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TV-Dokumentation Chaos überwunden

»Terror aus dem Kinderladen?« Dokumentarfilm von Gerhard Bott. ARD, Montag, 10. Januar, 21.45 Uhr.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Als der NDR-Redakteur Gerhard Bott vor zwei Jahren über die antiautoritären Kinderläden berichtete, empfanden viele Zuschauer die zwanglose »Erziehung zum Ungehorsam« (Sendungstitel) als »anarchistisch, ekelerregend und pornographisch«.

Die antiautoritäre Erziehung, so fürchteten damals auch die CDU der Caritasverband und der Kinderschutzbund, führe zur »systematischen Bolschewisierung« der Kinder und zu »sexueller Libertinage«.

Nun hat sich der Hamburger »Panorama«-Reporter wieder mit den antiautoritären Gören beschäftigt -- doch diesmal brauchen sich ordnungsliebende Bürger nicht um »die armen, erbarmungswürdigen Kinder« (so eine Zuschrift zu Botts erstem Film) zu sorgen. Die Dokumentation »Terror aus dem Kinderladen?« lehrt vielmehr, daß eher die auf Gehorsam, Ruhe und Sauberkeit abgerichteten Bürgerkinder zu bedauern sind. Bott beobachtete »antiautoritäre Kinder im ersten Schuljahr«.

Sechsmal innerhalb von elf Monaten hat er mit seinem Kamerateam jeweils eine Woche lang eine Frankfurter Grundschule besucht, in der seit September 1970 ein in der Bundesrepublik bislang einmaliges Pädagogik-Modell erprobt wird: die Koedukation von sieben Kinderladen-Zöglingen und 14 traditionell erzogenen Kindern aus dem Stadtteil Rödelheim. Den Unterricht übernahm eine antiautoritäre Lehrerin.

Vom ersten Schultag an, so belegt es der Film. zeigten sich deutliche Verhaltensunterschiede zwischen den beiden Gruppen. Denn während sich die zwangfrei aufgewachsenen Akademiker-Sprößlinge sogleich mit den Büchern beschäftigten, Puzzlespiele lösten. Buchstaben beguckten. malten, bastelten und am liebsten »den ganzen Tag in der Schule bleiben« wollten, hockten die Rödelheimer Jungen und Mädchen verängstigt auf ihren Bänken und erwarteten Befehle der Lehrerin.

Die Beklommenheit löste sich erst nach einigen Tagen. Dann entluden sich angestaute Aggressionen in chaotischen Gewaltausbrüchen. Die zum Teil verhaltensgestörten »Bürgerlichen« prügelten sich mit Kameraden. warfen mit Knetgummi, trommelten auf die Tische und bearbeiteten Puppen mit Fausthieben; Bücher fanden sie langweilig. Unwillig kreischten die Antiautoritären: »Aufhören mit dem Krach.«

Das veränderte Betragen ihrer Kinder, die ihre ungewohnte Freiheit nun auch zu Hause austobten, erregte bald den Zorn der Rödelheimer Eltern. »Uwe macht nur noch Blödsinn«, klagte eine Mutter beim Elternabend. »Er sagt, in der Schule darf man sich prügeln. Ich finde das erschreckend.« Ein Vater schimpfte: »Die neue Erziehung zielt gegen das Bestehende. Mein Kind ist mir als Revolutionär zu schade.« Vier Ehepaare protestierten bei der Schulbehörde und ließen ihre Kinder in eine andere Klasse versetzen.

Trotz dieser Störungen verlief das Experiment erfolgreich. Denn nach einigen Monaten -- Bott zeigt es mit Aufnahmen von Elternversammlungen und Unterrichtsstunden -- hatten die Rödelheimer Kinder ihre »chaotische Phase« (Bott) überwunden. Sie lernten nun ebenso eifrig wie ihre antiautoritären Altersgenossen. Zufrieden bescheinigten die meisten Rödelheimer Eltern nun, daß »die sehr freie Erziehungsmethode unseren Kindern hilft«.

Sogar das überwiegend skeptische Lehrerkollegium war beeindruckt. »Jeder von uns«, sagt die Rektorin zum Schluß, »beginnt seinen Unterrichtsstil zu überprüfen.«

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