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SPIELWAREN Chips im Bauch

High-Tech im Kinderzimmer: Roboter und Computer verdrängen herkömmliches Spielzeug. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Frauchen braucht sich nicht mehr über Hundedreck und Katzenhaare zu ärgern, Herrchen muß nie wieder Gassi gehen: Die Haustiere der Zukunft, im US-Bundesstaat Kalifornien gezüchtet, benötigen weder Chappy noch Kitekat, gehorchen stets ohne Murren und bleiben von Räude und Staupe verschont. Zur Urlaubszeit sitzen sie wochenlang allein zu Hause, und an die Wohnzimmerpalme pinkeln sie auch nicht.

Diese pflegeleichten Lieblinge, darunter Hunde, Katzen, Hamster, Bären,

Papageien und Zierfische, sollen, so der Plan ihres Ziehvaters, schon bald viele der herkömmlichen Struppis, Muschis und Hansis verdrängen. Zeitraubende Erziehungsmaßnahmen sind bei der neuen Rasse überflüssig, denn die so hervorragenden Charaktereigenschaften sind ein für allemal programmiert - ein winzig kleiner Mikrochip sorgt dafür.

Verborgen im Bauch der Tiere, tief unter der Plüschhaut aus Polyester, sind jene Mikroprozessoren installiert, die alle Körperfunktionen kontrollieren, Bewegungen und Stimmlaute steuern. »Bis 1995«, prophezeit der Unternehmer Nolan Bushnell aus dem kalifornischen Sunnyvale, »wird jedes zweite Haustier ein elektronischer Roboter sein.«

Einen ersten Beweis für die Beliebtheit seiner Tier-Surrogate hat Bushnell bereits erbracht, wenn auch zunächst nur auf dem Spielwarensektor. Vor allem Kinder nämlich, sonst im Umgang mit Tieren oft ungeduldig und überfordert, begeistern sich für die braven Hausgenossen, die Ruppigkeiten willig ertragen und niemals beißen. Innerhalb von fünf Monaten verkaufte Bushnell den lieben Kleinen Computer-Kreaturen im Wert von 15 Millionen Dollar. In diesem Jahr will er den Umsatz verdreifachen, auch durch Exporte nach Europa.

Schon jetzt liefert Bushnell, der die von ihm gegründete Computerfirma Atari 1976 für 28 Millionen Dollar verkaufte, ein umfangreiches Angebot. Die Katze »PetSter Deluxe« reagiert auf lauten Zuruf oder Klatsch-Kommandos. Je nach Befehl läuft sie beispielsweise ins Nachbarzimmer oder eilt gehorsam herbei. Hindernissen weicht sie mit Hilfe von Infrarotsensoren aus. Ein leichtes Streicheln über den Rücken erzeugt wohliges Schnurren - ganz so, wie es Katzenliebhaber mögen.

Die Hundeversion des Modells, »Pup-Ster genannt, kann zudem wimmern, bellen und mit den Augen blinken. Bushnells Teddybären, Bestseller der Kollektion, treiben sogar Konversation. Werden sie angesprochen, antworten sie in einer Computer-Kunstsprache mit schriller Stimme oder dumpfem Brummen. Synchron dazu bewegen sie Mund und Ohren.

Die elektronischen Tierchen, Renner im US-Weihnachtsgeschäft, sollen nun auch in deutsche Wohnungen einziehen, zu Preisen zwischen 100 und 300 Mark. Bis Mittwoch dieser Woche werden sie auf der Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg vorgestellt.

Der Multimillionär aus Kalifornien ist nicht der einzige Aussteller, der mit trickreicher Elektronik wirbt. Zwar vertrauen manche Firmen nach wie vor lieber auf Bewährtes (Steiff präsentiert originalgetreue Reproduktionen von Teddybären aus den zwanziger Jahren), andere setzen auf die Popularität des TV-Chirurgen Prof. Dr. Brinkmann« (das Brettspiel »Die Schwarzwaldklinik;« ist nur eine von zahlreichen Neuheiten, die vom Erfolg der Fernsehserie profitieren). Doch die Zahl der Spielwarenfabrikanten, die High-Tech im Kinderzimmer propagieren, wächst: *___Schuco stellt in Nürnberg einen Experimentierbauka sten ____für Glasfasertechnik vor (189 Mark), der Ju gendlichen ____den Einstieg in die neue Übertragungs technik ____erleichtern soll; *___Märklin erweitert das Digi tal-System zur Steuerung von ____Modelleisenbahnen um das neue Stellpult »memo ry«, in ____dem Kommandos für zwei Dutzend Fahrstraßen und beliebig ____viele Signale und Weichen gespeichert werden können; *___Tronico entwickelte ein ferngesteuer tes Modellauto mit ____programmierba rem Kleincomputer (300 Mark); *___die spanische Firma Feber zeigt Mo torräder für Kinder ____(Maßstab 1:2), die mit Batterieantrieb acht Kilome ter ____pro Stunde schaffen (500 Mark).

Ohne moderne Technik-Produkte, versichern viele Hersteller, seien in dem hart umkämpften Markt kaum noch Zuwachsraten zu erzielen. Allein mit Kuscheltieren und Bauklötzchen mögen sich aufgeschlossene Kinder offenbar nicht begnügen. Sogar Lego lockt die Kleinen mittlerweile mit einem »Mobilen Space Center mit Rechenzentrum«.

»Wir haben unser Programm rechtzeitig geändert«, berichtet Michael Mader, Vertriebschef der Firma Fischertechnik. Von den neu entwickelten Bausätzen für Kleinstroboter (500 Mark) sollen in diesem Jahr annähernd 30000 Stück abgesetzt werden.

Ob derlei Spielzeug Kinder in ihrer Entwicklung fördert oder aber, wie Psychologen befürchten, natürliche Empfindungen eher unterdrückt, ist vielen Herstellern gleichgültig. »Man muß den Leuten verkaufen, was sie haben wollen«, erläutert Bushnell, »nicht unbedingt, was sie wirklich brauchen.«

Bushnell plant bereits die nächste Generation seiner Kunst-Geschöpfe, die künftig nicht nur Haustiere ersetzen könnten, sondern womöglich sogar menschliche Spielgefährten. Derzeit arbeitet sein Team an einem Tierchen, das über einen Wortschatz von mindestens 200 Wörtern verfügt. Es soll sich, erklärt Bushnell, »genauso benehmen wie ein zweijähriges Kind«.

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