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Athleten Brutale Auslese

Ängstlich sehen die westdeutschen Läufer, Springer und Werfer der Vereinigung entgegen: Die Konkurrenz aus dem Osten ist viel zu stark.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Unbekümmert und ehrgeizig machten sich Sabine Zwiener, 22, und Gabriela Lesch, 25, Ende Juli auf den Weg nach Spanien. Im sonnigen Urlaubsland wollten sich die beiden 800-Meter-Läuferinnen auf die Deutschen Meisterschaften vorbereiten. Eine Woche später kamen sie jedoch ernüchtert zurück. Als sie am Vorabend der Abreise in La Coruna zusammengesessen hatten, »da wurde uns klar«, so die Marburger Studentin Lesch, »daß dies eine der letzten Trainingsreisen gewesen ist«.

Eine der beiden Mittelstrecklerinnen wird bei den nationalen Titelkämpfen am kommenden Wochenende in Düsseldorf eine Meisterschaft gewinnen. Wie für die Mehrzahl der westdeutschen Leichtathleten wird es wohl die letzte sein, die auch die Qualifikation für große internationale Einsätze bedeutet. Bei den Europameisterschaften Ende August in Split geht noch einmal ein großes bundesrepublikanisches Team an den Start. »Danach«, sagt Sabine Zwiener, »wird alles anders.«

Schon bei der Hallen-Weltmeisterschaft in Sevilla im März 1991 wird es nach einem Beschluß der beiden nationalen Verbände ein gesamtdeutsches Team geben. In diesem werden, zumindest bis zu den Olympischen Spielen 1992, die sozialistisch gestählten Athleten aus der DDR dominieren.

Gerade die starken Frauen aus dem Osten werden viele ihrer westdeutschen Kolleginnen aus dem Nationalkader vertreiben. »Ich kann mir gut vorstellen, daß unsere Läuferinnen Angst haben«, sagt Speerwurf-Olympiasieger Klaus Wolfermann, »die DDRlerinnen laufen denen die Füße ab.«

So sieht Sabine Zwiener nach dem deutsch-deutschen Schulterschluß für sich »keine Chance mehr«. Die Zeiten und Weiten der Kolleginnen von drüben seien »eine ganz andere Welt«. Ähnlich frustriert sind viele andere Kollegen aus der Nationalmannschaft des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Denn im Vergleich der diesjährigen Bestenlisten liegen die DDR-Athletinnen in 14 von 17 Einzeldisziplinen vorn.

Im Weitsprung etwa fliegt Heike Drechsler derzeit 67 Zentimeter weiter als Claudia Gerhardt aus Gladbeck. Weltrekordlerin Petra Felke wirft den Speer gar zehn Meter über die Marke der West-Besten Ingrid Thyssen aus Leverkusen. Besser sieht es bei den Männern aus. Hier liegen die Westdeutschen ungefähr gleichauf.

»Bisher haben unsere Athleten immer auf den ersten Platz in der Bundesrepublik hingearbeitet«, erklärt DLV-Sportwart Manfred Steinbach die hiesigen Kalkulationen, »das reichte, um sich für große Wettkämpfe zu qualifizieren.« Doch diese Minimalrechnung geht bald nicht mehr auf. Wo früher je drei Athleten aus Ost und West an den Start gehen durften, können künftig nur noch drei gesamtdeutsche Sportler antreten.

Im Lager der westdeutschen Sprinter, Springer und Werfer herrscht daher allenthalben »große Unsicherheit«, wie Aktivensprecher Heinz Weis beobachtet hat. »Keiner weiß, wie's weitergeht«, so der deutsche Rekordhalter im Hammerwurf, »einige Athleten werden sich sicher umorientieren.« Auch Karl-Heinz Naujoks, Chef der LG Bayer Leverkusen, des erfolgreichsten westdeutschen Klubs, schließt nicht aus, daß einige Athleten zurücktreten, weil es keinen Sinn mehr habe, »sich noch zu quälen«.

Die Funktionärsgilde bereitet die noch eifrig trainierende Athletenschar daher vorsichtig auf den Karriereknick vor. So prophezeit Ulrich Feldhoff, Vorsitzender des Bundesausschusses Leistungssport, »eine ganze Reihe Härtefälle«. Steinbach wertet die Entstehung der neuen deutschen Leichtathletik-Equipe als einen »zwangsläufig martialischen Akt«.

Es werde eine ganz »brutale Auslese« geben, prophezeit Trainer Heinz-Jochen Spilker. Die Zeiten, in denen sich die traditionell langsameren Westdeutschen im »Lichte eines deutschen Meistertitels sonnen durften«, seien vorbei.

Die Konkurrenz aus dem eigenen Volk geht zudem den westdeutschen Aktiven an das Portemonnaie. Die Zahl der Athleten mit Optimalförderung wird »sicher nicht verdoppelt«, sagt Steinbach. Unterm Strich würden »von 200 ungefähr 140 Prozent« übrigbleiben. Detlef Dauke, Pressesprecher im Bundesinnenministerium, dem staatlichen Geldgeber des Spitzensports, signalisiert alles andere als Großzügigkeit. Schließlich gebe es, so Dauke, »auch in anderen Bereichen Finanzbedarf«.

Bei allen Rechenspielchen zur Leichtathletik-Einheit, klagen die Aktiven, seien sie als Betroffene übergangen worden. »Das ist eine saublöde Situation«, findet Meistersprinterin Ulrike Sarvari, »wir haben nichts zu sagen.«

Viele westdeutsche Athleten absolvieren nur deswegen noch ihr Trainingspensum, weil sie auf einen raschen Zusammenbruch des DDR-Sports hoffen. So werden von den einst 592 hauptamtlichen ostdeutschen Leichtathletik-Trainern gerade einmal 20 im Amt bleiben. Auch die »unterstützenden Maßnahmen«, wie der pharmazeutisch beschleunigte Muskelaufbau in der DDR genannt wurde, werden künftig nicht mehr von ganzen Brigaden sorgfältig geschulter Mediziner vorgenommen.

Doch die Aussicht auf lukrative Sponsorengelder hat die im Winter noch frustrierten Spitzenkräfte der DDR neu motiviert. »Mit dem schnöden Mammon läuft es wieder richtig«, freut sich die ehemalige Weitsprung-Weltrekordlerin Heike Drechsler, 25, die nach ihrer Baby-Pause immer noch zur Weltklasse gehört. In dieser Saison durften die ehemals gegängelten DDR-Leichtathleten die üppigen Gagen bei internationalen Sportfesten erstmals selbst kassieren. So wurden der Speerwerferin Petra Felke 10 000 und ihrem Trainer Karl Hellmann 2500 Dollar für einen Start bei den Goodwill Games zugesagt, inklusive Erster-Klasse-Flug nach Seattle.

Zudem engagierten sich Autofirmen wie Mercedes und Subaru bei erfolgreichen Leichtathletik-Klubs, in Berlin und Jena. Auch die Sportartikelhersteller setzen auf mehr Absatz im Osten. »Der Markt DDR ist jetzt reif«, weiß Wolfermann, der bei Puma das Marketingkonzept für Ostdeutschland entwickelt. Trotzdem warten viele DDR-Athleten nur noch die Europameisterschaft ab. Danach wird es eine Reisewelle zu den Spitzenklubs des Westens geben. »Bei uns gehen fast täglich Bewerbungen ein«, sagt Leverkusens Naujoks. Auch in Sindelfingen und Wattenscheid haben sich schon DDR-Stars angeboten.

Während die Mehrzahl der westdeutschen Leichtathleten der lästigen Konkurrenz von drüben ängstlich entgegensieht, fühlt sich Norbert Dobeleit von der anstehenden Vereinigung »beflügelt«. Der Deutsche Meister über 400 Meter hofft auf eine mit östlicher Hilfe verstärkte Staffel. »Mit den DDR-Stars holen wir bei Olympia 1992 auf jeden Fall eine Medaille.« Allein, so die Einsicht des Wattenscheiders, »hätte ich niemals eine Chance«. o

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