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Defa-Filme Comeback für Kaninchen

Auf der Berlinale werden zum erstenmal die »Regal-Filme« aus DDR-Archiven gezeigt, die nach der Produktion unter Verschluß kamen.
aus DER SPIEGEL 7/1990

Die Kaninchen kriechen aus ihren Löchern. Die Jäger sitzen hinter Gittern. Horst Sindermann, zuletzt Präsident der DDR-Volkskammer, jetzt Häftling, wetterte als 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle am 17. Dezember 1965 gegen die »,Kaninchen'-Filme der Defa«. Als Merkmale dieses neuen Kino-Genres erkannte er »eine dem Menschen feindliche Umwelt, in der nur noch Karrieristen, Zweifelnde, Triebhafte, Schnoddrige, Berechnende, Brutale das Leben bestimmen und in einer in Grau und Zerfall gehaltenen Umgebung sich gegenseitig seelisch zerfleischen«.

Das 11. Plenum des ZK der SED, auf dem »Sindermann, du blinder Mann« (O-Ton Wolf Biermann) also sprach, blies zu einer Aktion »Saubere Leinwand«. Erich Honecker hatte in dem von ihm vorgetragenen Bericht des Politbüros den Ton vorgegeben: »Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte.« Was gegen den Sittenkodex der Partei verstieß, geriet auf diesem 11. Plenum in Acht und Bann: Beat und Biermann, Stefan Heym und Heiner Müller, das Jugendradio »DT 64« und eben die Defa.

Als Beispiel für den Babelsberger Sittenverfall wurden auf der ZK-Tagung immer wieder zwei Filme genannt: »Das Kaninchen bin ich« und »Denk bloß nicht, ich heule«. Doch den Genossen war das nicht genug: Als Folge der Kritik verschwand ein rundes Dutzend Defa-Produktionen in den Archiven, manche in noch unfertigem Zustand. Jetzt erreichen sie doch noch die Leinwand, die Wende macht es möglich.

Nach dem Vorbild ihrer sowjetischen Kollegen, die gleich zu Beginn der Perestroika eine Kommission konstituiert hatten mit dem Auftrag, verbotene Filme aus verstaubten Regalen zu befreien, beschloß der Vorstand des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR schon am 24. Oktober 1989, die Regal-Filme zu sichten und zu prüfen, »welche von ihnen in die Kinos und auf den Bildschirm gelangen sollten«. Am Tag dieser Beschlußfassung wurde Egon Krenz Staatsratsvorsitzender.

Einen Monat später traf Krenz den Exilanten Manfred Krug im Ost-Berliner Kino »International«. Dort wurde ein Film rehabilitiert, der an gleicher * Oben: »Wenn du groß bist, lieber Adam«; unten: »Berlin um die Ecke«; beide von 1965. Stelle im Juli 1966 durch organisierte Störtrupps von der Leinwand vertrieben worden war: »Spur der Steine«. Krug hatte in Frank Beyers Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von DDR-Autor Erik Neutsch den Brigadier Balla gespielt. Dieser im Grunde idealtypische proletarische Held, Aufbau-Aktivist der ersten Stunde, zieht gleich zu Anfang einen Volkspolizisten ins Wasser, der ihm und seinen Zimmerleuten das Nacktbaden verbieten will - und das war der Stein des Anstoßes. Untragbar schien Dogmatikern in der SED-Führung auch die Figur eines ehebrecherischen Parteisekretärs auf der Großbaustelle. Dessen Forderung ("Man muß sagen, was man denkt, und tun, was man sagt") klingt nun nach 24 Jahren wie ein Merkspruch für die »Erneuerung«.

»Spur der Steine« war der erste Regal-Film, der in die DDR-Kinos kam. In dieser Woche läuft er auch auf der Berlinale, zusammen mit sieben weiteren Zelluloid-Leichen aus dem Keller der Defa. Die meisten wirken - zumindest für DDR-Zuschauer - noch überaus aktuell.

»Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen . . . Jetzt weht ein anderer Wind, und vielleicht bin ich der erste, der es begreift«, sagt in »Das Kaninchen bin ich« ein Richter zu seiner Geliebten. Darauf sie: »Du bist ein Schwein.« Kurz nach dem Mauerbau hat er ihren Bruder wegen »staatsgefährdender Hetze« zu drei Jahren Zuchthaus verknackt. Nach einem neuen Rechtspflegeerlaß will der juristische Hardliner sich wieder ins rechte Licht rücken, indem er selbst die vorzeitige Entlassung des von ihm Verurteilten beantragt. Ein Wendehals von 1963. Ihm seien die Tränen gekommen, als er seinen Film jetzt wiedergesehen habe, sagt der Regisseur, der inzwischen 79jährige Defa-Mitbegründer Kurt Maetzig. »Wie anders hätte sich alles entwickeln können, wenn wir damals Anfang der sechziger Jahre mit unserem Versuch, den Stalinismus anzugreifen, Erfolg gehabt hätten.«

Frank Vogels Film »Denk bloß nicht, ich heule«, auf dem 11. Plenum zweite Hauptzielscheibe der ZK-Attacken, kritisierte, was heute, als Ergebnis einer verfehlten Volksbildungspolitik, offen beim Namen genannt wird: die Erziehung der Jugend zur Heuchelei. Weil er sich dagegen wehrt, wird der Held von der Schule relegiert. In der Verständnislosigkeit seiner Umwelt äußerte sich auch ein Generationskonflikt, den die Altherrenriege der Parteiführung bis zuletzt nicht wahrhaben wollte. Damals gewiß ein weiterer Anlaß zum Verbot.

Als ZK-Mitglied mußte DDR-Dramatiker Helmut Sakowski dies vor Schriftstellern begründen: »Der Junge sitzt mit seinem Mädchen über lange Strecken des Films im Gelände von Buchenwald herum, vor den Mahnmalen, fast zerstört von einer Umwelt, die die beiden nicht begreifen will; und der naive Zuschauer muß denken, wenn er die jungen Leute vor den Mahnmalen sieht: Warum sind bloß in Buchenwald Zehntausende gestorben, zu Tode geschunden und ermordet worden? Wofür? Umsonst. Die Kalten haben die Macht.«

Die Machthaber versperrten auch einem anderen störrischen Schüler-Rebellen den Weg auf die Leinwand. Ulrich Plenzdorf hatte ihn im Drehbuch einer jungen Lehrerin an die Seite gestellt, deren Erziehungsideal des aufrechten Gangs mit der pädagogischen Praxis kollidiert. Defa-Jungstar Jutta Hoffmann spielte die Titelfigur »Karla« unter der Regie ihres damaligen Ehepartners Herrmann Zschoche.

Der Kampf gegen Lüge und Heuchelei war ein Hauptthema der Babelsberger Filmemacher. Egon Günther versuchte, Kritik im Gewand einer naiven Märchenkomödie durch die Zensur zu schmuggeln. In »Wenn du groß bist, lieber Adam« wird durch die Wunderlampe eines kleinen Jungen jeder entlarvt, der die Unwahrheit sagt: Er verliert dann buchstäblich den Boden unter den Füßen und schwebt durch die Luft. Daß da ein Betriebsdirektor bekennt, Lügen hätten ihm oft geholfen, Anordnungen von oben unwirksam zu machen, ging den staatlichen Beckmessern zu weit.

Erst jetzt konnte Egon Günther seinen Film aus Fragmenten neu zusammensetzen, mußte dabei den gelegentlich fehlenden Ton durch Einblendungen der entsprechenden Drehbuchstellen ersetzen. Der Regisseur arbeitete zum ersten Male wieder in Babelsberg, seit er sich 1978 nach weiteren Auseinandersetzungen mit der Kulturbürokratie in der Bundesrepublik ein neues Arbeitsfeld suchte.

»Wenn du groß bist, lieber Adam« war durch den tschechischen Film »Wenn der Kater kommt« von Vojtech Jasny angeregt worden. Der sich damals ankündigende Prager Filmfrühling blieb nicht ohne Einfluß auf die Defa. Günter Stahnkes Ende 1965 nach wenigen Aufführungen verbotener Film mit dem symbolträchtigen Titel »Der Frühling braucht Zeit« ähnelte deutlich dem tschechischen Film »Der Angeklagte« von Jan Kadar und Elmar Klos. Der erhielt zwar 1964 auf dem Festival von Karlovy Vary den Großen Preis, durfte aber in der DDR nicht gezeigt werden.

An das Prager Regiedebüt von Milos Forman, »Schwarzer Peter«, erinnert Jürgen Böttchers »Jahrgang 45«. Der erste und einzige Spielfilm des Regisseurs verrät schon die unverwechselbare Handschrift des inzwischen international bekannten Dokumentaristen. Im Mittelpunkt der schlichten Geschichte von Trennung und Wiedervereinigung eines jungen Paares stehen - in den schönen Schwarzweißbildern des Kameramannes Roland Gräf (der jetzt als Regisseur Christoph Heins »Tangospieler« verfilmt) - poesievolle Alltagsimpressionen vom Prenzlauer Berg. Doch die Zensoren sahen darin eine »Heroisierung des Abseitigen«. Die Hinterhöfe, Straßenschluchten und Wohnungen des Films seien Slums und die DDR-Jugend nicht so, wie sie hier, zum großen Teil von Laien, dargestellt wird. Wolf Biermanns Gitarre, die Eva-Maria Hagen bei einem Liebeslied begleitet, blieb unbemerkt - Böttcher läßt's im Film aus dem Radio tönen.

Am ungeliebten Prenzlauer-Berg-Realismus scheiterten auch Wolfgang Kohlhaase und Gerhard Klein, die 1965 mit »Berlin um die Ecke« an ihre »Berlin-Filme« aus den fünfziger Jahren anknüpfen wollten. Der Held, ein aufmüpfiger junger Arbeiter, das Thema abermals der Generationskonflikt: Für ein Verbot reichte das.

Die so unterschiedlichen Kino-Opfer des Stalinismus weckten bei ersten Vorführungen in der Ost-Berliner Akademie der Künste fast nostalgische Gefühle - man dachte angesichts dieser Zeugnisse einer unbewältigten Vergangenheit auch an die höchst unsichere Zukunft eines eigenständigen DDR-Films. Klaus Poche, der für »Jahrgang 45« damals sein erstes Drehbuch schrieb und nach wiederholten Behinderungen seiner Arbeit 1978 in den Westen ging, traf die Empfindungen vieler Besucher dieser späten Premieren, als er an die Babelsberger Kollegen appellierte, alles zu tun, um die Defa als Produktionsstätte zu erhalten: für Filme, die Ausdruck kultureller Identität der DDR waren und weiter sein müßten. f

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