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KUNST Cola auf Rädern

Seine letzten Bilder hat der Pop-Künstler Andy Warhol im Auftrag von Daimler Benz hergestellt: lauter Mercedes-Autos. Demnächst wird die Serie in der Kunsthalle Tübingen zum erstenmal öffentlich gezeigt. _(für Werke Warhols: SPADEM/ Bild-Kunst ) _(1987. ) *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Die Bilder kamen, wie schon die Motive, vom Fließband. Aber noch bevor die Serie zur Hälfte produziert war, wurde die Fertigung abrupt gebremst. Der Tod des Fabrik-Herrn setzte ihr ein Ende.

Aus Andy Warhols berühmter »Factory«, seinem New Yorker Atelierbetrieb sind als letzte Kunstwerke 35 bunte Tafeln hervorgegangen, die allesamt Autos von Daimler-Benz darstellen. 48 weitere hätten noch folgen sollen, wäre der Künstler nicht überraschend am 22. Februar dieses Jahres nach einer Gallenblasenoperation gestorben. Erst jetzt wird seine Hinterlassenschaft publik: Ab 17. Januar zeigt die Kunsthalle Tübingen die Warhol-»Cars«. _(Bis 13. März, anschließend im ) _(Guggenheim Museum, New York. Katalog im ) _(Verlag Gerd Hartje; ca. 120 Seiten; 29 ) _((im Buchhandel 39) Mark. )

Vom »Benz Patent Motorwagen« (1886), dem laut Firmenchronik »ersten brauchbaren Automobil der Welt« bis zum 1970 gebauten Mercedes-Versuchswagen C 111 fahren acht verschiedene Typen in diversen Pop-Farbvarianten auf - einzeln oder serienweise zu viert, zu acht, auch zu zwölft pro Bild. Auf einem Großformat von 2,34 mal 6,40 Metern rollen frühe Vehikel mit Personen, abwechselnd den Erfindern Gottlieb Daimler und Carl Benz, sogar nicht weniger als 40mal einher.

Insgesamt 230 Autos lassen sich zählen - kühl auf Warhol-Art verewigt und verherrlicht wie Marilyn-Köpfe oder Campbell''s-Suppendosen.

Wenn die Bildgegenstände, wie so oft bei Warhol, auch diesmal in einem höheren Glanz erscheinen - den »Cars«-Eignern kann es nur recht sein. Hauptleihgeber der Tübinger Ausstellung nämlich ist das Haus Daimler-Benz, für das der Künstler auch von vornherein ans Werk gegangen war. Erst einmal treten die Auto-Ikonen nun eine wahrscheinlich lange Schau-Tournee an; allein in Japan haben fünf Städte ihr Interesse bekundet. Wenn die Bilder aber dann zurück sind sollen sie einen Stuttgarter Verwaltungsneubau des Konzerns schmücken, der gerade errichtet wird.

Die einzigen Kunstwerke werden sie dort nicht sein. Schon in der jetzigen Zentrale im Stadtteil Untertürkheim gibt es ein Foyer mit Museums-Touch. Die Firma sammelt seit den siebziger Jahren, vorzugsweise südwestdeutschen Moderne-Klassikern wie Oskar Schlemmer und Willi Baumeister zugewandt, doch stets mit dem Kriterium die Anschaffungen sollten »unabhängig vom Atmen des Kunstmarkts« sein - so Hans J. Baumgart, Leiter des Daimler-Benz-Hauptsekretariats. Jüngster Einkauf: eine raumfüllend aus Marmorbrocken aufgeschüttete »Fünf-Kontinente-Skulptur« des Amerikaners Walter de Maria, die derzeit in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen ist. Auto-Bilder waren bislang nicht vertreten.

Die Idee, das zu ändern, stammt erst aus dem Jahr des 100. Automobil-Jubiläums, 1986. Als »Reverenz an das Genie der Ingenieure« hatte das Haus in Anzeigen Photos von 17 (nicht nur eigenen) Kraftwagen drucken lassen. Das animierte den Düsseldorfer Galeristen Hans Mayer zu dem Vorschlag, Andy Warhol könne nach diesen Vorlagen eine Mappe Serigraphien machen und außerdem jedes Motiv als Leinwand-Unikat ausführen.

Doch für einen solchen Auftrag war Daimler-Benz nicht zu gewinnen. Jedenfalls wollten die Herren, falls sie sich überhaupt auf dergleichen einließen, nur Mercedes-Autos sehen.

Zunächst »auf eigenes Risiko« trug Mayer dem für seine Klischee-Umsetzungen berühmten Künstler im Frühjahr 1986 ein Photo des Mercedes 300 SL zu - jenes Modells, mit dem Daimler-Benz

erstmals nach dem Krieg an seine Sportwagen-Tradition anknüpfte und das seit 1954 in Serie gebaut wurde.

Das windschnittig abgerundete Gebilde, visuell einprägsam wie eine Coca-Cola-Flasche auf Rädern, gefiel dem Pop-Star ohne Führerschein sofort. Er übertrug es gleich auf vier Leinwände, zweimal als Einzelmotiv, zweimal in Achterserien, und räumte mit den Resultaten die Skepsis in der Stuttgarter Vorstandsetage aus.

Die Konsequenz war ein im September vorigen Jahres geschlossener Vertrag, nach dem Warhol in gleicher Weise insgesamt 20 Mercedes-Typen auf also 80 Bildern darstellen sollte - ein Projekt, das er laut Mayer »absolut begeistert« anging, obwohl er »große Zugeständnisse« machen mußte.

Denn die Auftraggeber (Baumgart: »Wir sind Schwaben") verhandelten »sehr preisbewußt«, geben aber keine Auskunft, welchen Rabatt sie durchsetzen konnten. Auf dem freien Kunstmarkt erzielen Warhol-Bilder von der Größe der »Cars« (1 mal 1,52 und 1,27 mal 1,52 Meter) Stückpreise um 120000 bis 150000 Dollar.

Nur mit acht Motiven, den 300 SL eingerechnet, wurde der Künstler fertig, schoß mit drei auf eigene Faust behandelten Großformaten aber auch über das Vertragsziel hinaus. Eines davon wurde gleichfalls von Daimler-Benz angekauft. Eine Reihe vorbereitender Zeichnungen rundet die Tübinger Ausstellung ab.

Warhols Tod verhinderte einen Stuttgart-Besuch, bei dem der Künstler sich Aufnahmen neuerer, noch heute produzierter

Modelle abholen wollte. Zugleich gedachte er die Originale im Werksmuseum von Daimler-Benz zu inspizieren.

Doch viel bedeutet hätte ihm der Augenschein solcher Realität wohl kaum. Fast immer waren Warhols Werke ja Bilder nach Bildern, unabsehbar wiederholte und abgewandelte Klischees. Das sind auch die »Cars«.

So wie die Autos auf den ihm zugelieferten Photos in der Bildfläche standen so hat er sie von den Helfern in seiner Factory mittels Siebdruck auf Leinwände übertragen lassen. Dabei freilich wurden sie mit allerlei Kunst-Griffen verfremdet.

In die verschwimmende Reproduktion greifen manuell nachgezogene Linien ein. Fallweise wird das Bild von geometrischen Farbflächen überlagert, die nur noch Linien, keinerlei Photo-Raster durchscheinen lassen. Und immer neu widerspricht die Farbigkeit der Attitüde von Wirklichkeitstreue. Ein »Silberpfeil« zum Beispiel, der Formel-Rennwagen W 125 von 1937, kommt in einer Bild-Version schreiend blau vor glutrotem Hintergrund daher und wirft einen ebenso roten Schatten. Auf den Serienbildern werden die Autos, wie Briefmarken im Bogen oder Schmetterlinge in der Insektensammlung aufgereiht, erst recht der Alltagsrealität entrückt.

»Die Suche nach einer Transgression eben dessen, was materiell grenzenlos, wiederholbar, erdrückend auf uns eindringt«, stehe im Mittelpunkt von Warhols Werk, so interpretiert der Kritiker Werner Spies in einem Text für den Tübinger Ausstellungskatalog. Der Künstler selber hat gesagt: »Ich möchte die Dinge nicht berühren.« Als Massengüter hält er die Dinge auf Distanz, seien es Schreck- oder Wunschbilder. Warhols früheres OEuvre hatte Autos fast nur im Katastrophenmoment des »Car Crash« gezeigt. Indem er den Auftrag von Daimler-Benz annahm, akzeptierte der Künstler auch, sie unter die schönen Dinge einzureihen.

Isoliert im Bildraum schwebend, von verführerisch-organischer Form - so erinnert der Formel-Rennwagen W 196 den Betrachter Spies an schwellende Lippen, wie Dadaist Man Ray sie an den Himmel versetzt, Salvador Dali sie zum Sofa geformt und Warhol selber sie 168fach auf ein Bilddiptychon appliziert hat: »Marilyn Monroe''s Lips«.

Bis 13. März, anschließend im Guggenheim Museum, New York. Katalogim Verlag Gerd Hartje; ca. 120 Seiten; 29 (im Buchhandel 39) Mark.

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