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Gestorben Christian Rätsch, 65

aus DER SPIEGEL 39/2022
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Achim Multhaupt / laif

Mit zwölf Jahren kaufte er sich auf dem Schulhof sein erstes Haschisch, für 3,50 Mark das Gramm. Zu Hause musste er erst einmal herausfinden, womit er es rauchen könnte. Weil er keinen Tabak mochte, versuchte er es mit getrockneten Pfefferminzblättern. »Das war der Beginn meiner Forschungstätigkeit«, sagte Christian Rätsch einmal in einem SPIEGEL-­Ge­spräch . Der Ethnologe und Volkskundler verbrachte zu Studienzwecken mehrere Jahre bei den Lakandonen-Indianern im südmexikanischen Urwald und wurde danach zum vermutlich einflussreichsten Drogenforscher Deutschlands. Er schrieb zahlreiche Bücher und war ein Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Schamanismus: der akademischen Gemeinde zu esoterisch – und den Esoterikern zu wissenschaftlich. Sein Hauptwerk, die mehr als 900 Seiten starke »Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen«, erschien bisher in 17 Auflagen und listet vom Bilsenkraut bis zum Zauberpilz alles auf, was high macht. Das Buch, das auch von der Polizei genutzt wird, brachte Rätsch die Kritik ein, zum Drogenkonsum zu verführen. »Ich verführe nicht, ich kläre auf«, entgegnete er dann. Vor wenigen Tagen stellte er gemeinsam mit seinem Co-­Autor und Forscherkollegen Markus Berger den zweiten Band der Enzyklopädie vor, in dem es auch um die Wirkung von Schnecken geht. Es sei »eine Frage der Forscherehre«, dass er fast alles, worüber er schreibe, auch ausprobiere, sagte der Hamburger. Christian Rätsch starb am 17. September in Kißlegg im Allgäu an den Folgen eines Magengeschwürs.

gui

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