erste neue Fakultätsgebäude der Magdeburger Universität liegt abseits des Uni-Geländes an einer scheußlichen Ausfallstraße. Gründerzeit- und Plattenbauten, riesige Kriegslücken - hier herrscht ein einziges Durcheinander.

Angesichts dieser Lage hat sich Kulka für eine gebrochene, maßvolle Strenge entschieden: für eine Kastenform, aber auch asymmetrisch. Für schwarze Ziegel, aber auch viel Glas. Und fürs Gemüt kräftige Farbakzente.

Wieder ein Gebäude, das Sachlichkeit mit Seele verbindet. Peter Kulka scheint wiedervereinigt mit sich selbst und so richtig in Form. »Heute glaube ich, daß große Ordnungssysteme Chaos nach sich ziehen. Das zeigen die DDR und ihre Plattenbauten.« Kulkas Ausweg: »Ich habe eine Sucht entwickelt, Kleines zu bauen.« Selten hat sich eine Sucht so positiv ausgewirkt. SUSANNE BEYER

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