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RAUCHER Bußgeld angedroht

Die bisher schärfste Verordnung zum Schutz von Nichtrauchern erließ die Stadt San Francisco. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Immer wenn die Luft zu blau wurde, räumte Arthur Knibbs seinen Schreibtisch auf und verließ seinen Arbeitsplatz bei der Brokerfirma Charles Schwab & Co. in San Francisco. Die Geschäftsleitung drohte, ihn wegen seiner eigenmächtigen Arbeitszeitgestaltung zu entlassen. Doch unbeirrt schritt Knibbs, wenn es schlimm kam, von dannen und meldete sich krank: Als Asthmatiker könne er den Tabaksqualm seiner rauchenden Kollegen nicht ertragen.

Seit vorletzter Woche sind Schwab & Co. dazu verpflichtet, ihrem 40jährigen Angestellten eine von Teer- und Nikotinschwaden freie Büroumwelt zu sichern. Die kalifornische Großstadt hat eine Verordnung in Kraft gesetzt, die Nichtrauchern eine bisher einmalige Machtstellung einräumt:

Um das Risiko der Gesundheitsschädigung zu mindern, dem Passivraucher in einer zigarettenkonsumierenden Umwelt

ausgesetzt sind, können die Nichtraucher von San Francisco seit Monatsanfang darauf bestehen, daß an ihren Arbeitsplätzen das Rauchen untersagt wird. Firmen, die der Forderung ihrer nichtrauchenden Angestellten nicht nachkommen, werden mit einem Bußgeld von 500 Dollar pro Tag belegt.

Bislang mußte das Gesundheitsamt noch keinen Arbeitgeber maßregeln. Rechtzeitig zum Stichtag hatten Banken und Versicherungen, Radiostationen, Zeitungsredaktionen und andere Betriebe mit Großraumbüros ihre Arbeitsräume neu gestaltet.

Raucher- und Nichtraucherzonen wurden eingerichtet und elektrostatische Spezialgeräte aufgestellt, die nach Angaben der Hersteller Rauchpartikel aus der Atemluft filtern, ehe sie Einzug in die Lungen der Nichtraucher halten können.

Andere Firmen behalfen sich mit Ventilatoren, die den Tabaksqualm von den Nichtraucherzonen fortwirbeln. Raucher, die den suchtstillenden Zug nicht missen mochten, rüsteten sich mit Spezial-Aschenbechern aus, die angeblich den Qualm entschärfen sollen.

Daß die sogenannten Sekundär- oder Passivraucher häufiger an rauchertypischen Leiden wie etwa Lungenkrebs erkranken als Menschen, die in einer weitgehend teer- und nikotinfreien Umwelt leben, ist statistisch gesichert.

Die Gefährdung der Nichtraucher haben beispielsweise Taxenunternehmen und Fluggesellschaften zu mindern gesucht, indem sie das Rauchen verboten oder einschränkten. Die amerikanische Zivilluftfahrtbehörde erwägt zur Zeit, bei Flügen mit einer Flugdauer über einer Stunde das Rauchen ganz zu untersagen. Jeder zweite Flug im inneramerikanischen Luftverkehr wäre davon betroffen.

Schon jetzt verfügen 36 amerikanische Bundesstaaten über Anti-Raucher-Gesetze, in fünf dieser Staaten ist die Raucherlaubnis am Arbeitsplatz eingeschränkt. Keines der Gesetze geht freilich so weit wie die neue Verordnung in San Francisco.

Sie war im November letzten Jahres in einem Volksentscheid mit einer Mehrheit von 1276 Stimmen (bei 160 399 abgegebenen Stimmen) gebilligt worden. Der knappe Sieg der Anti-Raucher-Lobby, die seit Jahren für eine derartige Verordnung kämpft, wiegt um so mehr, als er gegen einen übermächtig erscheinenden Gegner erzielt wurde: Um das Gesetz abzublocken, hatte die US-Tabakindustrie mit Rat und Dollar den kalifornischen Rauchern beigestanden.

Amerikas Zigarettenindustrie ist ohnehin geschockt: Seit 1982 ist der Zigarettenumsatz rückläufig. So hielt sie den Zeitpunkt für gekommen, den Markt frontal mit Werbung anzugehen.

In Anzeigen- und Plakatkampagnen gaben die Zigarettenhersteller ihre Zurückhaltung auf, zu der sie sich vor Jahren freiwillig verstanden hatten. Die neue Werbung zeigt Jugendliche und Athleten, Ballettänzer und Bergsteiger als Raucher - was ersichtlich auf den bislang »vernachlässigten« Markt der Jugendlichen abzielt. Der Tabak-Konzern Reynolds kümmerte sich unterdes um die Erwachsenen und startete eine Imagewerbung, in der die Ergebnisse von rund 80 000 wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Teer und Nikotin verhöhnt wurden.

»Seit Jahren haben Sie so viele negative Berichte über Rauchen und Gesundheit hören müssen«, daß »Sie annehmen könnten, das Urteil gegen das Rauchen sei endgültig«, formulierten die Reynolds-Propagandisten und versicherten: »Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt.«

Reynolds-Chef Edward Horrigan verstieg sich in der Nachrichten-Talkshow »Nightline« gar zu der Behauptung: »Rauchen verfärbt allenfalls Ihren Zahnschmelz.«

Die »unverantwortlichen« Texte und Bilder und den »eindeutigen Versuch, die amerikanische Öffentlichkeit« mit »betrügerischen Fehlinformationen« hintergehen zu wollen, konterten die drei größten Gesundheitsverbände der Vereinigten Staaten scharf und einhellig.

In einer gemeinsamen Erklärung bezeichneten die American Lung Association, die American Cancer Society und die American Heart Association die Zigaretten-Propaganda als das Unternehmen einer »verzweifelten Industrie«, die gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis »mit einem Schleier aus Zigarettenqualm vernebeln« wolle.

Jedes Jahr, so die ernüchternde Mitteilung der drei Medizingremien, stürben 340 000 Amerikaner an den Folgen des Zigarettenkonsums - mehr als die Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg auf den europäischen Schlachtfeldern verloren haben. _(In der Wells Fargo Bank in San ) _(Francisco. )

In der Wells Fargo Bank in San Francisco.

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