Wegen Antisemitismusvorwürfen Dramatikerin Caryl Churchill wird Theaterpreis aberkannt

In drei Wochen sollte Caryl Churchill einen neu geschaffenen Preis für Dramatikerinnen und Dramatiker erhalten. Nun hat die Jury die Auszeichnung zurückgezogen: Es gebe Antisemitismusvorwürfe gegen die Britin.
Dramatikerin Caryl Churchill 2014 bei einer Theaterprobe

Dramatikerin Caryl Churchill 2014 bei einer Theaterprobe

Foto: ArenaPAL / ullstein bild

Die Auszeichnung der Britin Caryl Churchill mit dem Europäischen Dramatiker:innen Preis wird wegen Antisemitismusvorwürfen gegen die Autorin zurückgenommen. Nach erneuter Beratung habe die Jury am Montag beschlossen, »ihre Entscheidung zurückzuziehen und den Europäischen Dramatiker:innen Preis in diesem Jahr nicht zu verleihen«, teilte das Schauspiel Stuttgart am Dienstag mit. Zum Wochenende seien Informationen bekannt geworden, »die der Jury bisher nicht vorlagen«.

Erst im April hatte die vom Schauspiel Stuttgart eingesetzte Jury Churchill den Preis 2022 für ihr Gesamtwerk zugesprochen. Der Preis wird seit 2020 alle zwei Jahre verliehen und ist mit 75.000 Euro dotiert. Zu der Jury gehören die Intendantin des Straßburger Theaters Maillon, Barbara Engelhardt, der Theaterkritiker der »Zeit«, Peter Kümmel, der Künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, sowie die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, Petra Olschowski. Den Juryvorsitz hat der Autor Peter Michalzik.

Die Jury, heißt es in der Mitteilung des Schauspiels Stuttgart weiter, habe nun Kenntnis von Unterschriften der Autorin im Zusammenhang mit der Israel-Boykottbewegung BDS. »Außerdem gibt es das Stück >Seven Jewish Children<, das antisemitisch wirken kann. Die Jury hat zu ihrem großen Bedauern deswegen entschieden, den Preis in diesem Jahr nicht zu vergeben.« 2020 ging der erste Europäischen Dramatiker:innen Preis an den libanesisch-kanadischen Autor und Regisseur Wajdi Mouawad.

»Zeit für eine Neubewertung und Neubetrachtung«

Die vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg geförderte Auszeichnung, einer der am höchsten dotierten Preise des europäischen Theaters, sollte am 20. November im Stuttgarter Schauspielhaus an die 84-jährige britische Schriftstellerin überreicht werden. In ihrer ursprünglichen Preisbegründung  hatte die Jury Churchills »ausgesprochen engagiertes Werk« gelobt: Sie habe in ihren zahlreichen Stücken »unterschiedliche Machtstrukturen scharf herausgearbeitet«. Ihre Stücke seien »bekannt, aber nicht berühmt« und würden nur noch selten gespielt. »Zeit für eine Neubewertung und Neubetrachtung«, endete die Begründung.

Churchill wurde in den Achtzigerjahren mit feministischen und linksradikalen Stücken wie »Top Girls« (1982) und »Serious Money« (1987) bekannt und gilt als wichtige Autorin des britischen Theaters. Viele ihrer Dramen wurden am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt; in der Berliner Schaubühne kam 2003 ihr Stück »Die Kopien« heraus, das sich mit dem Klonen von Menschen beschäftigte.

Die Uraufführung des sechs Seiten langen und rund zehn Minuten dauernden Kurzdramas »Seven Jewish Children: A Play for Gaza« sorgte 2009 am Royal Court Theatre für einen Skandal. Viele Kritikerinnen und Kritiker bezeichneten die Szenenfolge, die sich mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beschäftigt, als antisemitisch und rügten die im Stück wiedergegebenen judenfeindlichen Klischees. Einige Kollegen wie der selbst jüdische US-Dramatiker Tony Kushner hingegen verteidigten Churchills Stück als angeblich notwendige Provokation.

Dass Caryl Churchill nicht nur BDS, sondern auch die gleichfalls umstrittene »Palestine Solidarity Campaign« unterstützt, ist seit vielen Jahren ebenso bekannt wie der Streit um »Seven Jewish Children« – insofern hätte auch die von den Stuttgartern bestellte Jury davon schon früh wissen können.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Petra Olschowski sei Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Allerdings ist sie seit September 2022 Ministerin in dem Bereich. Wir haben die Stelle entsprechend korrigiert.

hpi/höb/dpa
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