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Columbus zum Zweiten

»1492 - Die Eroberung des Paradieses«. Spielfilm von Ridley Scott. Frankreich/Großbritannien/ Spanien 1992.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Natürlich ist der kleine Schritt vom Boot auf den Strand ein großer Schritt für die Menschheit: Die Kamera, die Ridley Scott ganz nah auf die Stiefel richtet, holt durch Zeitlupe alles an Pathos heraus, die Musik von Vangelis braust und jubiliert, Gerard Depardieu als Columbus wirft sich in verzückter Inbrunst auf die Knie - Amerika ist entdeckt, und dieser Film, merkwürdig, vergleicht den Augenblick mit der ersten Mondlandung, die doch ein ziemlich folgenloses Ereignis war.

Mag sein, Amerika wäre noch ein oder zwei Jahrzehnte unbekannt geblieben, wenn nicht der Querkopf Columbus königliche Sponsoren gefunden hätte für seine fixe Idee, der kürzeste Weg nach Indien sei hintenherum. Die erhofften Goldschätze des Fernen Ostens hat er nicht entdeckt, aber als Trostpreis die Bahamas. Sein Irrtum wurde zum Auftakt der ganzen Geschichte - deshalb wird diese Woche der 500. Jahrestag seiner Landung gefeiert, auch im Kino.

Daß das Datum auch den Bedarf nach einem Jubiläumsfilm schaffe, hat getrogen: Ein erster pompöser Columbus-Film ist vor zwei Monaten in den Kinos sehr still untergegangen.

Der zweite, entschieden eindrucksvollere, der nun unter der Chiffre »1492« rund um die Welt an den Start geht, begnügt sich nicht damit, die aus jedem Schulbuch bekannten Fakten möglichst prächtig abzuhaken, im Gegenteil, er eilt fast ungeduldig über sie weg. Für Autorin Roselyne Bosch und Regisseur Ridley Scott ist die Landung nicht triumphaler Höhepunkt, vielmehr der Beginn der Geschichte, die ihnen wichtig ist: die Eroberung des Paradieses, die Stiefelschritt um Stiefelschritt zu dessen Verwüstung führt.

Der Film erfindet sich, mit einiger Freiheit gegenüber historischen Fakten, seinen eigenen Columbus, einen Renaissance-Utopiker, der als Gouverneur auf der Insel Hispaniola eine wahrhaft neue Welt aus dem Boden stampfen will, die spanische Aristokraten und gute Wilde gemeinsam und gleichberechtigt aufbauen sollen.

Daß das schiefgeht, liegt auf der Hand, denn die Abenteurer, die sich Columbus anschlossen, verfolgten bekanntlich andere Geschäftszwecke, begehren also auf, und in dem Hauen und Stechen und Metzeln, das nun anhebt, wächst der schwärmerische Berserker Gerard Depardieu ins Überlebensgroße. Fast sieht es aus, als möchte er noch die letzten Taue kappen, die ihn an die historische Columbus-Figur fesseln, und abschwirren in die Sphäre der verrückten Kino-Konquistadoren von Aguirre bis Fitzcarraldo - aber der Film hält dann doch bis zum Ende fest an den Schulbuchfakten.

Ridley Scotts Art zu erzählen ist manchmal seltsam abrupt, aber nie flau oder auf Nummer Sicher. In seinen Bildern steckt Leidenschaft, Verlangen nach Spannung, eine Vision des Helden, die ihm auch im Scheitern noch Würde läßt - insgesamt ein respektables Jubelstück.

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