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Christian Schultz-Gerstein über Andreas Mand: »Haut ab«

Schreiende Gefühle im schalldichten Raum Andreas Mand, 22, ist Student und lebt in Osnabrück.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Der Titel dieses Romans weckt gleich schlimme Befürchtungen, zumal der Autor 22 Jahre alt ist und also jener Generation angehört, von der man ständig mit dem Bekenntnis gelangweilt wird, daß »alles irgendwie Scheiße« sei.

»Haut ab« - da hört man schon den abgekarteten »Null Bock« - und »No future«-Jargon von jugendlichen Aussteigern anklingen, die sich sklavisch so gerieren, wie die »beschissene« Gesellschaft es von ihnen erwartet: als grelle Bürgerschrecken mit ätzenden Sprüchen und arglosem Gemüt, das sich etwa vorstellt, »es ist Krieg, und« - und? - »und keiner geht hin«.

An Bestätigungen für dieses Vorurteil fehlt es in Andreas Mands Buch nicht. Der 18jährige Schüler Paul, die Hauptfigur und der Erzähler des Romans, hat tatsächlich mit allem nichts am Hut. Lehrer, Eltern, Schule, die »Tagesschau« und, natürlich, »der Betonwahnsinn der senilen Rathaustypen«, die Autoabgase und die Atomkraftwerke. Paul sagt »nein danke«.

Und wenn er seine Lehrer »Leerer« nennt oder das große U vorm U-Bahnhof als Abkürzung für »unerträglich« deutet, dann ist der Bock weiterzulesen, fast schon gleich Null. Fehlt jetzt nur noch, daß dieser Paul aus dem kapitalistischen System aussteigt und sich in irgendeinem instandbesetzten Haus damit brüstet, ein Opfer der Scheiß-Verhältnisse zu sein.

Aber zum artigen Verweigerer, der sich mit großen Sprüchen von der Gesellschaft verabschiedet und dann ins alternative Körbchen huscht, läßt Mand seinen Paul nun eben nicht verkommen.

Und darin liegt denn auch die Qualität dieses Buches, daß der Autor die jugendliche Hauptfigur nicht auf den vorgezeichneten Popper- oder Punker- oder Polit-Strich schickt, sondern sie ernst nimmt als menschliches Subjekt.

Auch wenn ihm der Kragen eng bis zum Platzen wird angesichts all dieser schleimig-progressiven Lehrer, die ihre Schüler kumpelhaft mit »Meister« anreden und, wenn diese streiken, es »ganz prima« finden, »daß ihr euch nicht einschüchtern laßt«, auch wenn Paul gepeinigt registriert, wie dieselben Lehrer das Machtmittel der Zensuren mit kleinmütiger Bösartigkeit einsetzen: »Groß empören kann er sich nicht« über das, worunter er gleichwohl leidet. Denn »dazu müßte es ihn erst mal überraschen, und das tut's nicht, überhaupt nicht«.

Der oppositionellen Betriebsamkeit seiner Mitschüler, die ständig zu irgendwelchen »Aktionstagen« - »Zu den was Tagen?« - aufrufen, folgt er daher ebenso staunend, wie er ihre scheinradikalen Parolen, die Forderung etwa nach »Abschaffung der Schule« - »Also wenn's weiter nichts ist« - nur als Komplizentum mit jenem »eingespielten Apparat« begreifen kann, in dem »Leute mit radikalen Sprüchen vorgesehen sind«.

Paul wirft ihnen das nicht vor, er stellt es fest. Und wenn er könnte, wäre er am liebsten genauso wie seine Mitschüler, deren Nähe er sucht, an deren unnahbaren Sätzen etwa über die »Scheißschule, die mich hindert, zu mir selbst zu finden«, er dann aber doch immer wieder abprallt.

Paul marschiert mit ihnen bei einer Schüler-Demo, aber kaum skandieren sie ihr den Studenten nachgebetetes »Weg mit den Berufsverboten«, klingt Paul nur ein leeres »Schubiduah! Uah schubiduah« in den Ohren.

Nicht anders vereinsamt er unfreiwillig im Soziologieunterricht zwischen seinen Klassenkameraden, die routiniert ihren Rednerposten beziehen, ihre »kostbaren Argumente« wie aus einem Musterkoffer hervorholen und mit ihnen beweisen, »wie überzeugt« sie »von allem« sind. »Von was kann man noch überzeugt sein«, wundert sich Paul, spricht es aber, zurückschreckend vor der Übermacht der Diskussions-Profis, nicht im Unterricht aus, sondern schreibt es in dieses, sein Buch.

Die Geschichte eines Jugendlichen, der sich überall fehl am Platz fühlt, den noch dies lässig-kreative Freizeitgehabe ("auf dem Boden sitzen mit gekreuzten Beinen, Rotwein, Ideen, Drehbücher, Lieder im Kopf, vielleicht 'ne Zigarette, selbstgedrehte versteht sich ...") deprimiert als ein (auch sein) Verhalten, das »angelesen«, »kopiert« ist, diese Geschichte eines Außenseiters hätte leicht zu der larmoyanten Autobiographie eines mißverstandenen Besserwissers geraten können, der von der dummen Mitwelt in die Isolation getrieben wurde.

In Mands Buch aber gibt es keine Gegner, mit denen Paul sich moralisch oder ideologisch duellieren, gegen die er sich sieghaft ins Recht setzen könnte.

Die verhaßten Lehrer? »Du darfst auf die Schule fluchen, sie fluchen mit, du schimpfst rum, sie schimpfen mit, sie verwenden sogar die Worte, von denen sie meinen, daß du sie gebrauchen könntest.«

Pauls Vater? Auch er ist aufgeschlossen genug, den Haß seines Sohnes auf die Schule zu verstehen: »Weißt du, ich habe die Schule auch gehaßt.«

Alle meinen es nur gut mit Paul. Wenn er apathisch herumsitzt, kommen gleich die »Lachsacktrainer« angelaufen, um ihn aufzuheitern; und wenn all die Freunde und Helfer in Schule und Elternhaus Paul nun gar nicht anders beikommen können, dann trösten sie sich über ihn hinweg mit der Zuversicht, daß »er eines Tages schon von selbst vernünftig wird«.

Das gute alte Feindbild des rigiden Vaters oder autoritären Lehrers gibt hier keiner mehr ab, auch der Schuldirektor nicht, der vor der Schülervertretung den Punkt hervorhebt, »in dem sich die Interessen von uns allen berühren«. (Ja, ja, denkt Paul, »Berührung ist vieles, 'n Zusammenstoß ist auch 'ne Art Berührung«. Das sagt er aber wieder nicht laut, sondern schreibt es in sein Buch.)

Haß auf die Schule, auf das »feindliche Linol«, Haß auf das Haus der Eltern, Haß auf die Stadt, aber wohin mit den schreienden Empfindungen in einer schalldichten Realität, wo an jeder Ecke die aufgeschlossenen, liberalen Typen S.140 lauern, die für alles Verständnis haben? Paul wird seinen Haß nicht los. Statt dessen bekommt er rote Pickel im Gesicht und kocht vor Langeweile.

Er hat »Lust, etwas zu zerstören, das man ansonsten ganz gern hat«, er geht sich auf die Nerven, er hört Jimi Hendrix über Kopfhörer, vielleicht wäre es das, »Gitarre spielen wie so ein Wahnsinniger, sich durch die Eistruhe fressen«, Paul verläßt fluchtartig sein Zimmer, fährt eine Station weit mit der Bahn, spaziert auf dem Bahnsteig von einem Ende zum anderen »und paßt auf, was passiert: nichts«.

Nicht zuletzt daraus resultiert die Spannung, der Sog dieses Buches, daß man denkt, jeden Moment müßte dieser Paul platzen, eine Bombe werfen, wahnsinnig werden oder sich das Leben nehmen. Doch das Happy-End bleibt aus. Paul geht weiter zu Schule.

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