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Renate Merklein über Hakan Hedberg und andere Japan-Deuter BSP-RASEREI ALS BESTSELLER

Dr. Renate Merklein ist Frankfurter Korrespondentin der Wirtschaftsredaktion des SPIEGEL.
aus DER SPIEGEL 29/1970

Daß die Herren der Erde von morgen schlitzäugig und von gelber Hautfarbe sein werden, gehört seit langem zum Vorrat abendländlicher Zukunftserwartungen, deren Beliebtheit nicht zuletzt von dem durch sie ausgelösten angenehmen Gruseln herrührt. Den Japanern werde das 21. Jahrhundert gehören, prophezeite schon Herman Kahn, der das alte Gewerbe der Sterndeuter und Wahrsager unter dem Namen Futurologie wieder hoffähig und der Stützung durch Staatsaufträge würdig gemacht hat.

Gegenwärtig hat die faszinierend-beängstigende sogenannte gelbe Gefahr, Unterabteilung Japan, Hochkonjunktur in den westdeutschen Buchhandlungen. Piper hatte bereits im vergangenen Herbst eine schnelle Schrift des Bonner Staatssekretärs Klaus von Dohnanyi herausgebracht, In der den Westdeutschen dringend empfohlen wurde, sich am Fleiß und straffen Führungsstil der Japaner ein Beispiel zu nehmen.

Der Westdeutsche Verlag zog nach mit einer Studie über »Das politische System Japans«, in der die Japaner dafür belobigt werden, »eine Synthese fernöstlicher Kultur und okzidentaldemokratischer Regierungsformen« zuwege gebracht zu haben. Autor Paul Kevenhörster: »Vor diesem Hintergrund erscheint der japanische Führungsanspruch gegenüber allen anderen ostasiatischen Ländern in einem neuen Licht.«

Econ warf gleich ein halbes Dutzend Japan-Bücher auf den Markt: eins »von höchster Bedeutung für Politiker und Wissenschaftler«, ein zweites laut Klappentext »so klug, so amüsant, so witzig«, ein drittes schlicht »ein gewinnbringender Genuß«, das vierte der Bild-Text-Band »Made in Japan« von Max Mohl.

Molden hat für diesen Herbst ein neues Werk des Ober-Nipponologen Herman Kahn angekündigt: »Bald »ei-den sie die ersten sein«. Und ein Japan-Buch ist nun auch Erster auf der Bestseller-Liste geworden: »Die japanische Herausforderung« des Schweden Hakan Hedberg, erschienen bei Hoffmann und Campe.

Wenn man Hedberg, dem Tokioter Korrespondenten von »Dagens Nyheter«, glauben darf, haben die Japaner eine neue olympische Disziplin erfunden -- eine Art Mixtur aus Boxen. Gewichtheben und Verfolgungsfahren. Das Spiel hat eigenartige Regeln: Da läuft ein Bantamgewichtler einem Halbschwergewicht nach und kann sich vorbeikämpfen, weil er mehr heben kann. Das ganze, so erklärt Hedberg, heiße »BSP-Raserei« (BSP: Bruttosozialprodukt) und habe etwas mit Wirtschaft zu tun.

Eigentlich wollte Hedberg nämlich, so versichert er ganz ernsthaft im ersten Kapitel, über den ökonomischen Erfolg und die künftigen Wachstumschancen der japanischen Industrie schreiben. Und er bietet auch eine Legion von statistischen Daten auf, die seine These erhärten sollen, bis 1982 würden die Japaner das reichste Volk der Erde sein.

Aber seine Zahlenakrobatik ist doch etwas sonderbar: Hedberg nimmt einfach an, die Wachstumsraten des japanischen Bruttosozialproduktes würden auch in der Zukunft etwa genauso hoch sein wie bisher. Überdies glaubt er herausgefunden zu haben, daß die Japaner in Wahrheit schon jetzt wohlhabender seien als die offiziell reichste Nation der Welt: »Japan Ist schon heute viermal so reich pro Quadratkilometer wie die USA«, und »nach Abzug der Waldfläche«, meint Hedberg, übertreffe das Inselreich die USA sogar um 800 Prozent.

Und was ist, wenn einmal größere Waldflächen gerodet werden?

Zwischen reichlich obskuren Zahlen und ziemlich tollkühnen Behauptungen, wie etwa, der im Westen kaum bekannte japanische Nationalökonom Shimomura sei der beste der Welt. wird in diesem Bestseller von »007-Industriellen« (sind das etwa CIA-Agenten?) und von »Investitiongewichtheben« geplaudert. Dazu gibt es so erstaunliche Informationen wie; »In den Wäldern ist die wirtschaftliche Tätigkeit gering.«

Da ist denn sogar das Buch des Reiseplauderers George Mikes. »Mit Geishas fängt der Tag gut an« (Econ), informativer. Mikes weiß Immerhin, warum Japaner so kurze Beine haben: Das komme von »Ihrer Sitte, auf den Fersen zu sitzen«. Der Autor macht den Kurzbeinigen allerdings Hoffnung, »daß dieser Defekt sich vielleicht allmählich geben wird«. Mikes hat auch den besten Beweis für die Diszipliniertheit der Japaner ausfindig gemacht: »Selbst Insassen von Irrenhäusern«, behauptet er, könnten in Japan »durch bloße Worte geleitet und in Zucht gehalten werden«.

Über eines sind sich all diese westlichen Japan-Deuter einig: Japaner sind anders. Aber wie sie nun wirklich sind und wodurch sie es schafften, in den vergangenen zehn Jahren die höchsten wirtschaftlichen Wachstumsraten aller Industrieländer zu erreichen, darüber gehen die Meinungen der Verfasser auseinander.

Wilfried Scharnagl, dem in seinem Buch »Japan. Die konzertierte Aggression« (Ehrenwirth) hin und wieder Sätze in feierlichen Rhythmen glücken ("Der Morgen des 6. August brachte die grauenhafte Revolution im blutigen Handwerk des Krieges"), dieser Autor erklärt. Japan verdanke seinen Aufstieg einer Art Wirtschaftsnationalismus. Und nach den Schilderungen des Bestseller-Autors Hedberg müßte eigentlich jeder Japaner geradezu davon besessen sein, seinem Land zum Spitzenplatz unter den Industrienationen zu verhelfen.

Robert Guillain, »Le Monde«-Korrespondent und Autor des Japan-Buches »Der unterschätzte Gigant« (Scherz), sieht es dagegen sehr viel differenzierter: »Japans Aufstieg ist von wesentlich mehr vernünftiger Skepsis begleitet, als es oft den Anschein hat.«

»Der Japaner«, so schreibt der ehemalige Fernost-Korrespondent des Deutschen Fernsehens und heutige »Welt«-Redakteur Hans Wilhelm Vahlefeld in seinem Euch »100 Millionen Außenseiter« (Eron), »der Japaner ist Staatsbürger, Preuße, Soldat und Fähnrich«. Vahlefeld weiß auch noch mitzuteilen, daß insbesondere die japanischen Studenten »verklemmt und humorlos« seien, und er weiß auch warum: Auf den japanischen Universitäten treffe die Ärmsten »die volle Wucht der abendländischen Weltanschauung«.

Indes, die eigentümliche Gesellschaftsstruktur Japans und die besondere Mentalität der so erfolgreich wirtschaftenden Japaner zu erklären. gelingt zureichend doch nur dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler japanischer Abstammung M. Y. Yoshino. In seinem Buch über »Japans Management« (Econ) schildert er jene »sonderbare Erziehung zur Harmonie. die weit in die Geschichte des Landes zurückreicht, sowie die Ideologie der Samurai« der Kaste, die lange Zeit die Wirtschaftsführer des Landes stellte.

An Stelle individualistischen Gewinnstrebens und kalvinistischer Ethik, von denen man immer geglaubt hatte, sie seien die besten Voraussetzungen für ein funktionierendes industrielles Wirtschaftssystem, erweist sich in Japan als erfolgreich eine Mischung aus Fatalismus und kollektivistischer Zielstrebigkeit. Da gibt es die absolute Unterwerfung unter den Vorgesetzten und dennoch ein Entscheidungssystem namens Ringi, nach dem auch Angestellte der unteren Ebenen bei wichtigen unternehmerischen Beschlüssen konsultiert werden.

Diese spezifische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung werde eines Tages zerbrechen, vermutet Guillain, und Yoshino meint, es hätten bereits einige Veränderungen in den traditionellen Führungspraktiken stattgefunden. Der eine Autor hofft, daß Japan den Weg zur modernen Gesellschaft ohne Wachstumsverluste finde; der andere fürchtet, daß der Abbau der Traditionen das Land möglicherweise in eine Krise stürze.

Autor Vahlefeld jedoch beruhigt alle Europäer, die ein wirtschaftlich starkes Japan fürchten, mit solcher Argumentation: Eine »gelbe Gefahr« werde es nur dann geben, wenn Tokio und Peking sich verbündeten; das aber sei fast undenkbar, denn »Japaner neigen zu Magengeschwüren; Chinesen haben eine Vorliebe für Fettleibigkeit«.

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