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BÜCHER Casanova des Kopfes

Nicolo Ferjancic: »Polonia. Ein nomadischer, nicht zufälliger Roman«. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 220 Seiten; 19,80 Mark. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Der Erstlingsroman des 41jährigen Italieners Nicolo Ferjancic ist ein knalliges Schelmenstück. Boleslaus, der belesene und erotomane Held, bricht zu einer 1000 Jahre währenden Odyssee durch ein ebenso wirkliches wie eingebildetes Polen auf.

Beflügelt von der Erkenntnis, daß es für einen originellen Geist keine räumlichen und zeitlichen Grenzen gibt, durcheilt er die Städte so rasant wie die Jahrhunderte, immer auf der Suche nach Gelegenheiten, sich exzessiven Liebes- und Gedankenspielen hinzugeben.

Dieser Boleslaus ist ein Gehirn-Tier; ein Gedanken-Gaukler, der vor Lust rast, wenn er eine neue Idee zu fassen bekommt, und kühl wie ein Schachspieler alle möglichen Positionen ausprobiert, wenn er die Damen aufs Kreuz legt.

Sein bestes Talent ist die universelle Neugier. Aber bereits auf der ersten Station seiner absonderlichen Bildungsreise,

in Gniezno irgendwann im 11. Jahrhundert, macht er mehr Erfahrungen, als ihm lieb sind: Vier grobe Burschen vergewaltigen den subtil empfindenden Tramp.

Da rief der König den Boleslaus zu sich, »ließ ihn mit Hilfe der Folter seine Vergewaltiger denunzieren und, nachdem er die Namen leicht bekommen hatte, alle vier am Markttag in Gegenwart von Boles zu dessen Wohl und Heilung enthaupten«.

Mitleidslos hätte Boles zugesehen, wenn die armen Teufel gerädert und geviertelt worden wären. Aber daß man ihnen das Allerheiligste, die Köpfe, abschlägt, erfüllt ihn mit Grausen.

Ferjancics Roman ist ein Leporello aus Wörtern, auf dem die ungestümen Phantasien eines Casanova der Reflexionen zu besichtigen sind, der seinen scharfen Geist mit immer neuen erotischen Lockungen und intellektuellen Versuchungen fit zu halten versucht. Kaum läßt sich auch nur andeuten, wie rigoros Ferjancic, mit der moralischen Unbekümmertheit eines schwarzen Humors, die leidvolle Geschichte Polens in eine Historie vergnüglicher Widersinnigkeiten umschreibt.

Ferjancic' Polonia - das ist ein Land schlitzohriger Heiliger und machtbesessener Drahtzieher, verderbter Schwärmer und hochgelehrter Narren, denen Boleslaus wie in einem Labyrinth auf den Fersen ist.

Ob Boles in Krakau zu Hofe in eine wüste Orgie gerät, in Lodz mit den Kommunisten gegen den Junta-Chef Pilsudski konspiriert, um seine Genossen anderntags zu verraten; ob er während eines Ballonfluges über die Aufklärung streitet oder, um es sich gefügig zu machen, ein Schankmädchen aus Tschenstochau ins 17. Jahrhundert entführt - stets stürzt er sich kopfüber und selbstbewußt in die nächste Gefahr und schlägt sich doch nur den Schädel auf.

Denn die Moral von der Geschicht', sie lautet: Mit Boleslaus ist ein nimmersatter Possenreißer am Werk, dessen Unglück darin besteht, daß diese Welt keinen Spaß versteht, weil sie selbst ein einziger blutiger Witz ist.

Als der Roman, von den Kritikern gepriesen, 1981 in Italien erschien, wurde dem Publikum ein Autor bekannt, dessen Leben kaum weniger launisch verlief als das seines Helden: In Triest als Sohn slowenischer Eltern geboren, erwarb Nicolo Ferjancic zuerst das Diplom eines Radiomechanikers und erfand ein avantgardistisches Gerät zum Sieden von Würsten. Dann stieg er aus, bereiste Asien, Afrika, Polen und schrieb, zurückgekehrt, seinen Roman.

Man hat seine Kunst mit der des Argentiniers Jorge Luis Borges verglichen, des blinden Altmeisters der phantastischen Literatur. Ein Kompliment, das Ferjancic freut, das er aber auch für übertrieben hält.

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