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Bürger aus der Hexenküche

»Vom Spaß zur Klarheit« strebt der Frankfurter Stückeschreiber, Regisseur und Theatermanager Wolfgang Deichsel. In Szenen aus dem Repertoire der Horror-Literatur stellt er Normalbürger als programmierte Roboter dar. Deichsel, der auch Mundartstücke verfaßt und Molière ins Hessische übersetzt hat, fühlt sich als »Realist«.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Schon immer stand dem Stückeschreiber Wolfgang Deichsel, 32, das Triviale nah. Als Wiesbadener Pennäler hat er »neben Goethe Mickey Mouse konsumiert«, den Literaturstudenten beschäftigten, nächst Kleist, Horrorfilme, Science-fiction-Romane sowie Charles Addams, der amerikanische Cartoonist der schrillen Schrecken.

Doch über alles schätzt Deichsel den Doktor Frankenstein -- so sehr, daß dieser legendäre, verruchte Menschen -- Macher ein festes Engagement in Deichsels Oeuvre hat: Mal leibhaftig, mal symbolisch tritt er alle paar Monate in einer neuen Deichsel-Produktion auf die Bühne.

Mit einem ersten »Frankenstein« versuchte sich Deichsel im Frühjahr 1970 im Studioprogramm des Zürcher Schauspielhauses -- mit einer lockeren Szenenfolge, die auf die Horror-Idee vom künstlichen Menschen, dem Andraiden, sinnbildlichen Bezug nahm. Eine veritable Frankenstein-Figur und auch ein aus Leichenteilen zusammengestückeltes Monster à la Boris Karloff erschienen in Deichsels zweitem »Frankenstein«; der Autor inszenierte seine Fortsetzung der 150 Jahre alten Schreckensfabel zur diesjährigen »Experimenta« im Frankfurter »Theater am Turm« (TAT), dem er als Ko-Direktor vorsteht. Gleichfalls im TAT ist nunmehr eine dritte, der ersten ähnliche »Frankenstein« -Variante zu sehen. Doch damit ist für den Autor das Thema noch lange nicht erschöpft -- Frankenstein III ist ja nur eine Auswahl von 29 aus 80 geschriebenen und ungezählten möglichen Szenen, die ein von Deichsel erforschtes »Frankenstein-Syndrom« behandeln.

Diese klinische Erscheinung verwandelt Durchschnittsbürger gleichsam in Androiden: in künstliche Wesen, die nur gelenkt funktionieren. »Roboter-Probleme sind unsere Probleme heute«, meint Deichsel, »nicht erst in 20 Jahren.«

Die typischen Syndrom-Anzeichen beschreibt Deichsel in knappen Situationen. »Sind Sie vielleicht bei der Polizei angestellt?« fragt da etwa ein »Achim« den Mann, der ihn hindert, bei Rot über die leere Straße zu gehen. »Normal wäre doch«, so Achim, »daß man sich hilft gegen die Polizei.«

»Bernds Frau« ist davon überzeugt, ihr Mann werde von seiner Firma durch »elektronische Fleischkonverter« ferngesteuert. Denn Aufstehen, Essen, Autofahren, Fernsehen, selbst Schlafen erledigt er nur noch »automatisch«.

Ein Warenhausdetektiv wird von seinem Chef gezwungen, sich bei einer Kundin zu entschuldigen, weil er ihr ausgeredet hat, einen von ihr nicht benötigten Pullover zu kaufen.

Solche Modell-Szenen hat Deichsel dann freilich mit grotesken und schaurigen Motiven aus Frankensteins Hexenküche angereichert: »Hab« ich mich verändert?« fragt »Robby«, dem nach einem Unfall Schenkelhaut ins Gesicht verpflanzt wurde: ein Sohn quirlt seiner Mutter mit einem Elektro-Mixer im Mund, weil er vermutet, der Zahnarzt habe in die Plomben kleine Transistor-Empfänger eingebaut; eine Frau seufzt: »Wieder alles durchgeblütet« und zieht das Inlett aus dem Bettbezug.

Das ist beklemmend, manchmal unverständlich und sehr oft komisch -- so wie die Zeichnungen von Addams, die Deichsel als Vorbild anerkennt. Denn er will »szenische Witze« erzählen, »vom Spaß zur Klarheit« führen, und nichts ist dem »durch Bekanntschaft mit dem Brecht-Theater« aufgeklärten Autor wichtiger als das Amüsement des Publikums.

»Es muß mehr Unterhaltung in das westdeutsche Theater!« verkündet er und argumentiert in Brecht-Manier: »Manchmal beschweren sich Zuschauer, sie würden von der Bühne herunter zuviel belehrt und dadurch gelangweilt. Das kann doch nur heißen, sie wurden zu wenig belehrt, denn wie kann es langweilig sein, Neues zu erfahren?«

Ein didaktisches Theater von solcher Art ist freilich für Deichsel immer noch »ein Stück Utopie«. Auf unterhaltsamen Jux jedoch verstand er sich schon als Student: Er bearbeitete das Ritterdrama »Otto« des Sturm-und-Drang-Autors Klinger für eine Marburger Biergarten-Aufführung und schrieb ein Puppentheater-Vampirstück »Göran zu Göran«.

Mit einer angefangenen Dissertation über die »Gebärdensprache bei Heinrich von Kleist« im Koffer verließ Deichsel die Universität und zog nach Berlin. Dort hat er sechs Jahre lang »hauptsächlich geguckt«, bei Kortner hospitiert, mit Gurt Bois einen Alleinunterhalterabend mit dem Titel »So schlecht war mir noch nie« arrangiert und den Science-fiction-Autor Ray Bradbury für das Fernsehen bearbeitet ("Ich auf Bestellung").

»Nach acht Jahren im Exil« siedelte Deichsel nach Frankfurt über, ging ans TAT und konnte nun Theater-Theorie und -Praxis zugleich betreiben. Sein erster Streich: Er übertrug Molières »Schule der Frauen« in die Sprache der Familie Hesselbach -- etwa so: Horch her, ich seufze, aach, un guck,

mein Blick,

er is ganz dormelich, un wenn de ietzt den Läuszibbel, der dich doch nur

beduppe wollt,

mit mir vergleichst, dann läßten stehn. Der hessische Molière wurde, mit Deichsel als Hauptdarsteller, 60mal gespielt. »Da tauchen Typen auf, die man plötzlich wiedererkennt«, erklärt der Autor, der mittlerweile einen hessischen »Tartuffe« in Arbeit hat, den unvermuteten Publikumsandrang.

Daß er »zum Dialekt das direkteste Verhältnis« hat, beweist der Stückeschreiber auch mit »Bleiwe losse«, einem Werk, das jetzt in Darmstadt gespielt wird. Es präsentiert naturgetreue Szenen aus dem Alltag von Kleinbürgern, die der Wirklichkeit entfremdet sind und die lieber alles »sein lassen«, als ihren Zustand zu verändern.

Auch seinen »Frankenstein« will Deichsel aus dem Leben gegriffen haben. Daß darin Reales mit Utopischem gemischt sei, läßt er nicht gelten.

»Hier ist«, sagt der Dramatiker, »ein Kaufmann Wilhelm Schubert in die Heilanstalt eingewiesen worden« nachdem er zwei Türken erschossen hatte.« Schubert, so li~:st er aus der »Frankfurter Rundschau vor, »hielt alle Menschen mit Narben an Schläfen und Stirnen für sowjethörige Feinde des Westens. Sie hätten, so glaubte Schubert, vorprogrammierte Gehirne transplantiert bekommen, um nur Befehle der Russen auszuführen.«

Deichsel: »Da bin ich ja wohl ein ganz platter Realist.«

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