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Brüderlein, Schwesterlein

»Schließe meine Augen, begehre oder töte mich«. Spielfilm von Stephen Poliakoff. Großbritannien 1991; 105 Minuten; Farbe.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Sie: eine junge Bürofrau, schwerreich verheiratet mit einem selbstgefälligen Snob und insofern eine Spur gelangweilt. Er: ein ehrgeiziger Architekt mit Draufgänger-Habitus. Was sich da ergeben kann, wenn es funkt und doch beide sich nicht gleich den Hals brechen wollen, ist die scharfe kleine Affäre, der Kitzel der Heimlichkeit, ein bißchen letzter Tango in einer riesigen leeren Wohnung, dann auch Entzugsqualen, weil jeder die eigene Coolness im Spiel mit dem Feuerchen überschätzt hat.

So ist das nun mal, umsonst gibt es nichts, und das einzige Besondere an dieser Ehebruchsgeschichte ist: Die beiden, die einander als Halbwüchsige aus den Augen verloren haben und nun aufeinanderfliegen, daß es blitzt und kracht, sind Bruder und Schwester. Britische Boulevardblätter, wenigstens, haben allein deshalb diesen eher behutsamen, komplizierten Film als Skandal beschrien.

Die Außenwelt, die hektische Business-Wirklichkeit, die Regisseur und Drehbuchautor Stephen Poliakoff, 39, seiner geheimen Liebesgeschichte entgegensetzt, ist das Bauboom-Terrain der Docklands rund um die »Canary Wharf«, doch im Blick des Helden (der dort, immer skeptischer, mitbaut) legt sich auf das hybride Monument des Thatcherismus eine seltsame Untergangsstimmung: Das Ende ist nah.

Und der Inzest? Poliakoff unterschlägt nicht das Erregende des Tabubruchs, das die beiden (Saskia Reeves und Clive Owen) zusammentreibt, auch wenn sie einander versichern, sie täten doch niemandem Böses. Dennoch schildert er, ungerührt kühl, ein Liebesunglück, wie es alle Tage Schlagzeilen macht.

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