Maren Urner

Gesunder Egoismus Eine Welt ohne Masken

Maren Urner
Ein Gastbeitrag von Maren Urner
Die Pandemie gibt uns die Chance, endlich zu erkennen, was wahren Erfolg ausmacht: Glücklich ist nicht, wer materielle Güter anhäuft, sondern wer gute menschliche Beziehungen hat. Gesunder Egoismus bedeutet, an andere zu denken.
Frau mit Maske im öffentlichen Nahverkehr

Frau mit Maske im öffentlichen Nahverkehr

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Uwe Krejci/ Getty Images

Seit ein paar Wochen gehen wir nicht mehr "ohne" aus dem Haus. Die Stoff-, Alltags- oder OP-Maske gehört wie Schlüssel, Portemonnaie und Handy zu uns dazu. Notfalls greifen wir zu Stofftuch oder Schal, mit dem wir behelfsmäßig Mund und Nase verdecken. Gleichzeitig scheint das Virus, das dafür verantwortlich ist, uns an anderer Stelle zu demaskieren. Denn auf einmal beobachten wir Solidarität, Hilfsbereitschaft und Teamgeist an so vielen Orten in ungewohntem Ausmaß.

Das Virus bringt menschliche Eigenschaften ans Licht, die zuvor häufig gut versteckt lagen. Versteckt hinter unsichtbaren, aber fest sitzenden Masken, die wir schon lange vor Corona trugen. Masken, die dafür sorgten, dass bestimmte Vorstellungen über uns Menschen sich tief in unseren Köpfen eingraben konnten.

Allen voran das Mantra des egoistischen Menschen, der ohne große Rücksicht auf Verluste stets eigennützig denkt und handelt. Schließlich sind wir uns am Ende des Tages doch immer selbst die oder der Nächste. Soweit zumindest die gängige Vorstellung über unsere Biologie. Genau die sollten wir dringend aktualisieren. Dafür müssten wir nur die Forschungsergebnisse und Erfahrungen der letzten Jahre akzeptieren. Dann erkennen wir ganz schnell, dass echter Egoismus darin besteht, kooperativ zu sein.

Der falsche Erfolg

Aufopferungsvoll, unterstützend, vielleicht sogar selbstlos: So werden Menschen beschrieben, die sich für andere, für das Gemeinwohl oder sonstige "gute Zwecke" einsetzen. Mutter Theresa und Gandhi stehen sinnbildlich für diese Kategorie Mensch. Also die "Gutmenschen", die offenbar irgendwie nicht richtig verstanden haben, worum es im Leben eigentlich geht. Die Eigenschaften der Gegenspieler: Kalkuliert, eigennützig und egoistisch. Ohne an dieser Stelle Namen zu nennen, fallen jedem und jeder sehr wahrscheinlich mehr Vertreter für diese Kategorie Mensch ein. Liegt das möglicherweise daran, dass sie auf den ersten Blick die erfolgreicheren Menschen sind? Weil die "wahre Natur" des Menschen nun mal darin besteht, sich egoistisch zu verhalten und den Eigennutz zu maximieren?

Ja und nein. Ja, weil aktuell oft Menschen der zweiten Kategorie auf den Karriereleitern dieser Welt weiter nach oben gelangen. Nein, weil wir meist fehlerhafte Vorstellungen davon haben, was Erfolg bedeutet. Ja, weil der Mensch tatsächlich egoistisch ist. Nein, weil wir in einer Welt leben, die uns ein falsches Bild davon vermittelt, was uns gesund und glücklich macht und so unseren Egoismus auf "falsche Ziele" lenkt. 

Besonders deutlich ist diese Verwirrung in den vergangenen Wochen und Monaten in zahlreichen Talkshows, Leitartikeln und Frühstücksdebatten sichtbar geworden. Denn immer wieder geht es dort um die vermeintlich nötigen Entscheidungen zwischen Wirtschaft und Gesundheit, zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen dem egoistischen und dem kooperativen Homo Sapiens. Und damit geht es immer auch ein wenig um die Entscheidung zwischen "Böse" und "Gut".

Doch genau hier liegt der kardinale Denkfehler. Wenn wir unsere "wahre Natur" - inklusive ungebremstem Egoismus - ausleben wollen, müssen wir diese Denkfehler überwinden und verstehen, was echte Gewinnmaximierung bedeutet. Das können wir nur, wenn wir die erwähnten unsichtbaren Masken fallen lassen. Nur dann sind wir in der Lage zu erkennen, was wahrer Erfolg und damit auch wahrer Egoismus ist. Wenn wir begreifen und akzeptieren, was uns tatsächlich gesund und glücklich macht. Die gute Nachricht: Die Coronapandemie bietet die besten Voraussetzungen dafür. Kriege und Krisen machen ehrlich.

Egoistisch die Lebensgrundlage schützen

Vor einigen Wochen erlangte der sonst unscheinbare Landkreis Coesfeld ungeahnte Medienaufmerksamkeit als Corona-Hotspot. Jetzt beschäftigen uns die Neuigkeiten aus dem Kreis Gütersloh. Grund für die Häufungen von Neuinfektionen waren die jeweils ansässigen Firmen Westfleisch und Tönnies. Plötzlich interessiert sich die Öffentlichkeit dafür, was in der fleischverarbeitenden Industrie falsch läuft und warum der übermäßige Fleischkonsum nicht nur Menschen und Tieren schadet, sondern über kurz oder lang auch unsere Lebensgrundlage zerstört. Wenn wir also wirklich egoistisch handeln wollen, müssen wir mit Blick auf unsere Ernährung endlich das umsetzen, was längst bekannt ist - nur dann können wir unsere Lebensgrundlage mittel- und langfristig erhalten (und nebenbei das Risiko weiterer Pandemien verringern).

Das gilt auch für andere Wirtschaftsbereiche und unser Zusammenleben generell. Auf der einen Seite beobachten wir in Zeiten von Lockdowns und Kontaktbeschränkungen allerorts eine gesteigerte Solidarität und Hilfsbereitschaft, vor allem auch gegenüber alten, einsamen und erwerbslosen Menschen. Auf der anderen Seite zwingen ein paar Wochen Konsumreduktion auf das, was wir "wirklich zum Leben brauchen", zahlreiche Wirtschaftszweige in die Knie. Diese Beobachtung lässt ahnen, dass in unserem zugrunde liegenden Wirtschaftssystem einiges falsch läuft, und wir Erfolg bisher zu kurzfristig gedacht haben. Zu recht fragen sich viele in diesen verrückten Zeiten mit erhöhter Frequenz: Was brauche ich eigentlich wirklich? Und wie sieht eine zukunftsorientierte und damit erfolgreiche Gesellschaft inklusive funktionierender Wirtschaft aus?

  • Vielleicht mehr digitale Meetings statt Flugreisen: Bei einer weltweiten Umfrage geben 39 Prozent der Befragten an, in Zukunft weniger Geschäftsreisen unternehmen zu wollen .

  • Vielleicht eine Hinwendung zum Lokalen und Selbstgemachten: Wir kaufen verstärkt in Läden vor Ort - teilweise auf neuen, zuvor undenkbaren Wegen. 78 Prozent der 30 bis 59-Jährigen planen zukünftig bewusster regional einzukaufen. Parallel stiegen Online-Transaktionen um 60 Prozent. Jetzt gilt es also, den "regionalen Online-Handel" zu verbessern und zu stärken, um das Spielfeld nicht den wenigen, aber umso bekannteren großen Anbietern zu überlassen.

  • Vielleicht mehr Nähe statt Distanz: Wir essen häufiger gemeinsam  und nehmen uns bewusster Zeit für Menschen, die uns wichtig sind. Dank Telefon und Digitalisierung praktizieren wir statt #socialdistancing erfolgreich #physicaldistancing. Denn trotz räumlicher Entfernung kommen wir uns manchmal ganz unerwartet erstaunlich nahe. Wenn wir vor unseren Webcams offener kommunizieren als zuvor mit Handschlag oder Umarmung. Wenn wir begreifen, dass uns die Pandemie verbindet und vereint. Das alles garniert mit den bunten Diskussionen zur Systemrelevanz.

Seit 1938 läuft an der Harvard Universität die längste Studie zur Frage, was ein glückliches und gesundes Leben ausmacht . Ihr wichtigstes Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Nicht Ruhm, nicht Geld, nicht der IQ und nicht unsere Gene sind der wichtigste Faktor, sondern gute menschliche Beziehungen.

Eine neue Idee von Glück

Lasst uns bitte nicht zum vermeintlichen "Normal" zurückkehren (wollen). Lasst uns stattdessen "Normal" neu denken und als Chance begreifen, um für echten menschlichen Wohlstand zu sorgen. Die Beispiele zeigen, was möglich ist und was wir schaffen können, wenn wir unsere unsichtbaren Masken absetzen. Nur wenn wir dazu bereit sind, können wir endlich aufhören, einer Idee von Erfolg und Glück nachzuhängen, die nicht unserer wahren Natur entspricht. Nur dann können wir erkennen, dass der größte Egoismus darin besteht, sozial und kooperativ zu sein, weil genau das das wahre menschliche Erfolgsrezept ist. Lassen wir also nicht die Stoffmasken, sondern die unsichtbaren Masken fallen und sind endlich "wirklich egoistisch".

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