Medienpräsenz 2020 Christian Drosten ist Deutschlands gefragtester Corona-Experte

Die Pandemie hat Virologen zu Stars gemacht. Eine SPIEGEL-Auswertung zeigt: Der gefragteste Experte des Landes war Christian Drosten – doch es gibt auch Unterschiede in der Berichterstattung.
Virologe Christian Drosten

Virologe Christian Drosten

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Christophe Gateau/ dpa

Die Pandemie hat den Medien einen neuen Expertentypus beschert: Virologen und Virologinnen. Kaum eine Talkshow, die 2020 ohne Melanie Brinkmann, Jonas Schmidt-Chanasit oder Hendrik Streeck auskam. Der gefragteste Virologe des Landes war jedoch Christian Drosten von der Charité Berlin. Kein anderer Corona-Experte wurde so häufig in Print- und Onlinemedien erwähnt wie er.

Laut einer SPIEGEL-Analyse kommt Drosten auf 3029 Treffer in der Pressedatenbank Digas , die überregionale wie regionale Medien umfasst sowie die Onlinetexte von Zeit.de, SPIEGEL.de und Welt.de. Ein riesiger Vorsprung vor Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (1543 Treffer), sowie dem Virologen Hendrik Streeck (725) und Jonas Schmidt-Chanasit (484).

Wenig Beachtung schenkte die deutsche Presse hingegen den Stars der Corona-Skeptiker-Szene, etwa dem Mediziner Wolfgang Wodarg, der Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus als »Panikmache« bezeichnet hatte. Wodarg wurde 94 Mal erwähnt, der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi, Mitautor des umstrittenen Bestsellers »Corona Fehlalarm?«, 112 Mal. Oft ging es in diesen Artikeln um Faktenchecks oder Fake News.

Drosten dominierte die Berichterstattung deutscher Medien von Anfang an – auch wegen seines Corona-Podcasts beim NDR. In der überregionalen Presse zeigen sich jedoch auch einige Unterschiede. Bei der »tageszeitung« (taz) ist Drosten besonders stark präsent, auch bei der »Zeit«, dem SPIEGEL, der »Süddeutschen Zeitung« (SZ) und der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ) . Bei »Bild« und der Berliner Boulevardzeitung »B.Z.« wird Drosten hingegen deutlich weniger zitiert.

Dafür taucht in den beiden Blättern des Springer-Konzerns »Bild« und »B.Z.« mit Jonas Schmidt-Chanasit ein Virologe viel häufiger auf als in den übrigen Medien. Die »Süddeutsche« hat mit Clemens Wendtner einen viel zitierten Experten vor Ort: Er ist Chefarzt für Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing.

Drostens Omnipräsenz machte ihn zugleich zum Feindbild von Corona-Skeptikern. Die »Bild«-Zeitung versuchte, Drostens Einschätzungen zur Infektiösität von Kindern zu diskreditieren – doch er wehrte sich erfolgreich via Twitter.

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Der Medienwissenschaftler Holger Wormer  hält die Fokussierung auf Drosten trotz seiner ausgewiesenen Expertise für problematisch. Er habe Journalisten erlebt, die Kritik an Drostens Arbeit oder Äußerungen wie eine Majestätsbeleidigung aufgefasst hätten. Wirklich kritische Nachfragen, etwa bei Drostens Auftritten im NDR, seien zu selten, so der Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Zudem werfe die Pandemie zahlreiche Fragen auf, die die Virologie allein kaum kompetent beantworten könne.

In Talkshows wie »Maybrit Illner« war Drosten nur viermal zu Gast. Brinkmann, Schmidt-Chanasit und Streeck kommen laut dem Branchenportal Meedia  auf je 16 Auftritte.