Hannah Pilarczyk

Debatte über Cancel Culture Viele Gräben, viele Kämpfe

Hannah Pilarczyk
Ein Debattenbeitrag von Hannah Pilarczyk
Im Netz tobt ein linker Mob, der unliebsame Menschen wie J.K. Rowling oder konservative Kommentatoren "cancelt": So wird die aktuelle Debattenkultur oft charakterisiert. Dabei befeuert diese Darstellung selbst Polarisierung.
Beststellerautorin J.K. Rowling ist eine der prominentesten Kritikerinnen der sogenannten Cancel Culture

Beststellerautorin J.K. Rowling ist eine der prominentesten Kritikerinnen der sogenannten Cancel Culture

Foto: CARLO ALLEGRI/ REUTERS

Als sich vergangene Woche rund 300 Redakteurinnen und Redakteure des "Wall Street Journal" ("WSJ") in einem Brief an ihren Verleger Almar Latour  wandten, um Sorgen wegen fehlender Transparenz und mangelhafter Faktenchecks im Meinungsteil der Zeitung zum Ausdruck zu bringen, reagierte die Redaktionsleitung prompt. In einem "Brief an die Leser"  verkündete sie: "Diese Seiten werden dem Druck von Cancel Culture nicht klein beigeben."

Die Autorinnen und Autoren des Briefs waren verblüfft. In ihrem Schreiben war es in erster Linie darum gegangen, dass Meinungsstücke im "WSJ" immer wieder erhebliche Sachfehler aufweisen und in Widerspruch zur Sachberichterstattung der Zeitung in ihren anderen Teilen stehen würden. Unter anderem hatte das "WSJ" einen Gastbeitrag von Vizepräsident Mike Pence unter dem Titel "Es gibt keine 'zweite Welle' des Coronavirus"  veröffentlicht, den es wegen Falschbehauptungen später korrigieren musste.

Was sollte Kritik an solchen Missständen - formuliert von eher wirtschaftsliberal-konservativ denn linksradikal gesinnten Redakteurinnen und Redakteuren - mit Cancel Culture zu tun haben? Mit Cancel Culture ist schließlich in der Regel ein linker Online-Mob gemeint, der politisch unliebsame Personen wirtschaftlich und kulturell "abzusagen" versucht.

Ungläubigkeit und Gelächter

Die Ungenauigkeit des Konters ist kein Zufall und der Konflikt im "WSJ" kein Einzelfall. Wo in der US-amerikanischen Kultur- und Medienbranche (aber auch zunehmend der deutschen) der Vorwurf von falschen Themengewichtungen und diskriminierenden Entscheidungsprozessen erhoben wird - egal, wie berechtigt er auch sein mag -, kommt alsbald der Gegenvorwurf: Cancel Culture!

Als persönliches Drama hat jüngst die konservative "New York Times"-Redakteurin Bari Weiss diesen Konflikt ausagiert. Mit einem aufsehenerregenden Abschiedsschreiben  gab die 36-Jährige nach nur drei Jahren ihren Austritt aus der Redaktion bekannt. "Erstlingsautoren, Zentristen, Konservative und andere, die die 'Times' nicht automatisch als heimisch" empfänden, hätte die "Times" als Reaktion auf die Trump-Wahl nur pro forma willkommen geheißen. Intern hätte sich stattdessen eine "neue Orthodoxie" breit gemacht, die genau diese Stimmen unterdrücken und Leute wie sie mobben würde, so Weiss.

Dass die "NYT" Zentristen und Konservativen kein Forum biete, ist angesichts von Kolumnisten wie Ross Douthat ("Einer von Amerikas prominentesten konservativen Kommentatoren", so das Magazin "Mother Jones") ein schwer haltbarer Vorwurf; unter Linken sorgte er prompt für Ungläubigkeit und Gelächter.

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2016 hatte die "New York Times" massiv für die Zentristin Hillary Clinton geworben und gegen den Sozialisten Bernie Sanders als Präsidentschaftskandidat der Demokraten polemisiert. Der Aufstieg neuer linker Medien in den USA, von Magazinen wie "Current Affairs" bis hin zum extrem erfolgreichen Pro-Bernie-Podcast "Chapo Trap House" mit monatlichen Spenden von über 150.000 Dollar, kann auch als Folge dieser offenen Parteilichkeit verstanden werden.

Dass dies kein Ausreißer in der langen Geschichte der "Times" ist, hat kürzlich Pankaj Mishra in der "London Review of Books"  gezeigt. In einem Essay über das Versagen der angloamerikanischen Welt bei der Eindämmung des Coronavirus leitet der indische Intellektuelle her, wie liberale Staatsfeindlichkeit dieses Versagen befeuert hat. Führende englischsprachige Medien, darunter die "New York Times", hätten das kontinuierlich unterstützt. Mishras Lieblingsfeind: "NYT"-Kolumnist Thomas Friedman, "mafiöser Berater von globalisierenden Vorständen und modernisierenden Despoten", so Mishra.

Friedman hat seinen Job bei der Zeitung noch, und auch Weiss hätte ihren weiterhin, wäre sie nicht von sich aus zurückgetreten. Trotzdem griff das Narrativ von den engstirnigen Linken, die Widerspruch in der "Times" mit aller Gewalt niedertwittern. Auch in Deutschland wurde es in Berichten über Weiss' Abgang  ventiliert.

Marginalisierte Millionäre

Dass es so weit kommen konnte, liegt nicht zuletzt an dem Vokabular, mit dem auch hierzulande mittlerweile standardmäßig sowohl die aktuelle politische Situation als auch die Debattenkultur in den USA beschrieben wird.

Cancel Culture, Selbstzensur, Political Correctness und Culture Wars gehören zu den Worten, die sich, wenn ungenau und kontextlos eingesetzt, zu Kampfbegriffen wandeln. Denn das Bild von den USA, das sich mit diesen Schlagworten sprachlich zeichnen lässt, ist ein immergleiches: Ein Land, in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite die "woke"-Linke, die entweder sich selbst den Mund verbietet oder andere per Twitter "cancelt"; auf der anderen Seite die Zentristen, Konservativen und heroischen Liberalen, die sich im Kampf für Meinungs- und Kunstfreiheit als einsame Streiter sehen.

Erst vergangene Woche hat Simon Strauss in der "FAZ"  in eine ähnliche Kerbe einzuschlagen versucht und das von Weiss gepushte Konzept eines "intellectual dark web", eines Netzwerks vermeintlich marginalisierter konservativer Intellektueller, aufgegriffen. Laut Weiss zählen zu diesem Netzwerk außer ihr selbst unter anderem die Psychologieprofessoren Jordan Peterson (Toronto) und Steven Pinker (Harvard) sowie der Podcaster Joe Rogan.

Die Genannten werden im englischsprachigen Raum tatsächlich viel kritisiert - als Antifeministen, Biologisten und Anhänger der Alt-Right zum Beispiel - und das auch öffentlichkeitswirksamer als Generationen von Konservativen und Reaktionären zuvor. Aber marginalisierte Stimmen?

Streit um kulturelles Kapital

Petersons YouTube-Kanal hat 2,86 Millionen Abonnenten, Pinker wurde mehrfach unter die 100 wichtigsten Denker der Welt gewählt, Rogan hat kürzlich 100 Millionen Dollar von Spotify für die Exklusivrechte an seinem Podcast erhalten. Angesichts solcher Plattformen und Ressourcen ist die Stilisierung als randständig unhaltbar.

Dennoch kommt die vorschnelle Cancel-Culture-Kritik kaum ohne derartiges Framing aus. Denn erst, wenn nicht mehr über ökonomisches und soziales Kapital gesprochen wird, also über Geld und institutionelle Zugänge, kann kulturelles Kapital, also Prestige und Respekt, so überdimensioniertes Gewicht bekommen. Erst dann können Millionäre und Bestsellerautoren, Harvardprofessoren und Feuilleton-Stars ihre Viktimisierung beklagen.

Den Exzess dieser Idee lebt Donald Trump aus, der sich selbst im Weißen Haus noch fernab des Establishments glaubt. Ihr Echo findet sich aber auch in dem Brief gegen Cancel Culture, den über 150 Autorinnen und Autoren kürzlich in "Harper's"  veröffentlichten. Während die Unterzeichnenden namentlich aufgeführt wurden, blieben die Adressaten des Schreibens diffus. Ein seltsames Duell ergab sich so. Auf der einen Seite diverse Booker-Preise, Ivy-League-Professuren und Millioneneinkünfte, auf der anderen - wer genau? Die Besitzer einiger beliebter Twitter-Konten?

Für weite Teile der Cancel-Culture-Kritik braucht es offenbar diese Ungenauigkeiten. Nur durchs Ausklammern von materiellem Gefälle kann der falsche Eindruck von Gegnern auf Augenhöhe und Kämpfen ums Ganze aufrechterhalten werden - statt nur um die Meinungshoheit in den sozialen Medien. Kulturelle Debatten überlagern so Verteilungskämpfe um Macht und Geld.

Die "anti-woke left"

An der Kulturalisierung politischer Debatten sind Linke nicht unschuldig. Während Millionen von Menschen angesichts der Pandemie-Folgen vor dem ökonomischen Nichts stehen, streiten sich weite Teile der intellektuellen Szene darüber, wie transphob die Tweets von J.K. Rowling wirklich sind.

Längst hat sich dagegen aber auch Widerstand von links formiert: Die selbst erklärte "anti-woke left" pöbelt in den USA (zumindest im Internet) lautstark gegen Identitätspolitik, zum Beispiel in dem Podcast "Red Scare", im Fall der kontroversen Autorin Angela Nagle ("Kill All Normies" ) sogar in den Sendungen des hoch umstrittenen Fox-News-Moderators Tucker Carlson.

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Entstehen im Kampf gegen "wokeness" etwa Allianzen zwischen rechts und links? Und wenn ja, auf wessen Kosten gehen sie? Das sind heikle Fragen, die sich nicht sinnvoll entlang grober Kategorisierungen wie "Kulturkampf" diskutieren lassen. Einfach davon auszugehen, es stünden sich in der politischen Landschaft "des Westens" ein liberal-freiheitliches Lager und ein repressiv-zensierend-identitätspolitisches gegenüber, wäre allein schon angesichts der unvereinbaren wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Beteiligten absurd.

Also alles ganz schön unübersichtlich? Auf jeden Fall. Begriffe wie Cancel Culture arbeiten gegen diese Realität an, sie suggerieren klare Kanten, wo es keine gibt. Wer sie weiterhin unkritisch verwendet, sorgt so genau für die Polarisierung, die er vorgibt zu bekämpfen.

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