Samira El Ouassil

SPD im Wahlkampfmodus Sleepy Scholz

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Baerbock und Laschet sind in der Offensive, SPD-Kanzlerkandidat Scholz aber pflegt eine höfliche Langeweile– und erscheint gerade deshalb so gegenwartsrobust. Das hat er gemein mit Joe Biden.
Olaf Scholz: Freundliche Gemächlichkeit

Olaf Scholz: Freundliche Gemächlichkeit

Foto: STR/ AFP

Nach den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit standen im »New York Magazine« folgende Zeilen über den Präsidenten der Vereinigten Staaten: »Bidens Vorteil ist, dass er nicht nur nett ist, sondern auch langweilig. Er setzt unermüdlich eine ehrgeizige innenpolitische Agenda um ... und erregt dabei kaum Kontroversen.« Und weiter: »Die Republikaner können Biden nicht aufhalten, weil er sie zu Tode langweilt.«

Das ist nicht unbedingt die freundlichste Beschreibung, aber der Journalist Jonathan Chait äußerte diese Worte auch nicht ohne faszinierte Anerkennung . Ich kam nicht umhin, da an Olaf Scholz zu denken, den Mann, über den die »New York Times« jetzt auch schrieb, er sei alles andere als aufregend, ein »Anzug tragender Karrierepolitiker«.

Das Auftreten des Kandidaten der SPD wird aktuell gern mit der alles wegmoderierenden Untertourigkeit unserer Bundeskanzlerin verglichen. Aber ich glaube, dass sich noch mehr ein Blick auf Bidens Wahlkampf und seine Präsentation des Unspektakulären als Vergleichswert lohnt.

Ob willentlich oder nicht setzt Scholz ebenfalls die unaufdringliche kommunikative Low-Key-Strategie von »Sleepy Joe« um, der so – gerade im Kontrast zum Negative Campaigning eines Donald Trump, der sich eher als Krawallclown darbot – umso besonnener und vertrauenswürdiger erscheinen konnte.

Während sich etwa beim Triell am Sonntag bei Laschet die beflissene Angriffslust bemerkbar machte und Baerbock ebenso zur Selbstbehauptung in die Offensive ging, arbeitete Scholz seine programmatischen Punkte unbeirrt höflich ab.

Erst kritisiert, dann erfolgreich

Das ist die »asymmetrische Demobilisierung«, die wir von Merkel bereits zur Genüge kennen: Scholz' Aussagen locken Kritiker zu wenig aus der Reserve, als dass sie sich darüber empörten und größere Widerworte anstimmten. An polarisierenden Debatten, zum Beispiel rund um Gender oder Identitätspolitik, schlängelt sich der Scholz-Schlafwandlerwagen stets vorbei, wodurch es ihm gelingt, unbehelligt einen Wahlkampf zu bestreiten, ohne permanent politische Attacken parieren zu müssen.

Die scheinbar präsidiale Sleepiness als Kommunikationsmodus, der bei Biden erst verurteilt und dann im Vergleich zu Trump als wohltuend gewürdigt wurde, funktioniert auch bei Scholz im Kontrast zu seinen Gegnern gut.

Vor allem bei medialen Bestrebungen, aus diesem Wahlkampf doch irgendwie noch kompetitive Momente rauszuwringen, um zumindest ein bisschen Hitzigkeit in der Wahlkampffolklore inszenieren zu können, fällt die konfliktscheue Seelenruhe des sozialdemokratischen Kandidaten deutlich auf. Baerbock muss stellvertretend für die Grünen als neue Herausforderin im politischen Ring beweisen, dass sie regieren könnten; Laschet muss für die Union behaupten, dass sie nach wie vor regieren kann; aber die SPD kann mit dem Eindruck arbeiten, dass sie schon immer patent gekonnt hätte – nur noch nicht die Chance bekam.

Reizlose Gleichmäßigkeit

Und auch vor dem Hintergrund der zwei vergangenen Jahre, die national wie global von Krisen, Konflikten und Katastrophen dominiert waren, in einer Zeit, die man tatsächlich schlicht als unglaublich anstrengend und chaotisch bezeichnen kann, hat die reizlose Gleichmäßigkeit im Auftreten einer politischen Person etwas Nachhaltiges.

Im täglichen Hochfrequenzhandel der Meinungen und Selbstinszenierungen solch ein Phlegma zu pflegen, wirkt wie eine überzeugende Form von Gegenwartsrobustheit. Man muss nur aufpassen, dass Wählerinnen und Wähler nicht wegsediert werden.

Aber wie greift man nun wahlkämpferisch jemanden wie Scholz an? Eine mögliche, gern gewählte Taktik konservativer Parteien und Politiker: Man zückt das rote Tuch. Zum Ende des amerikanischen Wahlkampfs, wo die politischen Angriffe immer heftiger wurden, sah sich Biden zu einer belustigten Selbstauskunft veranlasst: »Sehe ich aus wie ein radikaler Sozialist mit einer Schwäche für Randalierer?«

Trump startete eine Rote-Socken-Kampagne auf Steroiden . Kurz vor den Wahlen veröffentlichte er ein Video, durch das Biden mit venezolanischen Sozialisten in Verbindung gebracht werden sollte. Die kolportierte Botschaft: Der demokratische Präsidentschaftskandidat bringt Kommunismus in die USA. Trump wandte sich damit an die wachsende venezolanisch-amerikanische Bevölkerung Floridas, und sein Sieg dort belegte, dass sich die Falschbehauptung verfangen hatte, auch wenn Venezuelas Präsident Nicolás Maduro erklärte, dass er beide Kandidaten ablehne .

Biden war und ist ja bekanntermaßen in etwa so kommunistisch wie Scholz. Und die Absurdität dieser Rotmalerei wird noch deutlicher, wenn man sich daran erinnert, dass das amerikanische »socialist« zwar assoziativ nach wie vor negativ mit dem Kalten Krieg und der McCarthy-Ära konnotiert wird. Aber realpolitisch die Dinge, die heute von Republikanern als »socialist« abgestempelt werden – also so radikalkommunistische Ideen wie zum Beispiel eine Gesundheitsversorgung für alle – nicht mit »sozialistisch«, sondern mit »sozialdemokratisch« zu übersetzen wären.

In weniger drastischer Form nehmen wir das Warnen vor politischen Red Flags nun auch bei der Union war, wenn beispielsweise Paul Ziemiak in Scholz gewissermaßen die Personifikation von Hammer und Sichel sieht; und auch hier wird klar: je näher die Wahl rückt, desto panischer die Rotmalerei.

Ich setze Scholz hier natürlich nicht mit Biden gleich (und dementsprechend auch nicht über die humoristische Bande Laschet mit Trump), aber seine kommunikative Haltung der freundlichen Gemächlichkeit erscheint in diesen unruhigen Zeiten politisch betrachtet so unterschätzt wie Erfolg versprechend.

Wir sollten beim Wahlkampfendspurt die Augen hier unbedingt offen halten – schon allein um zu verhindern, dass wir einschlafen.

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