Margarete Stokowski

Corona-Erschöpfung Für die Traurigen und die Müden

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Viele Menschen haben nach wie vor große Angst vor Covid-19 - doch die derzeitige öffentliche Debatte bildet diese Ängste kaum ab. Offenbar ist es leichter, sich über feiernde und in Urlaub fliegende Leute aufzuregen.
Frau am Fenster (Symbolbild): Mehr Aufmerksamkeit für die Stillen

Frau am Fenster (Symbolbild): Mehr Aufmerksamkeit für die Stillen

Foto: Justin Paget / Getty Images

Vor ein paar Tagen war Earth Overshoot Day, auch Welterschöpfungstag oder Erdüberlastungstag genannt: der Tag im Jahr, an dem die Menschen die natürlichen Ressourcen aufgebraucht haben, die ihnen eigentlich fürs ganze Jahr reichen sollten. Schade, aber sicher auch gut, dass man so einen Tag nicht für die Energieressourcen einzelner Menschen berechnen kann, denn wahrscheinlich hatten viele Menschen ihren Overshoot Day dieses Jahr bereits irgendwann im April oder Mai.

Covid-19 macht müde, viele der Erkrankten sind noch Monate später zu erschöpft, um in einen normalen Alltag zurückzukehren . Aber die Pandemie an sich macht auch viele von denen müde, die sich nicht mit dem Coronavirus infizieren. Und irgendwie scheint es ein kleines Missverhältnis zu geben zwischen den Emotionen oder Zuständen, die öffentlich verhandelt werden und denen, die weniger besprochen werden. Was viel stattfindet: alles über die, die wütend, ignorant oder egoistisch sind. Was weniger stattfindet: die Müdigkeit, die Ängstlichkeit, die Traurigkeit .

Das ist einerseits nachvollziehbar. Die Wütenden sind laut, die Traurigen sind leise. Die einen veranstalten Demos, die anderen eher nicht. Aber kann es ein, dass wir zu viel über Wut reden?

Angst ist kein Knallerthema

Im Juni wurden noch relativ optimistische Ergebnisse aus der Studie "Sozio-ökonomische Faktoren und Folgen der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland" veröffentlicht: "Einsam, aber resilient - Die Menschen haben den Lockdown besser verkraftet als vermutet ", hieß es in den Ergebnissen. Die Coronakrise habe sich "nicht so negativ auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der in Deutschland lebenden Menschen ausgewirkt hat wie bisher angenommen" - allerdings ging es in der Veröffentlichung auch nur um den Monat April, und seitdem ist einige Zeit vergangen.

In anderen Ergebnissen aus derselben Studie zeigte sich, dass viele Menschen in Deutschland ihr Risiko, lebensbedrohlich an Covid-19 zu erkranken, weit überschätzen. Im Schnitt schätzten die Befragten, die eine Zahl zwischen 0 und 100 nennen sollten, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 26 Prozent lebensbedrohlich an Covid-19 erkranken werden . Das heißt entweder, dass ziemlich viele Leute ziemlich viel Angst vor dem Coronavirus haben, oder dass sie einfach nicht besonders sicher im Umgang mit Wahrscheinlichkeitsangaben sind.

Wenn es aber so ist, dass ziemlich viele Leute ziemlich viel Angst haben, dann bildet die derzeitige öffentliche Debatte diese Ängste nicht besonders gut ab. Ist es vielleicht leichter, über Egoismus zu reden, sich über feiernde und in Urlaub fliegende Leute aufzuregen, über fehlende oder falsch getragene Masken zu diskutieren, als über Verletzlichkeit und Erschöpfung, über aufgebrauchte Energien und immer noch bestehende Ängste?

Es ist natürlich nicht so viel Spektakel in diesen letztgenannten Themen, und wenn ich mir vorstelle, ich wäre ein Medium, das Klicks generieren will, würde ich auch eher ein Video in Richtung "So wild wird trotz Pandemie in irgendeinem hässlichen Park wieder gefeiert" veröffentlichen als eins in Richtung "Diese Frau traut sich wegen Corona noch nicht, wieder Bus zu fahren oder ihre Freunde zu umarmen, außerdem hat sie Angst ihren Job zu verlieren". Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre eine Gesellschaft, die sich um alle kümmern will, würde ich mir eher diese Frau mal angucken, genauer gesagt: wie viele von der Sorte es eigentlich gibt.

Ich weiß nicht, ob ich mit überdurchschnittlich vielen eher vorsichtigen, pessimistischen Menschen befreundet bin, aber ich hatte in letzter Zeit ziemlich viele Gespräche mit Leuten, die angesichts der Pandemie-Lässigkeit und der Urlaubsfotos der anderen - und nicht wegen Neid auf deren Geld - eine gewisse müde Traurigkeit oder Skepsis oder auch Verbitterung darüber spüren, dass Solidarität und kollektives Lernen offensichtlich irgendwie doch schwierig sind. Was nicht heißen soll, dass alle, die in Urlaub gefahren sind, unsolidarisch sind. Sondern: dass es Leute gibt, die eine Art von Alltag wieder hinkriegen (vielleicht mit wahnsinnigen Mühen, man sieht das nicht auf den Urlaubsfotos) und andere, die es nicht hinkriegen, und mir scheint, dass Letztere zurzeit keine große Rolle spielen.

Kritik kann nur die Hälfte dessen sein, was zu tun ist

Der Transparenz halber sollte ich vielleicht sagen, dass mir diese skeptischen Leute emotional deutlich näher sind, oder sagen wir mal so: Neulich hatte jemand auf Twitter Screenshots von einer Facebook-Veranstaltung gepostet, die "Corona-Afterparty", Ende Oktober in Berlin, über 8.000 Zusagen und 50.000 Interessierte, der Kommentar der Twitter-Userin war: "Was soll schon schiefgehen?"  und ich dachte: Wow, was für Freaks wollen da hin, und suchte die Veranstaltung auf Facebook und sah, dass 23 meiner Facebook-Friends, und zwar teilweise wirklich enge Freundinnen, zu diesen Freaks gehörten. "Corona 2020, wir haben überlebt", steht in der Ankündigung der Party, und ja, das nennt man vermutlich Optimismus.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Und wie ich das so hinschreibe, denke ich an meine sehr geschätzten Leser, die manchmal unter meine Texte kommentieren, ich soll nicht immer nur meckern, sondern auch mal Lösungen nennen, und die haben natürlich immer alle recht, aber in diesem Fall würde ich mal nicht wirklich meckern wollen, sondern eher fragen, ob wir uns im Moment nicht ein bisschen auf das Falsche konzentrieren.

Am Wochenende werden in Berlin wieder Nazis gegen Schutzmaßnahmen demonstrieren und Verschwörungstheorien verbreiten. (Natürlich nicht nur Nazis, sondern auch Leute, die kein Problem damit haben, neben Nazis zu demonstrieren.) Wenn es so läuft wie beim letzten Mal, werden sie sehr viel Aufmerksamkeit in den Medien und sozialen Medien bekommen, also genau wie sie sich das wünschen. Nur: Im Grunde ist inzwischen ganz gut bekannt, wofür die Pandemieleugner und "Querdenker" stehen. Es ist gut und richtig und wichtig, sie zu kritisieren, aber - und hier kommt der einzige Lösungsvorschlag, den ich anzubieten habe - für den Umgang mit der Corona-Pandemie gilt ähnlich wie für Bewegungen, die soziale Ungerechtigkeiten abschaffen wollen: Die Kritik der Rücksichtslosen und Ignoranten kann nur maximal die Hälfte dessen sein, was zu tun ist. Der Rest ist Kümmern und Bestärken und Aufpassen, dass niemand vergessen wird - auch die Leisen nicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.