Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 59

Gestorben Carla Fracci, 84

aus DER SPIEGEL 23/2021
Foto:

De Bellis / Fotogramma/de Bellis / picture alliance / FOTOGRAMMA

Sie tanzte, wie andere Menschen atmen: leicht und natürlich. Die italienische Primaballerina war mit ihren zierlichen 1,63 Meter Körpergröße und ihren ausdrucksstarken Augen eine Ausnahmeerscheinung im internationalen Ballett – und eine der bedeutendsten Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts, wie die »New York Times« jetzt befand. Dabei konnte Carla Fracci als Kind wenig Positives am Ballett finden, ihre Ausbildung an der Mailänder Scala sei anfangs schrecklich langweilig gewesen, sagte sie einmal. Erst als sie vor Publikum tanzte, wurde ihre Leidenschaft geweckt. In Mailand, London, New York verzauberte sie ihre Zuschauer mit unaufdringlicher Perfektion, großer Emotionalität, Hingabe. Die Rolle ihres Lebens war die Titelheldin in »Giselle«. Noch mit 55 Jahren trat sie in ihrer Glanzrolle auf, eine Kritikerin staunte: »Ihre Füße schienen kaum den Boden zu berühren.« Fracci heiratete 1964 den Regisseur Beppe Menegatti, 1969 kam ein gemeinsamer Sohn zur Welt. In späteren Jahren übernahm sie Ballettdirektionen in Neapel, Verona und Rom. Zu ihren Tanzpartnern gehörten die ganz Großen: Paolo Bortoluzzi, Erik Bruhn, Rudolf Nureyew. Mikhail Baryshnikov sagte: »Sie tat niemals dasselbe, deswegen war sie so lebendig und präsent auf der Bühne.« Sie strebte danach, ihre Rollen nicht nur gut darzustellen, sie wollte sich verwandeln, und das tat sie voller Anmut. Carla Fracci starb am 27. Mai in Mailand.

ks
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 59