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FERNSEHEN / Telemann BURIDAN-BÜSCHEL

aus DER SPIEGEL 17/1963

Ein hungriger Esel, der zwischen zwei gleichbeschaffenen und gleichweit entfernten Heubüschein zu wählen habe, müsse, da er sich von jedem der beiden Büschel gleichstark angezogen fühle, an Entbehrung zugrunde gehen, behauptete vor 600 Jahren der Scholastiker Jean Buridan.

Inzwischen hat Buridans Esel millionenfache Vervielfältigung erfahren.

Das Gleichnis von der Unfreiheit des Willens - wen beträfe es augenfälliger als uns, die wir seit dem l. April zwischen. zwei TV -Systemen angepflockt sind, von denen jedes bemüht ist, dem anderen ähnlich, mehr noch: mit ihm identisch zu sein!

Daß sich am Eröffnungsabend des ZDF dieselbe Charleston-Tänzerin Clessia Wade mal in dieses, mal in jenes Netzwerk verstrickte, mochte manchem als Folge etwelcher Anfangsschwierigkeiten gegolten haben.

Doch schon der Abend des 10. April machte es, Zweifelsüchtigen schwer zu glauben, das Kanzler -Interview des Ersten und das Vizekanzler-Interview des Zweiten Fernsehens seien von ungefähr simultan verlaufen. Ging es, bei aller Wesensverschiedenheit der Interviewten, ja um ein und denselben Konrad Adenauer.

Am 15. April endlich schien jeder Zweifel an der Art des beiderseitigen Ehrgeizes ausgeschlossen: Köln verkaufte den Schwabenkomiker Willy Reichert als Domkapellmeister Blasius Römer ("Schwarzwaldmädel"), Mainz bot ihn zur nämlichen Osterstunde als Schneidermeister Titus Hasenklein feil ("Hasenklein kann nichts dafür").

Werden die Identitäts-Wettbewerber, indessen wir Röhren-Grautiere, unschlüssig vor uns hindarben, ein weiteres tun?

Werden sie Hans-Joachim Kulenkampff, den Frankfurter »Sonntagsanwalt«, durch Hans-Joachim Kulenkampff, den Freudenbringer aus dem Goldenen Mainz, neutralisieren? Werden sie, unseren Appetit auf die höhere Fauna geschickt in der Schwebe haltend, das Brusttaschenäffchen des Bernhard Grzimek mit einem ebensolchen des vorerst noch namenlosen ZDF-Zoologen gleichschalten?

Nein. Telemann hat sich erkundigt: Alle bislang erlebte Identität von Sendezeit, Person oder Gegenstand entsprang nicht wetteifernder Absicht, sondern war Fortunas Werk. Genauer: Die notdürftig aufeinander abgestimmten Programm -Schemata wurden zu einer Zeit erstellt, als Einzelheiten, wie Besetzungsfragen, noch nicht interessierten.

Womit wir bei einem Thema wären, das auch einen entschlußkräftigen TV-Abonnenten in Fastenstimmung versetzen kann: der Koordination beider Netze.

Ulrich Grahlmann, Programmdirektor des Zweiten Deutschen Fernsehens, will zwar, wenn der im März konstituierte »Koordinierungsausschuß« künftig zusammentritt, die Programm-Abstimmung, »soweit sie im Interesse des Zuschauers liegt«, nach Kräften fördern, hält aber im Grunde mehr von einem unbürokratischen Kontakt zwischen den einzelnen TV -Funkhäusern. Zuviel Koordination, so meint er, bedeute: »Aus zwei Programmen wieder eines machen.«

Auch die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten, vertreten durch den WDR-Fernsehdirektor Dr. Hans-Joachim Lange, wünscht keine gar zu enge Fühlungnahme ("sonst guckt einer dem anderen in die Karten"), bedauert jedoch, daß dem Zuschauer durch den unterschiedlichen Beginn - der Abendprogramme und den Verzicht auf »genormte Längen und möglichst viele Drehpunkte« die Auswahl erschwert wurde.

Lange: »Wettbewerb kann heute höchstens noch durch Zufall entstehen.«

In der Tat, hierin liegt das eigentliche Buridansche Phänomen: Beide Programme enthalten Tag für Tag Dinge, die der Verbraucher genießen, und solche, die er missen möchte. Doch kann er nicht hüben und drüben naschen, sondern muß sich, von wenigen Glücksfällen abgesehen, für ein ganzes Büschel entscheiden. Aber für welches?

Für unseres, weil wir schon um 19.30 Uhr anfangen! hofft das ZDF - und vergißt, daß mancher treue Kunde der Hamburger »Tagesschau« sehr wohl mal ins Rhein -Fränkische abschweifen würde, wüßte er nicht, daß er dort eine Viertelstunde zu spät käme.

Für unseres! glaubt die ARD, weil sie auf ihren zehnjährigen Erfahrungs-Vorsprung größere Stücke hält, als man ihr, in Anbetracht einiger Mainzer Erstlingserfolge zubilligen möchte.

Nun, »Infratest« wird alles klären.

Nur dies nicht:

Da steht die millionenköpfige Herde der Buridan-Esel dichtgedrängt, scharrt mit den Hufen, schüttelt die Mähnen, blickt ratlos in die Funk-Illustrierte ihres Vertrauens ...

Da steht sie stumm, anstatt - o unvernünftige Kreatur! - so lange zu iahen, bis ihr die Bundesländer das erlösende dritte Büschel Heu vor die Nase werfen: ein Axel -Cäsar-Springer-Fernsehen.

Merke: »Was der Dünger für die Möhre, ist der Springer für die Röhre« (Bauernregel).

telemann
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