Margarete Stokowski

Streit über Lisa Eckhart Cancel Culture für Anfänger

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wer Personen für rassistische oder antisemitische Äußerungen zu kritisieren wagt, wird als Teil eines militanten Mobs gebrandmarkt: Der Streit über Lisa Eckhart zeigt die Mechanismen der Cancel-Culture-Verunglimpfungen.

Der neue Trend des Sommers heißt "Reden über Cancel Culture", und es machen zwar schon viele mit, aber noch nicht alle, und wir sind immer noch eine Demokratie, und alle dürfen mitmachen, also herzlich willkommen zum Einführungskurs in Cancel Culture Studies. Mit unserem kleinen FAQ ist der Quereinstieg in den Diskurs problemlos möglich. Vielleicht sind Sie schon längst mit dabei, denn wenn Sie etwa neulich zu Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin gesagt haben, "also dieses neue Roggenbrot vom Bäcker, das war nicht so gut, das kaufen wir nicht noch mal", dann sind Sie bereits mittendrin, denn Sie haben das Brot gecancelt. Aber fangen wir mit den Grundlagen an: was wir wissen, was wir nicht wissen.

Was heißt "Cancel Culture"?

Der Begriff "Cancel Culture" kommt wie alles aus dem Amerikanischen und bedeutet auf Deutsch "Ick hab hier schon wieder nen Storno" (Storno kommt aus dem Lateinischen und heißt "Ah nee, ich möchte doch nicht"). Im aktuellen politischen Diskurs ist "Cancel Culture" ein Name für etwas, was vorher "diese neue politische Korrektheit" hieß oder auch mal "Sprech- und Denkverbote" ("Denkverbote", einer der peinlichsten Begriffe, und "Cancel Culture" ist nicht besser). Einige erklären den Begriff "Cancel Culture" auch mit "Boykott", wobei "Boykott" ein großes Wort ist und "Cancel Culture" auch kleinere Onlinetätigkeiten einschließt, wie etwa das Blocken von Twitteraccounts, die eh nerven. Aber auch größere, wie etwa den Ausschluss von übergriffigen Männern aus Dreharbeiten oder das Streichen von Texten aus Lektürelisten an Unis.

Aber warum jetzt "Cancel" und "Culture"?

Fangen wir von hinten an. "Culture", okay, muss man nicht erklären. Heißt Kultur und ist Bestandteil des Begriffs "Cancel Culture", um die Sache wie ein ernsthaftes Phänomen aussehen zu lassen. "Cancel": Wortwörtlich heißt es "absagen", "abbrechen" oder "zurücknehmen", im Kontext "Cancel Culture" soll es im engeren Sinne bedeuten, dass die Arbeit oder Anwesenheit einer Person aufgrund von bisherigen Arbeiten, Tätigkeiten oder Aussagen dieser Person von mindestens einer anderen Person mit Twitter/Insta/Tiktok-Account als nicht begrüßenswert empfunden wird. Der Social-Media-Aspekt ist nicht zu vernachlässigen, ansonsten gäbe es keinen Unterschied zu Aussagen wie "Warum soll ich 'Faust 2' lesen, wo 'Faust 1' schon so peinlo war" oder "Tina is nich mehr meine Freundin, kannst du ihr sagen", und das wäre nicht wirklich neu.

Das geht mir zu schnell, ich bin Ü-60, ich komm da doch eh nicht mehr rein, oder?

Grämen Sie sich nicht! Das Internet ist schnell, aber messen Sie sich ruhig am Feuilleton, da tickt die Uhr anders: Während spätestens seit Erfindung der Push-Mitteilung viele Leute das Gefühl haben, mit dem Newsgeschehen nicht immer Schritt halten zu können, gibt es im deutschen Feuilleton kleine Oasen der Entschleunigung, vor allem dann, wenn Sie einfach noch mal sagen wollen, wie militant und kurz vor Hitler die Linke oder der Feminismus inzwischen ist, da findet sich immer ein Plätzchen. Die Debatte über "Cancel Culture" ist einfach nur die Fortsetzung dieser Idee. Keine Scheu vor schon mal Gegessenem. Maxim Biller hat zum Beispiel ein sogenanntes Thinkpiece (auch aus dem Englischen, eigentlich: ein Text mit tieferen Gedanken zu einem Thema, konkret aber manchmal: ein kleines Stück eines schon älteren Gedankens, dafür aber auf zwei Zeitungsseiten) geliefert über Till Lindemanns Vergewaltigungsgedicht , Anfang Juni, da war die Debatte schon knapp zwei Monate vorbei. Alles locker also. Das ist das Tempo. Biller schrieb nicht direkt über "Cancel Culture", sondern über angebliche "Verbote" bestimmter Kunstwerke durch die Linke, was aber aufs selbe hinausläuft. Allerdings sind die allermeisten Menschen, die als Teil der "Cancel Culture" betrachtet werden, nicht in der Lage, irgendetwas zu verbieten, sondern sie kritisieren einfach bestimmte Werke, Kunstschaffende oder Institutionen und wollen mit diesen etwa keine Geschäfte oder gemeinsame Sache machen.

"Cancel Culture" heißt also, manche Leute mögen manche Leute oder deren Arbeit nicht?

Ja. Wobei "nicht mögen" hier heißt: Leute erkennen ein diskriminierendes Verhalten, etwa Frauenhass oder Antisemitismus, und kritisieren das. In Einzelfällen verlieren die Kritisierten dadurch einen Job, kriegen aber oft sehr schnell einen anderen. 

Das ist dann aber nicht neu, oder?

Es ist nur insofern neu, als mit dem Begriff eine vermeintliche Bedrohung von links inszeniert wird, die es faktisch nicht gibt. Darin unterscheidet sich die Idee von einer angeblichen "Cancel Culture" nicht von rechten Verschwörungstheorien, sie ist nur noch simpler gestrickt.

Aber was ist mit der Kabarettistin und Autorin Lisa Eckhart , ist nicht deren Auftritt bei einem Literaturfestival wegen Drohungen abgesagt worden?

Nein. Wie es aussieht, nicht wegen tatsächlicher Drohungen (wie von verschiedenen Medien zunächst geschrieben wurde ), sondern aus Angst vor Protesten. Eckhart steht unter anderem in der Kritik, weil ihr Kabarettprogramm antisemitische, homo- und transfeindliche, rassistische Witze enthält. Die Veranstalter des Hamburger Literaturfestivals Harbour Front, die Eckhart erst ausluden und dann wieder einluden, bezogen sich auf Aussagen der Betreiber eines Veranstaltungsorts in St. Pauli. Diese schreiben selbst, dass es keine Drohungen gegeben habe, sondern "besorgte Warnungen aus der Nachbarschaft" . Bedrohlich war für sie nur die "bedrohlich um sich greifende 'Cancel Culture'", sprich: ein Gespenst.

Aber es ist doch gut, wenn die Künstlerin geschützt wird?

Eckhart wurde von den Betreibern des Veranstaltungsorts nicht "geschützt", sondern ihr Auftritt untersagt, und die berechtigte Kritik an ihr wurde dann genutzt, um einen Skandal zu erschaffen, der die angebliche Militanz der Linken belegen soll, obwohl es dafür keine Belege gibt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Literaturveranstalter manchmal überfordert sind, wenn für eine Lesung Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden müssen, aber die meisten bekommen das am Ende hin.

Aber man könnte auch sagen: "better safe than sorry", oder?

Die Frage ist: Wer wird geschützt, und wer wird verurteilt? Wann gibt es eine Debatte? Die Kabarettistin Idil Baydar bekommt Morddrohungen vom NSU 2.0 . Wen juckt das? Gibt es eine Debatte über "Cancel Culture" von Nazis gegen Baydar? Nein. Als das "Umweltsau"-Lied im WDR wegen Protesten von Nazis "gecancelt" wurde, war da von "Cancel Culture" die Rede? Nein. Hengameh Yaghoobifarah bekam für einen "taz"-Satiretext über die Polizei mehrere Strafanzeigen von verschiedenen Stellen und ganze drei Distanzierungstexte von der "taz"-Redaktion (inklusive Chefredaktion). Aus derselben "taz" heißt es nun über Eckhart: "Satire muss wehtun dürfen" . Merkt da noch jemand was?

Aber ist es nicht gut für die Linke, wenn ihre Kritik ankommt? Gibt ja ne Debatte jetzt.

Die Kritik kommt nicht an, sondern wird direkt als potenzielle Gewalt umgedeutet, und nein, das ist natürlich nicht gut. Der Begriff "Cancel Culture" ist im Grunde nur ein Rebranding (Umbenennung) von "man darf ja wohl gar nichts mehr sagen", faktisch aber gefährlicher, weil ein gewaltbereiter, mächtiger Mob fantasiert wird.

Ist es nicht auch wieder übertrieben zu sagen, dass da "ein Mob fantasiert wird"?

Leider nein. Im BR sagte Knut Cordsen über den Fall Eckhart: "Ein Veranstalter knickt ein vor angedrohter Gewalt" (die es nicht gab) und "der Mob bestimmt, wer auftreten darf", obwohl es keinen Mob gab.  Im "Tagesspiegel" hieß es: "Mit aggressiven Methoden sollen politische Widersacher zum Schweigen gebracht werden." Und in der "taz" schrieb der Soziologe Levent Tezcan  vor Kurzem, nicht über Eckhart, sondern allgemein: "Mit einem quasireli­giö­sen Furor will eine neue Generation People of ­Color jede auch noch so verborgene rassistische Regung in der Seele ausrotten." Selbst Linke und Liberale seien "nicht mehr davor gefeit, als Rassisten gebrandmarkt zu werden", denn "diese neuen Minderheitsvertreter" seien "gewappnet mit dem moralischen Panzer des Minderheitenstatus" und einer "perversen Logik". Kurze Sprachanalyse: Fällt Ihnen was auf? Quasireligiös, Furor, ausrotten, brandmarken, Panzer? Wer Menschen, die Diskriminierungen kritisieren, so beschreibt, bietet Rechtsextremen alles Futter, das sie brauchen, um sich gegen eine imaginierte Bedrohung zu wehren. Und das ist wirklich gefährlich.

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