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Gestorben Bruno Latour, 75

aus DER SPIEGEL 42/2022
Foto:

Miguel Medina / AFP

Er war ein Weltdenker, und wer das Glück hatte, mit ihm zu sprechen, dem konnte es passieren, danach aus seiner Pariser Wohnung zu stolpern und zu denken: Was ist wirklich? Stehe ich auf so festem Grund, wie meine Füße es suggerieren? Er war der Sohn einer Winzerfamilie, studierte Philosophie und Anthropologie und begann während seiner Zeit in Afrika, sich mit ethnologischen Studien zu beschäftigen. Daraus folgte ein Gedanke: Lässt sich diese Methode auf die modernsten Milieus des Westens anwenden? So entstand »Laboratory Life«, eine Studie darüber, wie wissenschaft­liches Wissen entsteht. Mit der Akteur-Netzwerk-Theorie systematisierte er dieses Konzept – was ihn in den Neunzigern ins Zentrum der »Science Wars« katapultierte. Der Physiker Alan Sokal forderte Latour auf, von einem Hochhaus zu springen, wenn die Erdanziehungskraft nur soziale Konstruktion sei. Latour verteidigte sich: Ihm gehe es nicht darum, Fakten zu bestreiten. Er beschreibe die Arbeit, die sie konstruiere. Angesichts der Klimawandelleugner wurde Latour aber zu einem Verteidiger der Wissenschaft. In seinen späten Büchern, etwa »Kampf um Gaia« (2017), beschrieb er eine neue Kopernikanische Wende. Eine, die die Menschheit bescheidener machen werde – weil wir, um zu überleben, verstehen müssten, dass wir in einem existenziellen Sinne Teil der Welt seien. Wir müssten uns »terrestrisch« begreifen. Bruno Latour verstarb am 9. Oktober in Paris an den Folgen einer Krebserkrankung.

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