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THEATER Burgfreiheit

aus DER SPIEGEL 25/1998

Die Höhle des Löwen scheint zu den Lieblingsorten des Berliner Regisseurs Frank Castorf zu gehören - und er verhält sich nicht eben vorsichtig darin. 1991, pünktlich zur 700-Jahr-Feier der Schweiz, schockte er die Eidgenossen mit seiner respektlosen Basler Version von »Wilhelm Tell«. Jetzt inszeniert der Intendant der Berliner Volksbühne erstmals am Wiener Burgtheater - und hat sich dafür ausgerechnet Johann Nepomuk Nestroy ausgesucht (Premiere am 20. Juni). Ob die Wiener »ihren« Dichter wiedererkennen werden? Dramaturg Thomas Martin hat, in bewährter Castorf-Manier, aus drei Nestroy-Texten einen neuen (de-)konstruiert und das Ganze in Albanien angesiedelt. »Krähwinkelfreiheit« heißt seine Collage aus der Revolutionsposse »Freiheit in Krähwinkel«, dem schwermütigen Volksstück »Der alte Mann mit der jungen Frau« und der Zivilisationssatire »Häuptling Abendwind«. Und auch ein bißchen rechtspopulistisches Gedankengut von FPÖ-Mann Jörg Haider hat Martin dazugemischt. »Das wird eine Störung geben«, sagt er, aber eine mit viel Sympathie für Nestroy und Wien: »,Destroy Nestroy' ist nicht unser Motto.« Berlin habe zwar eine andere Geschwindigkeit als Wien, aber es gebe doch Gemeinsamkeiten: »Der Humor ist ähnlich fies und doppeldeutig.« Politisch kommt die Castorf-Nestroy-Martin-Karambolage zu einem ziemlich resignativen Schluß: »Auf der Politik kenn' ich mich nimmer aus«, heißt es da. Ob der Löwe deshalb Castorf fressen wird?

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