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MALEREI / DELACROIX Brutus in der Sonne

aus DER SPIEGEL 38/1967

Die Kunst-Rivalen trafen sich im Salon eines Pariser Bankiers. Kaum hatte der Klassizisten-Chef Ingres den verhaßten Neuerer Delacroix am Kamin erspäht, goß er sich vor Erregung Kaffee über die Weste und fuhr den Widersacher an: »Mein Herr, Zeichnen ist eine Frage der Redlichkeit, der Ehre.« Mit den Worten »Ich lasse mich nicht länger beleidigen« verließ er dann die Gesellschaft. »Delacroix«, berichtet ein Augenzeuge, »stand nach wie vor am Kamin, unbeirrt und unerschüttert.«

Beherrschung und kühle Korrektheit wahrte Eugène Delacroix (1798 bis 1863) in jeder Situation -- es war die Haltung eines Dandy. »Guten Ton«, rühmte der Künstler, »besitzt ein Dandy meines Formats hinreichend.«

Doch nicht allein seine Manieren, auch seine Lebensauffassung und seine Malerei waren von dem um 1800 in England entstandenen Dandy-Ideal geprägt. So interpretiert der französische Kunsthistoriker René Huyghe in einer jetzt in Deutschland erschienenen Monographie die Gestalt und das Werk des Künstlers, den die traditionelle Lehrmeinung als Haupt der romantischen Schule einordnet*.

Huyghe verbucht Delacroix als Vorkämpfer der englischen Mode in Paris und als einen Meister der Gesprächsnuancen, der -- so sein Bewunderer Charles Baudelaire -- auf »zwanzigerlei Weisen »Mon cher monsieur' zu sagen« wußte.

Zugleich aber sieht der Autor in dem Künstler den Vertreter eines in Frankreich ausgebildeten, vertieften »Dandysme intérieur« -- einer Methode, hinter distanzierter Artigkeit feurige Empfindungen zu kultivieren. »Dadurch, daß er nach außen kühl und im Innersten erschüttert war«, schreibt Huyghe, »wirkte Delacroix als ein Dandy« wie er sich vollendeter nicht denken ließ.« Äußere Eleganz sei ihm lediglich »ein Symbol seines geistigen Adels« gewesen.

Der Geistes-Aristokrat war wohl auch wirklich von adliger Abkunft. Der Bürger Charles Delacroix jedenfalls. der als Konvent-Abgeordneter für den Tod des Königs gestimmt hatte und unter Napoleon Präfekt wurde, konnte kaum sein Vater sein: Sieben Monate vor Eugènes Geburt war er an einer Mißbildung operiert worden, die ihn seit langem »seiner Manneskraft und jeglichen Gewinns, den sie bietet« (so der Chirurg), beraubt hatte.

Statt dessen wurde der Maler, der seine Geburt gern um ein Jahr vordatierte, von Zeitgenossen als Sohn des Fürsten Talleyrand betrachtet. Denn der spätere Minister Napoleons und Ludwigs XVIII. hatte Charles Delacroix protegiert, und Eugène sah ihm ähnlich.

Mochte die Anlage des Malers zur Dandy-Noblesse von einem illegitimen Vater ererbt sein (durch seine Mutter stammte Delacroix vom deutschbürtigen Hoftischler Ludwigs XV., Oeben, ab) -- ausgebildet wurde sie im Kontakt mit dem Dandy-Ursprungsland England und mit dessen Kultur.

Das Studium der englischen Sprache hatte Delacroix als achtzehnjähriger Schüler der École des Beaux-Arts begonnen -- ein Jahr später war er imstande, »mit dem Wörterbuch in

* René Huyghe: »Delacroix«. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München: 580 Seiten mit 460 Abbildungen: 98 Mark.

der Hand« dem englischen Zimmermädchen seiner Schwester einen Liebesbrief zu schreiben.

Um die gleiche Zeit befreundete er sich mit dem in Paris studierenden englischen Maler Richard Parkes Bonington; 1824 korrigierte er das Kolorit seines Monumentalbildes »Das Gemetzel von Chios« unter dem Einfluß des Landschafters John Constable; 1825 fuhr er für ein paar Monate nach England, lernte weitere Künstler kennen und war »verblüfft über das englische Dandytum, das ihn hinrill« (Huyghe).

Ebenso wie für die Malerei der Engländer begeisterte sich der Franzose für ihre Literatur. Er las -- neben Shakespeare -- vor allem Scott und den Erzdandy Byron, dessen heroischen Persönlichkeitskult er sich zum Vorbild nahm.

An den im griechischen Freiheitskampf umgekommenen britischen Dichter erinnerte Delacroix mit seinem Gemälde »Griechenland auf den Trümmern von Missolunghi«; andere Helden-Themen entnahm er den Werken Byrons -- etwa die »Enthauptung des Dogen Marino Faliero«, den »Kampf des Giaour mit dem Pascha« und den »Tod des Sardanapal« (1827).

Die pathetische Greuelszene nach Byrons Sardanapal-Drama -- der orientalische Potentat läßt vor seinem Selbstmord gelassen Frauen und Lieblingstiere hinschlachten -- malte Delacroix in leuchtenden Farben (Cézanne: »Frankreichs schönste Palette), wildbewegter Komposition und greller Beleuchtung. Damit hatte er sich weit vom Klassizismus seines Lehrers Guérin entfernt, von dem er ausgegangen war.

Doch in den folgenden Jahren bemühte sich der Maler immer Stärker, romantische Impulsivität der Dandy-Maxime entsprechend mit der Ruhe klassischer Form zu verbinden -- so in dem Barrikaden-Bild »Die Freiheit führt das Volk«, mit dem er die Juli-Revolution von 1830 begrüßte und das alsbald vom Staat angekauft wurde.

Rechte Erfüllung seines Strebens fand Delacroix jedoch erst 1832, als Begleiter des französischen Botschafters zum Sultan von Marokko. Angesichts der würdevollen Bewohner Nordafrikas meinte er, »Brutus, Cato und andere Römer von Rang hier in der Sonne liegen, durch die Straßen schlendern oder ihre Schuhe flicken zu sehen. »Die Antike«, entschied er, »kann nichts Schöneres gekannt haben.«

Antike Würde und romantische Leidenschaft kennzeichneten seither viele Delacroix-Gemälde -- die »Frauen von Algier« (1834) ebenso wie die mythologischen und biblischen Wandgemälde, die zur Zeit der Julimonarchie und des Zweiten Kaiserreichs häufig bei Delacroix bestellt wurden.

Nach Auftragsarbeiten für das Palais Bourbon, das Palais du Luxembourg und den Louvre dekorierte der Künstler, Kommandeur der Ehrenlegion und nach sieben vergeblichen Bewerbungen auch Mitglied der Académie des Beaux-Arts, zuletzt eine Kapelle der Kirche Saint-Sulpice in Paris. Themen: die Vertreibung des Heliodor und Jakobs Kampf mit dem Engel.

Zur Arbeit an den großen Bildern mit ihren klaren, aber heftig bewegten Formen drängte der kränkelnde Junggeselle, »wie andere zu ihren Geliebten eilen« (Delacroix) -- eine Selbstzucht, die er (so Huyghe) »durch das Dandytum gelernt« hatte.

Dem disziplinierten Widersacher gestand selbst Ingres gelegentlich Größe zu. Zwar pflegte er im Louvre die Fenster zu öffnen, wenn der vermeintliche Protagonist der Romantik durch die Säle gegangen war. Doch vor einer Raffael-Kopie von Delacroix räumte er ein: »Der Blende -- und doch kann er malen.«

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