Corona-Fotoserie »Die Rückkehr der Musik« »Die Zuschauer rennen den Bands nicht die Bude ein«

Ständchen unterm Balkon, Musicalproben auf dem Parkplatz: Der Fotograf Reiner Pfisterer zeigt in seinem Projekt »Die Rückkehr der Musik«, wie Künstler der Coronapandemie trotzen.
Ein Interview von Isabel Barragán
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Foto: Reiner Pfisterer

SPIEGEL: Herr Pfisterer, seit mehr als 20 Monaten begleiten Sie Musiker durch die Coronapandemie. Wie kam es zu der Idee?

Pfisterer: Als im März 2020 der erste Lockdown beschlossen wurde, kam ich gerade von einer Produktion in Bilbao zurück. Corona schien weit weg, gedanklich war und bin ich bei meinem nächsten Termin in Kopenhagen. Als Fotograf war ich auf den Kontakt zu Menschen angewiesen. Ich fühlte mich deshalb wie vor den Kopf gestoßen. Einen Monat lang lebte ich wie ein Facebook-Junkie, postete Fotos von früher, mit Auftritten der Toten Hosen, Erlebnissen eines Buchprojektes aus Ecuador. Dann kam im April plötzlich ein Anruf vom Stuttgarter Kammerorchester: Die Solisten wollten zum 106. Geburtstag einer Dame im Seniorenheim spielen. Ob ich als Fotograf mitkommen wolle? Die Musiker spielten unter dem Balkon, oben stand die Dame und hörte zu. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie viel eigentlich immer noch um mich passierte. Wenn auch oft nur im Kleinen. Das wollte ich zeigen.

Zur Person

Reiner Pfisterer, geboren 1967, arbeitet seit 30 Jahren als Musik- und Festivalfotograf. Für seine Serie »Die Rückkehr der Musik« begleitet er seit April 2020 professionelle und Amateur-Künstler aus ganz Deutschland durch die Coronapandemie. Bislang fotografierte er für das Projekt 250 Konzerte und Proben. Dabei entstanden nach Pfisterers Schätzungen rund 200.000 Bilder, die er in Auszügen in mehreren Postkartensets und auf einem eigenen Instagram-Kanal  veröffentlicht. Eine Ausstellung findet bis zum 28. Oktober im Stuttgarter Klub »White Noise«  statt. Am 30. Oktober gibt es im Rahmen des Kongresses About Pop  eine weitere Fotoausstellung sowie ein Künstlergespräch im Stuttgarter Klub »Im Wizemann«.

SPIEGEL: Was heißt im Kleinen? Wie sind Musiker mit der Pandemie umgegangen?

Pfisterer: Das kam auf die Situation an. Darf Publikum kommen oder nicht? Wie viel Kontakt ist erlaubt? Aber selbst, wenn Musiker kaum Geld verdienten, versuchten sie weiter, Konzerte zu organisieren. Ich erinnere mich zum Beispiel gut an einen Auftritt mit dem Staatsorchester in der Liederhalle Stuttgart. Zugelassen waren damals 99 Zuschauer. Die Musiker saßen im Publikumsraum – drum herum, im Abstand von mehreren Metern: die Besucher. Ansonsten war der Saal leer. Ich durfte als Einziger mit meinem Stativ auf der Empore Platz nehmen: So konnte ich für mich einen der Coronamomente Stuttgarts einfangen.

SPIEGEL: Zeitweise waren Konzerte mit Publikum komplett verboten, auch Proben waren eingeschränkt.

Pfisterer: Die meisten Gruppen waren sehr kreativ darin, trotzdem weiterzumachen. Auch Hobbymusiker. Im April 2021 kam ich zur Probe einer Amateur-Musicalgruppe nach Neckarsulm. Die Mitglieder trafen sich jeden Sonntag mit dem Auto auf dem Parkplatz. Während der Probe blieben sie einzeln in ihrem Wagen sitzen, waren aber miteinander verkabelt, sodass sie einander hören konnten. Es hat funktioniert: Im Sommer traten sie mit ihrem Musical vor Publikum auf.

Fotostrecke

»Die Rückkehr der Musik« – Fotoprojekt von Reiner Pfisterer

Foto: Reiner Pfisterer

SPIEGEL: Wie haben Sie die Stimmung bei den Konzerten erlebt? Helge Schneider war bei einem seiner Auftritte offenbar wenig begeistert.

Pfisterer: So eine Geschichte geht natürlich durch die Medien. In der ganzen Zeit meines Projekts habe ich aber keine Veranstaltung erlebt, bei der die Stimmung mies war. Selbst wenn Zuschauer nur im Auto sitzen durften, sah ich, wie sie ihre Arme zur Musik in die Luft warfen. Das Publikum war froh, wenigstens irgendwie Musik zu hören. Schwieriger war es für viele Künstler, als gar kein Publikum vor Ort erlaubt war. Als ich Mike Singer beim Streaming fotografierte, hatten sich rund 40 Fans über Screens zugeschaltet. Auf einem Bildschirm sah man, wie sie strahlten. Trotzdem fühlte sich die Situation strange an: Normalerweise folgt auf ein Konzert Klatschen, die Zuschauer schreien »Zugabe«. Jetzt kam da einfach nichts, nur ein paar Rückmeldungen über den Chat. Applaus ist immer noch das Brot des Künstlers.

SPIEGEL: Wie schwierig war es für Sie als Fotograf, unter Coronabedingungen zu arbeiten?

Pfisterer: Die Coronabeschränkungen machten auch für mich vieles komplizierter. Im Dezember begann ich das Projekt auf ganz Deutschland auszuweiten. Beim Streamingkonzert mit den Fantastischen Vier war der Besuch im Hamburger Filmstudio streng reglementiert, erstmals nur mit Tests möglich. Außer mir kamen nur Techniker mit zur Band in den Raum. Für den Zugang in die Hamburger Elbphilharmonie musste ich sogar mehrere Monate warten. Bis ich über Kontakte zu einem Ensemble doch hineindurfte. Insgesamt aber bin ich so ziemlich in alle Veranstaltungen gelangt, die mich interessierten. Manchmal war für mich die Arbeit sogar einfacher als zuvor.

SPIEGEL: Einfacher?

Pfisterer: Im Klassikbereich gelten für Fotografen normalerweise strenge Regeln. Ein falscher Klick im falschen Moment, und die Stimmung ist dahin. Bei Orchesterkonzerten wird Ihnen im Konzert deshalb oft nur ein kleiner Platz irgendwo am Rand zugewiesen. Jetzt aber durfte ich beim Streaming plötzlich drei Meter von den Musikern entfernt stehen und ihnen buchstäblich auf die Finger schauen. Viele Musiker waren einfach dankbar, dass ein Fotograf zu ihnen kommt und sie begleitet. Das war im Lockdown eher eine Ausnahme.

SPIEGEL: Seit ein paar Wochen sind Konzerte mit größerem Publikum mit Einschränkungen erlaubt. Ist die Musik zurückgekehrt?

Pfisterer: Für Musiker waren die Entwicklungen der letzten Wochen eine Erleichterung: Beim Open-Air-Konzert in Waiblingen durften vor ein paar Tagen zum Beispiel nach langer Zeit wieder mehrere Tausend Menschen zusammen feiern, und das im Stehen. Die Leute haben das genossen – die Musiker auch. Viele Bands sind mit ihren Crews wie Familien zusammengeschweißt. Seit Jahren gehen sie zusammen auf Tour. Allein diese gemeinsamen Rituale wieder durchleben zu können – Reisen, Auf- und Abbau der Technik – ist schon ein Schritt nach vorne. Trotzdem: Die Zuschauer rennen den Bands nicht die Bude ein, es geht nur langsam vorwärts. Als Die Ärzte ihre Tour für dieses Jahr abgesagt haben, war das für viele ein Rückschlag. Mein Fotoprojekt ist noch nicht zu Ende.

SPIEGEL: Woher nehmen Sie die Motivation, das Projekt so lange durchzuführen?

Pfisterer: Es geht mir um Solidarität mit der gesamten Branche. Seit 30 Jahren kann ich als Musikfotograf nur arbeiten, weil es Künstler und Veranstalter gibt, die mir dies ermöglichen. Seit dem Frühjahr 2020 ist für mich die Zeit, etwas zurückzugeben. Ich möchte einfach Sichtbarkeit schaffen.

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