Coronadiskurs mit Kulturschaffenden Beim Karl-May-Darsteller wird die Kanzlerin bockig

Per Videoschaltung debattierte Angela Merkel mit Menschen aus den Bereichen Film, Theater, Kunst oder Musik über Coronahilfen – mit erstaunlicher Empathie. Nur einmal bringt sie ein vergiftetes Kompliment.
Merkel vor Bildschirmwand: Die Kultur im Visier

Merkel vor Bildschirmwand: Die Kultur im Visier

Foto: Pool / Getty Images

Der junge Schauspieler aus Berlin ringt mit den Worten, die Stimme stockt, die Augen werden glasig. Erst hat er aufgrund der Coronapandemie seinen Job bei den Karl-May-Festspielen verloren, dann konnte er aufgrund der Schutzmaßnahmen nicht mehr im Einzelhandel arbeiten. Schließlich klagt er Richtung Kanzlerin: »Ich kann nicht – halten Sie sich fest! – von 720 Euro leben. Ich kann keine Banken ausrauben.« Inständig bittet er die Regierungschefin um Zukunftsperspektiven für sich und die seinen.

Es ist der große emotionale Ausbruch nach gut 60 Minuten eines sachbezogenen Dialogs, den Angela Merkel am Dienstag mit Kulturschaffenden anberaumt hat. Bei der Videokonferenz, die professionell wie eine Talkshow ins Bild gesetzt ist, tritt die Kanzlerin über insgesamt 90 Minuten ins Gespräch mit 14 Menschen aus den Bereichen Film, Theater, Kunst oder Musik. Merkel hört sich Anliegen an, sie nickt zustimmend, sie hakt nach, sie verspricht, die Dinge in Absprache mit dem Ministerium für Arbeit oder mit ihrer Kulturstaatsministerin in die Gänge zu bringen. Man kann ihr eine gewisse Empathie nicht absprechen.

Nur bei dem sichtlich angefassten Karl-May-Darsteller wird sie ein wenig bockig. Erst seufzt sie sehr lang und sehr tief, dann macht sie, als wäre sie die Moderatorin der Runde, darauf aufmerksam, dass sie weit hinter dem Zeitplan liege. Schließlich bringt sie das vergiftete Kompliment, dass ihre Gesprächspartner ja alle einer Branche angehörten, »wo das Wort ihr Mittel« sei. So, als ob es jetzt langsam auch mal genug sei mit all dem kultivierten Gerede.

Merkel mit Moderator: Eine gewisse Empathie ist ihr nicht abzusprechen

Merkel mit Moderator: Eine gewisse Empathie ist ihr nicht abzusprechen

Foto: Pool / Getty Images

Trotzdem muss man die Detailgenauigkeit loben, mit der hier über Strecken über sehr spezielle Probleme der Kunst- und Kulturschaffenden in Pandemiezeiten gesprochen wird. Etwa wenn eine Buchhändlerin die insgesamt sechs verschiedenen Geschäftskonzepte aufzählt, die sie korrespondierend mit den sich ewig verändernden Corona-Schutzmaßnahmen und den schwankenden Inzidenzwerten entwickelt hat.

Ein Chaos, dessen Folgen die Ladenbesitzerin so beschreibt: »Wenn die Leute sich auf gar nicht verlassen können, stellen sie alles infrage und das Virus lacht sich ins Fäustchen.« Merkel, die zuvor sehr kleinteilig einladende Möglichkeitsformeln wie »bis zu 150 ist Click & Meet möglich« runtergebetet hat, streckt da kurz einmal die argumentativen Waffen: »Auch die Notbremse wird nicht der letzten logischen Frage standhalten.«

»Werd noch mal gucken«

Ansonsten versucht die Kanzlerin, Mut zu machen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Mit einem Jazztrompeter redet sie über Hygienekonzepte von Musikklubs (»Wir werden ihnen für Herbst Veranstaltungen ermöglichen«). Mit einer Schauspielerin über die berufsspezifischen Probleme des Arbeitslosengeldes (»Werd noch mal gucken, ob man da was machen kann«).

Aufwühlend ist die Ansprache einer freien Musikerin aus Köln, die über langsame oder ausbleibende Hilfszahlungen berichtet. Sie selbst komme aufgrund eines in 20 Jahren aufgebauten Fankreises immerhin auf ein Drittel ihrer Einnahmen, anderen sei komplett die Existenzgrundlage entzogen. Die Musikerin macht den Vorschlag, das Konzept der Kurzarbeit auch auf freischaffende Kolleginnen und Kollegen zu übertragen. Die Kanzlerin hört zu und verspricht, die Idee mal mit ihrer Staatsministerin zu erörtern: »Monika Grütters hat ein Herz für Künstler.«

Hat sie das? Eine Milliarde Euro durfte Grütters bei einem ersten Hilfspaket auf Bundesebene für die Kultur ausgeben. Zuletzt verhandelte sie sogar um weitere 1,5 Milliarden Euro, herauskam jetzt wieder eine Milliarde. Doch funktioniert ihr Verteilersystem ?

Die Wahrheit ist: Die Initiative »Neustart Kultur« lief zäh an. Viele Anträge konnten erst nach Monaten gestellt werden. Die »mittelausgebenden Stellen« dagegen durften Portale vor Fristende schließen, wenn sie von der Flut der Anträge überwältigt wurden. Wer von der Unterstützung profitieren wollte, musste schnell sein. Von der beschworenen ersten Milliarde sind Grütters zufolge deshalb erst rund 500 Millionen Euro bewilligt worden – wirklich ausgezahlt wurde aber auch davon bislang wohl nur ein Teil.

Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Das könnte auch noch in Zeiten nach Corona, wo die Folgeerscheinungen der Pandemie behandelt werden müssen, zum Problem werden. Eine Schauspielerin, die bei einem Staatstheater angestellt ist, verweist bei dem Treffen mit der Kanzlerin darauf, dass schon jetzt immer weniger Freischaffende am Theater engagiert werden können und so auch immer weniger frische Impulse an die Bühnen getragen werden.

Merkel agiert hier, nach bereits über 80 Minuten geballter Spezialinformation, auf einmal erstaunlich wach und nicht nur im Gestus zugewandt. Sie sagt: »Ja, die Gesellschaft braucht Diskursräume, Austausch muss wieder eingeübt werden, man braucht mehr davon als weniger. Das wird noch Investition in den nächsten Jahren bedeuten.« Ein starkes, ein belastbares Statement.

Oder doch nicht? Denn dann schiebt die Kanzlerin, die nur noch bis zum Herbst im Amt ist, nach: »Ich verstehe Ihr Anliegen und nehme es mit in die künftigen Haushaltsberatungen. Auch, wenn ich nicht mehr dabei bin.«

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