Arno Frank

CDU präsentiert neue Wahlkampfplakate Kreisklasse mit Laschet

Arno Frank
Eine Stilkritik von Arno Frank
Die CDU setzt in diesem Wahlkampf auf einen Kreis – nirgendwo Kanten, nichts eckt an. Kein Wunder: Im Grunde ist jedes neue CDU-Plakat nur eine Adenauer-Variation.
CDU-Wahlplakate: Welche Gesellschaft soll das abbilden?

CDU-Wahlplakate: Welche Gesellschaft soll das abbilden?

Foto: Friso Gentsch / picture alliance / dpa

Machen konnte man bisher einen Anfang, den Abwasch, den Abflug, das Bett oder ins Bett. Nun hat die CDU dem unscheinbaren Funktionsverb mit dem kehligen Ablaut in seiner Wahlwerbekampagne eine tragende Funktion verliehen: »Deutschland gemeinsam machen«.

Generalsekretär Paul Ziemiak drohte bei der Präsentation, es werde »der bisher digitalste Wahlkampf werden, den wir bisher erlebt haben«. Deshalb darf allerhand digitaler Tinnef wie »teilbare Inhalte« oder eine virtuelle Wahlkabine nicht fehlen. Neben dem Slogan hat Ziemiak am Dienstag aber auch »analoge Elemente« vorgestellt – die Grundausstattung einer ganzen Staffel von Parteiplakaten, an denen sich die Bürgerinnen und Bürger ab Beginn der Briefwahl kaum werden satt sehen können.

Das Plakat ist älter als der Buchdruck und wird seit jeher von Geschäftsleuten, Gauklern oder Schaustellern benutzt. Es ist, neben der Rede, das älteste Werkzeug politischer Kommunikation und damit so etwas wie der Quastenflosser oder die SPD unter den Wahlwerbemitteln.

Der aufladbare Unionskreis

In ihrem aktuellen Design setzt die CDU auf ein exotisches Element der babylonischen und altägyptischen Geometrie, den Kreis. Da eckt nichts an, gibt’s keine Kanten, damit können wir bequem in ein »modernes Deutschland« (Armin Laschet) rollen. Ziemiak nennt das weltoffene O den »Unionkreis« und staunt über die Möglichkeiten, »ihn inhaltlich aufzuladen«.

Der aufladbare Unionskreis hat eine Felge in Schwarz, Rot und Gold, er nimmt »den Menschen in den Fokus«, Menschen wie du und ich. Oder wie Clara von Nathusius, stellvertretende Chefin einer CDU-Wahlkampftruppe, die hier in die Rolle einer Polizistin geschlüpft ist: »Mit Sicherheit«.

Generalsekretär Paul Ziemiak bei der Präsentation der neuen CDU-Plakate

Generalsekretär Paul Ziemiak bei der Präsentation der neuen CDU-Plakate

Foto: Kay Nietfeld / picture alliance/dpa

Das Thema »Rente« oder auch »Pflege« wird von CDU-Sprecherin Isabell Fischer abgedeckt. Sie hat sich als Krankenschwester oder Schwiegertochter verkleidet, um einem Greis ihre Aufmerksamkeit zu schenken: »Für ein gutes Leben im Alter«. Nebenan malen ihr Mann und ihr Sohn eine Wand an, um »für bezahlbares Wohnen« und damit ein weiteres Kernthema der Union zu werben.

Auch die fröhliche Schülerin (Bildung), die klassische Kombi aus Mutter, Vater und süß in die Kamera guckendem Kleinkind (Familie) oder auch der vierschrötige Dachdecker beim Streicheln von Photovoltaik (Klima schützen, aber auch Jobs schaffen) sind gewöhnliche »Menschen im Fokus« insofern, als dass sie Mitglieder von CDU oder CSU sind, von ihnen beschäftigt werden oder in eine Unionsfamilie hineingeboren wurden.

Schon nennt eine große Boulevardzeitung die Motive in ihrem boulevardesken Stummelsprech »Peinlich-Plakate«. Dabei hat Ziemiak erklärt, man habe keine echte Polizistin, keine echte Krankenschwester und keinen echten Dachdecker von der wichtigen Arbeit für ein »modernes Deutschland« abhalten wollen. Und sind nicht auch CDU-Mitglieder irgendwie Bürgerinnen und Bürger?

Vergleichsweise ehrlich

Mag sein, dass Authentizität anders geht. Skandinavische Models wären aber die noch schlechtere Wahl gewesen. Und Krankenschwesterndarstellerinnen aus der Union, die für Politikdarsteller aus der Union werben? Das ist schon wieder vergleichsweise ehrlich. Wenn auch nicht ganz so ehrlich, wie es Motive mit glücklichen Lobbyisten oder fleißigen Braunkohlebaggerfahrerinnen wären.

Braun passt leider nun einmal nicht zu den »frischen, optimistischen Farben«, mit denen die CDU sich die Zukunft ausmalt. Die ist übrigens reichlich weiß. Zwar gibt es Jung und Alt, Mann und Frau – aber weit und breit keinen Menschen, der nicht völkischen Reinheitsfantasien entspräche.

Niemanden wird es wundern, dass die Union auf ihren Plakaten keinen fröhlichen Karneval der Minderheiten aufführt. Ihr geht es schließlich um Mehrheiten, und sie hat ihre Lektion gelernt. 2019 echauffierte sich mit Boris Palmer ein Grüner über Reisende mit unterschiedlicher Hautfarbe auf Motiven der Deutschen Bahn: »Welche Gesellschaft soll das abbilden?«

Trotzdem ist die deprimierende Homogenität der Motive ein deutliches Signal an zwei Adressen:

Erstens an ein gutes Drittel der Bevölkerung, das herkunftsbedingt nicht gemeint ist beim »Deutschland gemeinsam machen«. Den Vorschlag, sich diverser – und damit realitätsnäher – zu präsentieren, hat sicher jemand bei der Planung dieser Motive gemacht. Aber ebenso sicher wird jemand entscheiden haben: »Nee, sicherheitshalber mal lieber nicht«.

Zweitens an einen rechten Rand, der sich, wären die Plakate diverser, bunter ausgefallen, sicher gefragt hätte: »Welche Gesellschaft soll das abbilden?« Dazu passt, wie vehement sich Armin Laschet vom reaktionären Rechtsausleger Hans-Georg Maaßen distanziert: gar nicht.

Seit Jahrzehnten ist jedes CDU-Plakat im Grunde eine Variation auf das »Keine Experimente«, mit dem einst ein finsterer Konrad Adenauer für sich warb. Was sich hinter der Hohlform »Deutschland gemeinsam machen« verbirgt, hat Ziemiak auch erklärt. Die Union stehe nicht für »Entweder-Oder«, sondern für ein »Sowohl-als-auch«.

Was in dieser wahltaktischen Gleichung »sowohl« ist und was »als auch«, das wird sich angesichts dieser Wahlkampagne jeder denken können.

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