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KUNST / ALTENBOURG Chimäre mit Rose

aus DER SPIEGEL 46/1969

Beim Hummercocktail errichtete die Tischrunde ein imaginäres Museum: Im Ost-Berliner Nobelrestaurant »Ganymed« beschrieben Westdeutsche Besucher dem Maler und DDR-Bürger Gerhard Altenbourg, 42, die erste große Altenbourg-Ausstellung, die gerade im West-Berliner »Haus am Waldsee« eröffnet worden war.

Der Künstler selbst, der eigentlich Ströch heißt und sich nach seinem Wohnort Altenburg in Thüringen nennt, durfte seinen Werk-Querschnitt nicht besichtigen; denn Altenbourg ist den DDR-Behörden zwar als Devisenbringer lieb, doch als Person suspekt. So bekam er nur die Exportlizenz für seine Bilder und keine Ausreisegenehmigung.

Freilich, besonders linientreu, sozialistisch und realistisch sind Altenbourgs Arbeiten gerade nicht. Das verdeutlicht die Ausstellung, die nach dem Start in Berlin nun (seit Montag dieser Woche) in Baden-Baden, später noch in Hannover, Düsseldorf und Hamburg gezeigt wird, zur Genüge.

Die rund 200 Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen -- und zusätzliche 800 Blätter, die der hannoversche Galerist Dieter Brusberg soeben in einem Altenbourg-Werkverzeichnis publiziert hat -- eröffnen vielmehr eine absonderliche, untergründig erotische »Innnenschalen-Schau« (Altenbourg). In dieser Welt geistern makabre Fratzen und groteske Männchen, die von Paul Klee erfunden sein könnten.

Wie Klee, so pflegt auch Altenbourg, der sich nebenher als Lyriker versucht ("Die feuchte Zwielichtstunde deines Mundes enthält das Gleichnis der Veränderung"), seine Blätter mit poetischen, oft ironischen Titeln zu versehen, zum Beispiel: »Klar dem Nächtlichen verschwistert«, »Er reicht einer Chimäre eine Rose« oder »Hier lebte, starb und litt Herr Blumentritt«.

Auch dem »Informel«-Vater Wols (Wolfgang Schulze) fühlt sich der Künstler verpflichtet -- aus dessen abstrakten Psychogrammen hat er den Krakelstrich und die lasterende Malweise übernommen; in Altenbourgs kleinteilig verzahnten Kompositionen sind bis zu 14 Lagen eines leuchtenden Kolorits übereinandergeschichtet.

Mit solchen Arbeiten könnte der Thüringer Predigersohn, der nach Kriegsdienst zunächst Journalist war und dann an der Weimarer Kunsthochschule studierte, im Westen ein mäßig progressiver Arrivierter sein. An seinem Ort Ist er ein Außenseiter.

In Altenburg, wo Altenbourg nach einer Zelt der »Verlobungen und Entlobungen« allein mit seiner Schwester ein Haus bewohnt, kann er zwar unbehelligt malen, den Garten bestellen und sich, dank Westkontakten, nach Internationalem Chic einkleiden. Zu den offiziellen Kunstausstellungen jedoch wird er nicht zugelassen.

Eine kleine Sammler-Gemeinde allerdings fand Altenbourg auch unter Landsleuten, Publizität aber vorwiegend im Westen -- und mehr als jeder andere Künstler aus der DDR. Seit er 1952 in der West-Berliner Galerie Springer ausgestellt hatte, wurde der deutsche Kritiker-Doyen Will Grohmann sein Prophet, und 1968, im Todesjahr dieses Schutzherrn, erhielt der Künstler den erstmals verliehenen Grohmann-Kunstpreis.

Eine neue Stufe des Ruhms hat Altenbourg nun mit der großen Wanderausstellung erreicht, auch einen neuen Markt-Kurs. Kunsthändler Brusberg fordert für Altenbourg-Blätter Preise von 600 bis 12 000 Mark. Teuerstes Stück im Angebot: eine drei Meter hohe »Gepanzerte Jungfrau«.

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