Margarete Stokowski

Coronakrise Ein Virus, das Lunge und Ego angreift

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Muss man "der Wissenschaft" alles glauben? Natürlich nicht. "Die Wissenschaft" gibt es nämlich gar nicht. Das ist aber noch lange kein Grund, wirre Verschwörungsmythen zu bejubeln.
Demo gegen Corona-Regeln im bayerischen Kempten

Demo gegen Corona-Regeln im bayerischen Kempten

Foto:

nph/ Hafner/ Nordphoto/ imago images

Wir beginnen heute mit einem kleinen Exkurs in die Philosophie, aber falls Sie nur dafür hier sind, zu lesen, wie ich Männer beschimpfe, dann scrollen Sie einfach ein bisschen runter, denn es ist an alles gedacht. Unter den Menschen, die sich nun öffentlich gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wehren - sei es auf Demos, im Internet oder in Feuilletontexten -, sind auffällig viele, die darauf verweisen, dass man über das neue Virus ja noch gar nicht so viel wisse, dass WissenschaftlerInnen zum Teil ihre Meinung ändern oder einander widersprechen (was aber normal ist). 

Nun ist es leider so, dass sie diesen teils bestehenden, teils angenommenen Wissenslücken und Forschungsversuchen der Wissenschaften nichts besonders Wertiges entgegensetzen. Man könnte auf die Feststellung, dass es noch viel zu tun gibt, bis das Virus effektiv bekämpft werden kann, mit Demut und Geduld reagieren, auch mit Verzweiflung, mit Fragen, wie man wohl das Beste aus der Situation machen könnte, mit lauter vielleicht nicht produktiven, aber doch irgendwie nachvollziehbaren Reaktionen.

Stattdessen setzen die Corona-Skeptiker der Wissenssuche ein vermeintliches eigenes Wissen entgegen, das oft aus Verschwörungstheorien besteht  und meist aus der Sicherheit, dass schon alles gut werde, wenn man einfach die Schutzmaßnahmen sofort beende. Man kann aber mangelndes Wissen schlecht kritisieren, indem man ihm etwas noch Schwächeres entgegensetzt.

Wissen braucht gute Gründe, Ungeduld ist keiner

In der Erkenntnistheorie, also dem Bereich der Philosophie, der sich mit Wissen beschäftigt, ist es weitverbreitet, Wissen als gerechtfertigte, wahre Überzeugung zu definieren. Dabei sind alle drei Komponenten erklärungsbedürftig: Was bedeutet es, dass etwas gerechtfertigt ist, also: Was sind gute Gründe für eine Meinung? Was ist Wahrheit? Und: Was ist eine Überzeugung, wie unterscheidet sie sich etwa von einer Vermutung und wer kann sie haben, z. B. auch Säuglinge, Tiere, Roboter? Aber egal, wie man Wissen am Ende genau definiert, immer wird dabei auch nötig sein, dass man gute Gründe angibt für das, was man für wahr hält, und weder Bockigkeit noch Ungeduld sind dabei tragfähige Bausteine.

Und auch nicht Kränkung, und das scheint ein Kernproblem zu sein. Jedes Mal in der Menschheitsgeschichte, wenn ein neues, kollektives Wissen über die eigene Unbedeutsamkeit, Schwäche oder Verletzlichkeit der Menschen auftauchte, gab es Widerstände dagegen. Sigmund Freud hat von drei großen Kränkungen der Menschheit gesprochen: der kosmologischen (die Erkenntnis, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Alls ist), der biologischen (das Wissen, dass der Mensch vom Tier abstammt) und der - sein Ego war auch nicht klein - psychologischen (die Psychoanalyse, die das Unbewusste als ziemlich starke Macht erkannte). Es gab seitdem allerhand Thesen darüber, welche Kränkungen außerdem verheerend gewesen seien, die Corona-Pandemie dürfte sich inzwischen als ziemlich würdige Kandidatin erwiesen haben.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Das Virus kränkt alle, die sich bisher für besonders unverwundbar und unabhängig hielten, und diese Kränkung läuft selten asymptomatisch ab. Diese trotzigen Typen (ich sehe wenige Frauen darunter), die sich jetzt selbst zu neuen Widerstandskämpfern stilisieren, sind bereit, einiges dafür zu geben, ihre sogenannte Freiheit zu verteidigen, Zitat Attila Hildmann : "Gehe ich im Kampf für unsere Freiheit drauf, dann nur mit Waffe in der Hand und erhobenen Hauptes.” Sie sprechen von einer Diktatur und wissen nicht, dass sie in einer Diktatur längst nicht mehr auf Instagram posten könnten, weil sie für ihre bisherigen Aussagen bereits entweder im Gefängnis oder mit beginnender Verwesung beschäftigt wären.

Ein lustiger Widerspruch an der Anti-Schutzmaßnahmen-Bewegung ist, dass sie sich stets gegen autoritäre Maßnahmen wenden will, dabei aber bereit ist, jeden noch so unbedeutenden Dödel, solang er nur ein paar Follower hat, als ihren neuen, nicht weniger autoritär gesinnten Messias anzuerkennen, sei es ein Tanzlehrer, ein veganer Koch, ein gekündigter Radiomoderator, ein Popsänger. Wenn es am Ende ein Lama ist, das uns aus der Krise führt, ach, sehr ärgerlich.

Dabei geht es gar nicht darum, einfach nur "auf die Wissenschaft zu hören". Es geht darum, so vernünftig und solidarisch zu handeln wie möglich. Man kann gar nicht auf "die Wissenschaft" hören, hat Nils Markwardt in einem Essay  für die "Republik" geschrieben, unter anderem, "weil es die Wissenschaft nicht gibt". Aber vermeintliche Wissenschaftskritik, verpackt in rätselhaftes Raunen, steht gerade hoch im Kurs. 

Vollständig durchseuchte Egos

Der Philosoph Giorgio Agamben schrieb in der "NZZ"  davon, dass "die Wissenschaft" (unklar welche) "längst zur wahren Religion unserer Zeit geworden ist". Das ist allerdings angesichts der Verbreitung von Fake News, Verschwörungstheorien und Hass gegen angebliche Eliten eine gewagte These. In einem anderen Text schrieb Agamben , der Kampf gegen das Virus sei "in Wahrheit ein Bürgerkrieg", und es sei "sehr wahrscheinlich", dass auch nach der Pandemie "die Experimente fortgesetzt [werden], die die Regierungen vorher nicht durchzuführen vermochten" – das kommt alles sehr intellektuell daher, ist aber genauso guter Nährboden für Verschwörungsfantasien wie so vieles, was billiger klingt.

Den mehr oder weniger prominenten Männern, die jetzt öffentlich durchdrehen, weil sie sich regelmäßig die Hände waschen sollen, beim Einkaufen eine Maske tragen müssen und all die anderen kleinen Dinge, ist wahrscheinlich mit Argumenten nicht beizukommen. Deren Egos sind vermutlich vollständig durchseucht, lange bevor irgendeine Gesellschaft es ist, und man kann eigentlich nur hoffen, dass sie es beim In-Netzwerken-Posten und Zetern belassen.

Allen anderen, die in der Sehnsucht nach Sicherheit und der Suche nach Schuldigen in Gefahr sind, sich solchen Promi-Orakeln anzuschließen, kann aber vielleicht ein Verweis auf das ziemlich große Potenzial von Nichtwissen helfen. Wissenslücken zu haben und sie zu erkennen, bedeutet nicht, dass man sich schlechter, sondern besser in der Welt zurechtfindet.

Wenn man die Infektions- und Reproduktionszahlen des Robert Koch-Instituts hört und gleichzeitig weiß, was an den jeweiligen Zahlen unsicher ist oder erklärungsbedürftig, weiß man mehr als jemand, der nur die Zahlen kennt. Man ist dann sowohl vor unangemessener Lässigkeit als auch vor unangemessener Panik besser geschützt.

Peter Bieri schreibt in seinem Text "Wie wäre es, gebildet zu sein?" : "Gebildet zu sein, heißt auch, sich bei der Frage auszukennen, worin Wissen und Verstehen bestehen und was deren Grenzen sind." Dieses "Wissen zweiter Ordnung", also Wissen darüber, was als Wissen infrage kommt, "bewahrt uns davor, das Opfer von Aberglauben zu werden". Das ist keine Bildungsfrage im Sinne von Schul- oder Hochschulabschlüssen, sondern eine Frage der Bereitschaft, die eigene Begrenztheit anzuerkennen. Man kann natürlich auch Meinungen haben, wenn man kein Wissen hat, aber man sollte sie dann selbst als Meinung erkennen können.

Nicht zuletzt hat einer der berühmtesten Philosophen der Welt, Sokrates, seinen kompletten Ruhm damit erlangt, dass er gesagt haben soll: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Fame durch Demut: Es ist möglich.