Sibylle Berg

Corona-Elend Ab heute wird zurückgewutbürgert

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Keine Strategien außer dem Appell an die Eigenverantwortung: Die Politik hat uns in der Coronakrise viel zu lange hingehalten – zugunsten der Konzerne.
Corona-Strategie: Schlafen und abwarten

Corona-Strategie: Schlafen und abwarten

Foto: Roos Koole / Getty Images

Achtung, heute wird gewutbürgert, ich will auch mal. Um Ihnen den langen Text zu ersparen, habe ich schon einmal kurz zusammengefasst:

Die Langversion sagt auch nicht mehr, aber länger. Hallo, guten Tag Regierende, die meisten Menschen haben verstanden.

Nach zehn Millionen Statistiken, Fallzahlen, R-Werten im Sekundentakt in allen Medien, nach Ansprachen, Appellen, nach Lockdowns und zu und wieder auf, aber nur ein bisschen, nur gerade so viel, dass die Regierungen nicht zahlen müssen, was die Leute vorher eingezahlt haben. Nach dem inflationären Gebrauch des Wortes Solidarität, so oft, bis es vollkommen ausgehöhlt war. Die meisten haben verstanden oder so getan, als sei es normal, sich nur mit sechs Leuten aus 16 Haushalten zu treffen oder eben nicht. Sie haben verstanden, dass die Situation für die meisten Regierungen krass sind. Politik, klar, die einen wollen das, die anderen jenes, da müssen Kompromisse gemacht werden. Also Skigebiete auf, Kinos zu oder andersrum, egal. Die Menschen haben die Sage von den zu erhaltenden Arbeitsplätzen bei Dax-Konzernen so oft gehört wie das Wort Solidarität. Wird schon was dran sein. Hallo TUI, hallo Kreuzfahrtschiffe, Massentourismus.

Sparen, privatisieren, schließen

Die Wirtschaft wird sich erholen. Die Alten sterben. Immer noch oder auch die Jüngeren oder sechs Leute aus 27 Haushalten. Alle tot. Wir mussten sparen, privatisieren oder Spitäler zumachen.

Wir haben verstanden, dass viele PolitikerInnen überfordert waren, in einem Dauerausnahmezustand, von dem sie sich im Sommer erholen mussten wie wir alle. Ein kleines Päuschen, nach dem auch das Virus erstaunlicherweise wieder gut erholt war und neuen Anlauf nahm. Auf den man mit neuen Regeln, die verwirrender waren als der Bauplan für einen Server, der in ein Wasserbecken gefallen ist, begegnete. Und keinen Strategien, außer – neues Wort – der Eigenverantwortung. So, fertig, genug regiert für heute. Die Leute machen schon. Das ist Privatisierung in Höchstform. Nur ohne Geld.

Und nun haben viele erstaunlicherweise eine schlechte Laune. Sie hatten irgendwann PolitikerInnen gewählt, damit diese einen Beruf ausüben, den die Mehrheit nicht ausüben kann – weil zu viele. PolitikerInnen sind Stellvertreter, von der Masse gewählt und bezahlt, nun ja – und vielleicht auch noch ein wenig von den Jobs in diversen Vorständen. Und nun vertrauen wir den Stellvertretern nicht mehr wirklich, weil sie Tote in Kauf nehmen und das Untergehen vieler Berufe und Existenzen.

Die betroffenen klein- und mittelständischen Unternehmen, die Freiberufler und Alleinerziehenden – ich bin zu müde, um sie alle aufzuzählen – wurden wie in meinem Umfeld, der Kultur, mit einem Berufsverbot belegt. Oder mit einer noch infameren Lösung, den eingeschränkten Sitz- oder Publikumszahlen, die eine Katastrophe sind, weil man nicht einmal mehr die Fixkosten decken kann. Und wir sind solidarisch und eigenverantwortlich , wir wissen um den Ernst der Lage und halten uns an Regeln, die für Nichtmilliardäre eben gelten.

Viele sind am Ende

Aber –  bald kommen die Rechnungen, mit der sich Nichtmilliardäre und NichtkonzernbesitzerInnen am Erhalt der Infrastruktur und den Gehältern der Stellvertreter beteiligen. Und danach werden noch mehr verzweifelt sein. Natürlich kann man sich auch einen neuen Beruf suchen, was im Zuge der kommenden Massenarbeitslosigkeit und Bankrotte zum einen sehr schwierig wird. Zum anderen haben die meisten aus der Branche, in der ich mich auskenne, jahrelange Ausbildungen und Berufserfahrungen. Wie fast alle Berufstätigen. Wie alle, die nicht geerbt haben. Viele sind am Ende. Und haben Angst.

Es hilft nichts, sich mit jenen zu vergleichen, denen es noch schlechter geht. Die es gibt. Es gibt die Alleinerziehenden, die nicht arbeiten können, weil sie ihren Laden schließen müssen, es gibt die Einsamen, und jene, die verrückt werden vor Sorge, es gibt jene mit den Toten und den Langzeitgeschädigten, für die keine Regierung etwas kann oder vielleicht ja doch. Die reichen Staaten der Welt haben an der Gesundheit der Massen gespart, nun wird an jenen gespart, die keine Lobby haben, und jetzt? Warten wir also weiter. Auf den Segen der Impfung, auf ein neues System, auf besseres Wetter, auf ein Wunder oder Ansagen wie – hey, Leute, wir haben versagt, sorry, wir lassen uns sofort etwas einfallen. Oder ...

Wir legen uns gemeinsam schlafen und warten. Auf eine Idee. Auf Mut. Und Zuversicht.