Jörg Bong

Debatte über Corona-Exit Impft euch gegen das Virus der Barbarei!

Jörg Bong
Ein Gastbeitrag von Jörg Bong
In der Diskussion über den Schutz der Alten und Kranken, über den Corona-Exit zugunsten der Wirtschaft, geht es um buchstäblich alles. Zuletzt um die Frage, ob wir human und liberal bleiben wollen - oder unsere Menschlichkeit verlieren.
Foto: HENDRIK SCHMIDT/ AFP

Abrupt, von heute auf morgen, es geschah weitgehend ohne Diskussion, veränderten sich mit der Pandemisierung des Coronavirus grundlegende gesellschaftliche, soziale und politische Parameter, Aspekte und Wertungen. Plötzlich regiert der "Ausnahmezustand" - in den Diskursen wie in der gesellschaftlichen Praxis gleichermaßen, auf eine schwindelerregende Weise wie noch nie in der Geschichte unserer bundesrepublikanischen Demokratie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Von höchster Brisanz ist die faktische Verschiebung der gesellschaftlichen Zentralperspektive, des - sozusagen - gesellschaftsphilosophischen Primats: Der (ethische) Fokus wechselte vom "Einzelnen" und den Einzelnen zum Kollektiv, zur Allgemeinheit, zum großen Ganzen, in Form von statistischer Realität und Funktionsgraphen zudem. Von hier aus wurde und wird im Ausnahmezustand gedacht, in der bewussten Abstraktion von Einzelnen. Für gewöhnlich stellt dies - der feste Fokus auf den Einzelnen - ein Fundament liberaler, freiheitlicher, humaner, demokratischer Gesellschaften dar, einen höchst sensiblen Indikator für gesellschaftliche Verhältnisse. Er ist, hat sich historisch gezeigt, ein verlässliches Gegengift gegen alle autoritären und totalitären Doktrinen, die das "Allgemeine", das Kollektiv - das "Volk", die "Volksgemeinschaft" etc. - als vorrangigen Gesichtspunkt installieren und den Einzelnen nichten, das widerliche Verfahren ist bekannt.

Eine solche ungeheure Fokusverschiebung ist in höchstem Maße prekär, aber schaut man sich die Situation gerade genauer an, sieht man: Sie findet, so paradox es klingt, im Interesse, im Notstandsinteresse des Einzelnen statt. Noch genauer, und das ist das Entscheidende: Der gesellschaftliche Lockdown findet im existenziellen Interesse besonderer Einzelner, nämlich der Schwächsten statt, der Alten, Kranken, Vorerkrankten, von denen im Falle einer Infektion eine erhebliche Anzahl sterben würde, solange die Welt weder über eine medizinische Therapie noch über einen Impfstoff verfügt. Alle Einzelnen, auch die nicht ernstlich Bedrohten, verzichten - der Staat formuliert, reguliert und setzt dieses Interesse bloß um - auf ein Teil ihrer Freiheiten, Möglichkeiten und ihres Glücks, um bestimmte Einzelne, eine bedrohte Minderheit, zu schützen.

So prekär es war und ist - und grundsätzlich in einer Demokratie nur als ein absoluter Ausnahmemoment denkbar -, es ist radikal ethisch. In einem solchen Moment vermag eine Gesellschaft zu einer humanen Höchstform aufzulaufen, sie verwirklicht, pathetisch gesagt, idealste Ideale wie einen reinen kategorischen Imperativ. Solidarität in nuce - in einem Maße, das uns selbst überrascht. Zu Recht gibt es in unserem Land eine erstaunlich weitgehende gesellschaftliche Unterstützung dieser Entscheidungen. Eine Mehrheit einer Gesellschaft, dies ist die zentrale Erfahrung der Stunde, schützt bewusst eine lebensbedrohte Minderheit.

Das widerliche Gegenteil des idealen Allgemeinen

Im nächsten Moment läuft diese Operation beeindruckender Humanität jedoch Gefahr, in - das einzig angemessene Wort - pure Barbarei umzuschlagen. Ist die Fokusverschiebung erst einmal akzeptiert - und wird mit Begriffen und Vorstellungen des "Krieges" forciert -, lässt sie sich augenblicklich pervertieren. Und genau das geschieht in vielen der beginnenden "Diskussionen" um den sogenannten Exit, das zeitliche Ende des staatlich verordneten Lockdowns. Die Mehrheit erwägt und fordert nun "im allgemeinen Interesse" - in ihrem Interesse -, eine Minderheit zu "opfern". Mit einem Male werden die Kosten des gesamtgesellschaftlichen Schutzes der gegenüber dem Virus Schwächsten pseudorational erwogen, "realistisch" extrapoliert und augenblicklich die "doch bloß vernünftige" Frage gestellt, ob das für die gesamte Gesellschaft in einer akzeptablen Relation stehe, wobei das bloß noch die gesunde und voraussichtlich nicht lebensgefährdete Mehrheit ist - das schiere, widerliche Gegenteil des idealen Allgemeinen.

Dan Patrick, der republikanische Vizegouverneur des Bundesstaates Texas, formulierte es als einer der Ersten: Er forderte "die Generation der Älteren" - die Alten, Kranken, Geschwächten - ausdrücklich auf, "sich für die Jüngeren zu opfern". Die äußerste ethische Barbarei. "Ich will nicht, dass sich das ganze Land aufopfert." Die Gesellschaft, die Mehrheit, müsse stattdessen die besonders Gefährdeten opfern, damit sie ihr Leben möglichst ungehindert weiterführen könne. Und Leben meint: die Geschäfte. Der Präsident selbst erläuterte es umgehend: "Unser Land ist nicht dafür gemacht, geschlossen zu bleiben", deswegen: "Amerika wird bald wieder offen sein für Geschäfte." Er und seine Regierung werden nicht zulassen, dass sich die Coronakrise "zu einem bleibenden finanziellen Problem entwickelt", so soll das Programm der Opferung schleunigst angegangen werden. Zynischer geht es nicht.

"Medivac"-Airbus der Bundeswehr vor dem Abflug nach Bergamo, Italien, 28. März 2020

"Medivac"-Airbus der Bundeswehr vor dem Abflug nach Bergamo, Italien, 28. März 2020

Foto: Bundeswehr/Kevin Schrief/ via REUTERS

"Deutschland muss sich der Diskussion stellen", hallte es prompt auch hierzulande. Ein beliebiges Zitat aus der anschwellenden Flut dieser Stimmen: "Der Volksmund weiß oft, wo es langgeht. Ein Spruch aus kollektiver Kehle lautet: Einen Tod müssen wir sterben. Das heißt so viel wie: Was immer wir tun, ob wir uns für Variante A oder B entscheiden, jemand wird der Verlierer sein." (zu hören von einem Kommentator auf n-tv) Und wer? Die Empfehlung ist klar. Fatal ist auch das sich beinahe allenthalben verbreitende Bild, die imaginäre Installation des "Krieges" in den Köpfen, den Herzen und der Sprache der Menschen. Damit ist eine absolute Irregularität markiert, die, es ist immer dieselbe Logik, eben alles rechtfertigt, vor allem eben Opfer. Wir befinden uns in keinem Krieg, das Bild macht die fürchterliche Katastrophe, der wir real zu begegnen haben, unspezifisch beziehungsweise verzerrt sie, was die angemessene Reaktion erschwert.

Unsere eigentliche Aufgabe

In der Diskussion um den "Exit" geht es um buchstäblich alles. Zuletzt um die Frage, ob wir unsere Gesellschaften human und liberal halten wollen - die notwendige Prämisse auch jeder "freien Wirtschaft" - oder uns der Barbarei anheimstellen, und zwar nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret. Wie in der Fokusverschiebung von den Einzelnen zum Allgemeinen - dann in der Perversion: Mehrheit versus Minderheit - prinzipiell ein antihumaner, totalitärer Kern steckt, so auch in der nun von den eifrigen Exit-Befürwortern ins Felde geführten binären Denkweise, die eine bestialische Alternative konstruiert.

Die an uns gestellte Aufgabe ist eine ganz andere als die martialische (wie zugleich völlig infantile) Wahl "des einen Todes, der zu sterben ist" - der Opferung Zehntausender, Hunderttausender Alter und Kranker aus unserer Mitte.

Die Aufgabe für die nächste Phase, die Phase nach dem restriktiven Lockdown, der noch einige Wochen anhalten muss, besteht darin, die bedrohte Minderheit der Alten und Kranken unter Aufwendung aller nötigen Mittel zu schützen - durch eine soziale wie psychologische, bestmöglich zu organisierende Protektion -, also in maximaler Solidarität und einer geordneten, maximalen Reaktivierung der Gesellschaft, Wirtschaft etc. So ist das, so immens ist die Anforderung an uns alle. So anstrengend sind Gesellschaft und Realität, wenn sie human sein sollen.

Die außerordentliche menschliche Intelligenz ist zu mehr in der Lage als zu der Alternative von Opfer und Öffnung. Wir müssen die Perspektive augenblicklich wieder auf die Einzelnen richten. Die Hunderten, Tausenden, Zehntausenden, die gerade, in diesen und kommenden Stunden und Tagen, tatsächlich qualvoll und jämmerlich sterben, in Deutschland, viel mehr noch (im Augenblick) in Italien oder Spanien, in New York, überall. Und, ja, jeden einzelnen von ihnen zu retten versuchen.

Europa hat seine Kapazität an intensivmedizinischen Plätzen, an Beatmungsgeräten, als Ganzes zu managen, als eine einzige große virtuelle europäische Klinik mit x Betten, klug, dynamisch, unter dem Einsatz aller zur Verfügung stehenden Infrastrukturen und Logistiken, einschließlich aller militärischen Medizin- und Sanitätsressourcen. Für die gemeinsame wirtschaftliche Stabilität gilt dasselbe: Im ureigenen deutschen Interesse, eben auch dem immanent ökonomischen, müssen wir die Europäische Union schnellstmöglich mit allen zur Verfügung stehenden Kräften der einzelnen Wirtschaften absichern, sprich: rasch die von Italien, Frankreich und Spanien geforderten Corona-Bonds etablieren.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Natürlich müssen wir nicht bloß das Geschehene und täglich Geschehende scharf reflektieren - um intellektuell auf Augenhöhe zu sein -, sondern klugerweise auch das Kommende. Die Strategien für einen Exit, ganz unbedingt! Und Entscheidendes, Allesentscheidendes lässt sich dazu längst festhalten: Die zentrale Erfahrung und Leistung der außerordentlichen Solidarität, der praktizierten Ethik, die uns gerade gelingt, ist es, die die Direktive für alles Kommende sein muss. Das mächtigste Movens, der Kern von allem. Auch moralisch, wie psychisch, bietet allein sie einen Ausweg, wenn die Wirklichkeit allenthalben Gründe bereithält, der Angst, Panik und dem Defätismus anheimzufallen. Nur sie wird uns tatsächlich in die Lage versetzen, "das Virus zu besiegen". Das ist keine Phrase einer Sonntagsrede, das ist brutaler politisch-gesellschaftlicher Hyperrealismus.

Es geht um die Grundfeste, ja, um die viel beschworenen, zumeist tatsächlich zur Floskel gewordenen Grundwerte, die Bewahrung unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaftsordnungen, zivilisatorischer und kultureller Werte und Substanzen, die conditio sine qua non sind, besonders auch der freien Wirtschaft. Und nur wenn wir das rasch realisieren, werden wir ein einigermaßen souveränes Subjekt, das der Krisis adäquat begegnen kann.

Die Verantwortung ist immens. Es bedarf des Maximums politisch organisierter, individueller, regionaler, nationaler wie internationaler Solidarität. Was für die nächste Zeit bedeutet: die Internationalisierung, die Globalisierung entschieden voranzutreiben. Die notwendige, die progressive, solidarische, die "gute" Globalisierung. Und zwar in vielfältigsten Formen, in der Vertiefung der Europäischen Union, der Uno, der Arbeit der NGOs, den diversen existierenden multilateralen Assoziationen und weit, weit darüber hinaus: in der dringend erforderlichen globalen Installation gerechter Steuersysteme, Verbraucherschutzstandards, vergleichbarer materieller und sozialer Niveaus, universeller Menschenrechte, in der konzertierten Bekämpfung der ökologischen Zerstörung unseres Planeten und ja, auch in der Einrichtung globaler hygienischer und sanitärer Standards sowie der Ausarbeitung systematischer weltumspannender Pläne für den ohne Zweifel kommenden nächsten Ausbruch einer Pandemie.

Eine verheerende Illusion ist, dass dies anders als konsequent global funktionieren könnte. Politisch kriminell handelt, wer diese Illusion jetzt noch nährt. Wir haben uns gerade ein enormes gesellschaftliches ethisches Potenzial erarbeitet. Daraus lässt sich Zukunft bauen.

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