Wolfgang Höbel

Ende der Corona-Gratistests Es war nur eine Phase, Nase

Wolfgang Höbel
Ein wehmütiger Blick zurück von Wolfgang Höbel
Am Montag soll es vorbei sein mit den kostenlosen Coronatests: Das Ende einer denkwürdigen Jubelzeit für kurzfristig angelerntes Nasenbohr-Personal und eine in Massen anrückende prüfwillige Kundschaft.
Mitarbeiterin eines Testzentrums im hessischen Königstein: »Generation von Kriminaltechnikern und Spurensichererinnen«

Mitarbeiterin eines Testzentrums im hessischen Königstein: »Generation von Kriminaltechnikern und Spurensichererinnen«

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

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Für alle Menschen, die sich später mal an die schönste Jahreszeit des Coronajahres 2021 erinnern, könnte es nicht der Sommer einer schweren Prüfung, sondern der Sommer des Test-Frohsinns gewesen sein. Wenn die Gratistests ab Montag abgeschafft sind, geht eine Zeit zu Ende, in der plötzlich in der kleinsten Hütte Raum für medizinischen Forschungsgeist war. In ganz Deutschland bohrten meist notdürftig geschulte Menschen ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit einem Stäbchen zur Erlangung eines Abstrichs in Mund und Nase herum. Sie nutzten dafür Kneipen, leer stehende Läden, Partyzelte und kurzfristig im Baumarkt besorgte Gartenhäuser – und verschafften ihrer Kundschaft in den meisten Fällen das Gefühl einer kurzfristigen Befreiung von schlimmen Sorgen.

Der Testbudenzauber in Deutschland machte nicht nur viele Pop-up-Stationsbetreiber und Apotheker reich. Er beschenkte die allermeisten Deutschen nach einer langen Phase der Shutdowns und Coronabeschränkungen auch mit ein paar Wochen und Monaten neuer Bewegungsfreiheit, erlaubte ihnen mit jedem erfolgreich absolvierten Stationsbesuch wenigstens eine kurze Pause zum entspannten Durchatmen.

Freundliche, meist aufgekratzte Atmosphäre

Bevor der sogenannte Impffortschritt ihren Besuch zunehmend überflüssig machte, war die Teststation das in der Regel provisorisch gezimmerte Symbol der Hoffnung, dass es mit der Pandemie auch mal vorbei sein könnte. Im deutschen Frühling hatte es länger als in anderen Ländern gedauert, bis die Regierenden in Berlin endlich beschlossen, der Bevölkerung flächendeckend Gratis-Schnelltests anzubieten. Der Clou daran war, dass die Abstricharbeit für die Antigen-Tests – anders als die für die zuverlässigeren und teureren PCR-Tests – auch von Menschen ohne gründliche medizinische Ausbildung erbracht werden durfte. Sofort erkannten Studierende und ältere Schulkinder, beschäftigungslose Tresenkräfte und aus anderen Gründen Hilfswillige ein attraktives Jobangebot.

Im Rückblick ist es trotzdem erstaunlich, wie viele Menschen in den vergangenen Monaten als Testpersonal nicht bloß einen Kurzzeitjob nutzten, sondern offensichtlich auch Gefallen daran fanden, wildfremden Leuten in der Nase und im Schlund herumzubohren. Wächst da eine ganze Generation von Kriminaltechnikern und Spurensichererinnen heran? Sehnen sich noch viel mehr junge Deutsche, als die Bewerberschar fürs Medizinstudium, Chemisch-Technische Assistenzen oder Pflegeberufe erkennen lässt, nach einem Arbeitsleben in weißen Kitteln?

In den Teststationen, in denen ich unterwegs war, herrschte jedenfalls stets eine freundliche, manchmal aufgekratzte Atmosphäre. Ob in Berlin oder in München, die meist sehr jungen Frauen und Männer mit Gummihandschuhen und Plastikvisier, die zur Begrüßung ihrer Kundinnen und Kunden QR-Codes einforderten oder Formulare verteilten und mich fröhlich duzten, schienen mir von der Freude über eine halbwegs sinnvolle Tätigkeit und hoffentlich angemessene Bezahlung beseelt.

Meine schönsten Teststationsbesuche

Es gab Teststationsbesucher, die über die Umständlichkeit der Prozedur seufzten und sich wortreich über den Zwang zu regelmäßiger Testwiederholung beschwerten, weil die Ergebnisse ihnen nur kurze Zeit den Zugang zum Arbeitsplatz, zum Restaurant oder gar zum Klub garantierten. Aber unterm Strich erwiesen sich die Teststationen als Orte eines eher erfreulichen Aufbruchs- und Gemeinschaftsgeists. Dass der Staat den Testsommer finanzierte, trug sicher zur guten Laune von Personal und Kundschaft bei. Sang nicht einst ein junger Entertainer namens Hape Kerkeling, dass das ganze Leben ein Test sei und wir nur die Kandidaten? Der Schlager hieß so ähnlich.

Meine schönsten Teststationsbesuche habe ich in einer Hamburger Kirche absolviert, genauer gesagt: in einem profanen Nebenraum der Kirche. Die zu Testenden und die Gläubigen benutzten stets denselben Eingang. An einem Sonntagvormittag kam ich unmittelbar vor Beginn eines Gottesdiensts zum Testen. Vor dem Portal der Kirche hatte sich eine Menschenschlange gebildet, gleich hinter der Tür ging es rechts zur Corona-Teststation und links in den Kirchensaal. Nachdem ein junger Plastikmaskenträger im Raum rechts mit einem Stäbchen in meinen Nebenhöhlen gepult hatte, schlich ich mich leise hinüber in die Kirche, wo nur eine einzige Frau den Ausführungen des Pfarrers zuhörte.

Kann es sein, dass die vom Staat finanzierte Teststation, in die am Sonntagmorgen Dutzende Menschen abgebogen waren, für viele von ihnen eine ähnliche Aufgabe erfüllte wie einst die Kirche für viele Gläubige? Die Leute waren gekommen, um Genaueres über ihren Zustand zu erfahren, sich für eine Weile von ihren Sorgen zu befreien, ein Stück Erleichterung (das Testzertifkat) mit auf den Weg zu bekommen – vor allem aber, um überhaupt erst mal Bereitschaft zu zeigen, sich einem Test zu unterziehen.

Das Dasein als Prüfung zu begreifen ist ein christlicher Kerngedanke, dafür besuchen Gläubige die Gotteshäuser; »habt keine Angst, denn euch zu prüfen ist Gott gekommen«, heißt es im Alten Testament. Im Sommer 2021 waren es Laien-Laboranten, denen für eine Weile das Prüfen der Menschen überlassen wurde. Jetzt ist die Gratis-Testsaison vorbei. Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass am Ende des Herbstes die Kirchen wieder voller werden.

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