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Literatur Brüchige These

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 8/1994

Alle dreißig Jahre wieder (SPIEGEL 17/1964) wird William Shakespeare, der Welt größter Dramatiker, vom Thron gestoßen. Unter dem bezeichnenden Titel »Das Shakespeare-Komplott« hat sich dieses Mal der in Innsbruck lebende Literaturkritiker und Übersetzer Walter Klier, 38, darangemacht, den »tollsten Literaturkrimi der Welt« zu entschlüsseln*. Die Frankfurter Allgemeine ließ Klier sogar in einer ihrer Wochenendbeilagen in Tiefdruck und ausführlich zu Wort kommen.

Klier begnügt sich nicht damit, aufzuzeigen, daß Shakespeare allenfalls Kaufmann in Stratford oder Schauspieler in London, nicht aber der Verfasser der ihm von der Anglistik zugeschriebenen Dramen gewesen sein könne. Er sieht »erdrückende« Beweise, daß ein speziell anderer die Stücke wie im übrigen auch die Sonette geschrieben habe, der 17. Graf von Oxford, Edward de Vere, erblicher Großkämmerer des Reiches, angeblicher Favorit ("eine Zeitlang") der Königin Elizabeth I., Schwiegersohn des mächtigsten Mannes nach der Königin, des William Cecil, Lord Burghley. Von de Vere gibt es wenige erhaltene Gedichte, die Klier aber mühelos als jugendliche Vorübungen auf dessen spätere Shakespeare-Rolle erkennt.

Nun beschäftigt man sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts ausführlich und immer wieder mit Shakespeares realer Person, weil das, was er geschrieben hat, in keinem beweisbaren Kontext zu stehen scheint zu dem, was von ihm als Privatmann und Staatsbürger bekannt ist. Namentlich die Sonette hatten es der Philologie angetan, und das mit einigem Recht.

Es hat aber kaum einer je gewagt, den wirklichen Shakespeare in Gestalt einer absolut verbürgten Person kenntlich zu machen, keiner außer 1920 J. Thomas Looney, dem ernsthafte philologische Betrachtung nicht zuteil wurde, von dem aber auch zweifelhaft ist, ob er sie verdient. Looney glaubte schon damals, mit Edward de Vere den Dichter dingfest gemacht zu haben.

Inzwischen gibt es nicht weniger als 57 Personen, die als geheimer oder doppelter Shakespeare figurieren. 50 davon gehören in den Karneval, unter ihnen Figuren wie Maria Stuart und Elizabeth selbst. Mit den verbleibenden 7 lohnt die Beschäftigung.

Ganz vorn steht da Francis Bacon. Von Beweisen für den wahren Shakespeare allerdings kann auch hier keine Rede sein. Erst an vierter oder fünfter Stelle, so bezifferte es jüngst der Anglist Herbert Mainusch aus Münster, taucht der 17. Earl of Oxford auf, den der Kritiker Francis Meres 1598 einen Komödienschreiber »among the best« nennt. Er nennt kein Werk, und wir wissen auch keinen Titel, aus dem sich dieses Lob ergeben könnte. Im selben Buch äußert sich aber derselbe Kritiker nahezu hymnisch über den damals 34jährigen Shakespeare, und er beruft sich auf eine Reihe von Titeln: Wie Plautus und Seneca bei den Römern als die besten Lustspiel- und Tragödiendichter galten, so ist Shakespeare bei den Engländern der hervorragendste Vertreter beider dramatischer Gattungen. Hiervon zeugen für das Lustspiel »Die beiden Veroneser«, »Die Komödie der Irrungen«, »Verlorene Liebesmüh'«, »Ende gut, alles gut«, »Ein Sommernachtstraum« und »Der Kaufmann von Venedig«, für die Tragödie »Richard II.«, »Richard III.«, »Heinrich IV.«, »König Johann«, »Titus Andronicus« und »Romeo und Julia«.

Man sollte meinen, hier werde die These Kliers schon brüchig, ja, sie sei schon zusammengebrochen. Aber Klier, den Scholaren nicht hold, will seine Argumente »populärwissenschaftlich« zusammenfassen.

Es scheint, als befinde er sich gar nicht auf dem neuesten Stand. Vermutlich hat er die 1992 in England und Amerika erschienene Shakespeare-Biographie des Oxforder Dozenten Dennis Kay gar nie gelesen*. Kay argumentiert so dicht, daß der Gedanke, ein anderer habe Shakespeares Stücke geschrieben, gar nicht erst widerlegt wird, der Autor hielt abweichende Thesen wohl für endgültig ausgeräumt. Man darf auf einen Vergleich der wissenschaftlichen Ergebnisse von Dennis Kay mit der Populärwissenschaft von Walter Klier wahrhaft gespannt sein.

Wann Shakespeare gestorben ist, wissen wir: im Jahre 1616. Aber, was Wunder, wir wissen auch, wann der Earl of Oxford, Edward de Vere, gestorben ist: im Juni 1604.

So müssen wir uns fragen, wer den »Macbeth« geschrieben hat, der auf das Jahr 1606 angesetzt wird, wer die Tragödie »Antonius und Cleopatra«, der man die Entstehungsjahre 1607 und 1608 zuteilt? Wer den »Coriolanus« aus den Jahren 1607 bis 1610? Wer den »Perikles« 1606, wer »Cymbeline« 1609 oder 1610? Wer das »Wintermärchen« 1610/11? Wer den »Sturm« 1611? Wer »King Henry VIII.«, ein Stück, an dem das Schreibtalent John Fletcher beteiligt gewesen sein soll.

Walter Klier berühmt sich ja der Schlüssigkeit seiner These, Shakespeare sei ein Pseudonym für Edward de Vere gewesen.

Eine plausible Antwort auf diese Fragen bleibt er uns schuldig. In seinem Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen lesen wir: »Die Evidenz für de Veres Verfasserschaft ist erdrückend. Unerheblich hierfür bleibt die Frage, wieweit es Mitarbeiter an den Dramentexten gegeben hat oder unvollendet gebliebene Manuskripte nach de Veres Tod 1604 in die Form gebracht wurden, in der sie 1623 erschienen.« So macht man Leute neugierig und bleibt Beweise schuldig.

Daß Shakespeare nirgendwo abgeschrieben habe, kann nicht behauptet werden. Die Autoren des Shakespeare-Handbuchs vermuten in der Trilogie »Henry VI.« und in den frühen Komödien eine »teilweise Verfasserschaft Shakespeares« und folgern, daß »der Dramatiker zu Beginn seiner Laufbahn die Stücke anderer Autoren bearbeitete und adaptierte«. Noch mehr aber ist Shakespeare von seinen Kollegen geplündert worden. John Lyly (etwa 1554 bis 1606) aus Kent zum Beispiel benutzte als Vorlage für seine Komödie »The Maid's Metamorphosis« (falls er denn, was nicht sicher ist, deren Autor war) Shakespeares »Sommernachtstraum«.

Daß William Shakespeare nicht nur Dichter, sondern auch Schauspieler war, steht außer Zweifel.

Maria Stuarts Sohn Jakob, König von Schottland und nach dem Tode Elizabeths auch König von England, suchte sich naturgemäß von seiner großen Vorgängerin zu unterscheiden, und das geschah auch zugunsten des Theaters.

Schon zehn Tage nach seiner Ankunft in London 1604 befahl Jakob Lord Cecil, die Truppe des Lord Chamberlain zu seiner eigenen Truppe ("the King's own troup of players") zu ernennen. Der Erlaß erwähnt namentlich neun Schauspieler, unter ihnen William Shakespeare, und bald wird Shakespeares Name an der Spitze stehen.

In seinen letzten zehn aktiven Jahren wird Shakespeares Truppe an die zwölfmal im Jahr bei Hofe spielen, wo Elizabeth sich vorher auch mit dreimal begnügt hatte. Sein Name als Verfasser steht auf den Stücken. Shakespeare bekommt den Titel eines königlichen Kammerdieners ("Groom of the chamber"), eine Anerkennung seiner Arbeit.

Konnte schon Elizabeth schwerlich Zweifel daran haben, wer die Stücke, die bei Hofe aufgeführt wurden, geschrieben hatte, so gilt das erst recht für ihren Nachfolger Jakob. Der Gedanke, es hätte Edward de Vere den »Othello« oder »Den Kaufmann von Venedig« oder auch nur »Die lustigen Weiber von Windsor« verfaßt, scheint Elizabeth nie gekommen zu sein, und noch weniger kann sie von solchen Ideen gewußt haben. Es sei denn, sie wäre selbst an einem Komplott beteiligt gewesen.

Dann aber wäre ihr ohne Zweifel Jakob I. auf die Schliche gekommen, der selbst ein Poet war. Unvorstellbar, daß er und seine Leute einen solchen Betrug nicht erkannt hätten. Dem 17. Earl of Oxford, der ein Jahr nach Jakobs Thronbesteigung starb, scheint er nie begegnet zu sein.

So bleibt das Rätsel Shakespeare, das allenfalls mit dem Buch von Dennis Kay gelöst ist. Es bleibt ebenso die Gewißheit, daß nicht Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, der Verfasser dieser Meisterwerke gewesen ist. Dafür wenigstens hat Walter Klier mit seinem Komplott-Buch gesorgt. Y

Wer hat den »Macbeth« geschrieben?

Shakespeare wurde von seinen Kollegen geplündert

* Walter Klier: »Das Shakespeare-Komplott«. Essay. Steidl Verlag,Göttingen; 160 Seiten; 20 Mark.* Dennis Kay: »Shakespeare. His Life, Work and Era«. Sidgwick &Jackson, London; 368 Seiten; 20 Pfund.

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