Corona-Existenzkrise am Broadway Ins Herz getroffen

Die Coronakrise hat katastrophale Folgen für New Yorks Broadway. Während sich anderswo erstes Leben regt, werden die Theater noch lange geschlossen bleiben. Zehntausende Menschen stehen vor dem Nichts.
Aus New York berichtet Marc Pitzke
Seit März läuft nichts mehr: Verlassenes Theaterviertel am Times Square

Seit März läuft nichts mehr: Verlassenes Theaterviertel am Times Square

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JOEL MARKLUND/ imago images/Bildbyran

Ihre Broadway-Karriere begann so vielversprechend. Als Salisha Thomas 2014 nach New York kam, ergatterte sie schnell eine Dauerrolle im Musical "Beautiful", dessen Spielzeit schließlich bis Oktober 2019 lief. Anfang März begann sie mit den Proben für ihr nächstes Engagement, die neue Britney-Spears-Show "Once Upon a One More Time".

Elf Tage später beendete die Corona-Pandemie ihre Glückssträhne.

"Nach der letzten Probe rief uns die Produzentin zusammen", erinnert sich die 28-Jährige. "Sie sagte 'Sorry, Leute'." Der Testlauf des Musicals im April und Mai war geplatzt, die für Juni geplante Broadway-Premiere ebenfalls. Es war Freitag, der Dreizehnte.

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The show can't go on: Wie Corona den Broadway lahmlegt

Foto: LeShay/TDF

"Erst hielt ich die Tränen zurück", sagt Thomas. "Dann sah ich, dass alle weinten." Nicht nur das Musical fiel bis auf Weiteres aus, sondern auch ein Job, mit dem sie 2100 Dollar pro Woche verdient hätte.

Seitdem hat die Schwarze mit der "göttlichen Stimme", so ein Freund, ihre Einzimmerwohnung im Norden Manhattans kaum verlassen. Wie Millionen New Yorker  unterliegt sie einer "stay-at-home order", muss also so weit wie möglich zu Hause bleiben. Sie singt, übt, liest, schreibt. Manchmal, selten, traut sie sich in den Park.

"Es ist ein einziges Loch", sagt sie über ihr jetziges Leben. "Keiner weiß, wie es weitergeht."

In der Tat weiß das am Broadway keiner. Alle 41 Theater um den Times Square - sowie Hunderte Off-Broadway-Bühnen - sind seit März geschlossen. Die Tony Awards, die Theater-Oscars, wurden abgesagt . 12.000 Menschen verloren ihr Einkommen: Darsteller, Musiker, Bühnenarbeiter, Platzanweiser, Kostüm- und Maskenbildner, Produzenten, Manager, Agenten.

New Yorks Herz steht still. Die Seitenstraßen des Times Square sind leer gefegt, an vielen Theatern hängen längst überholte Zettel, dass man im April wiedereröffnen wolle. Statt Touristen scharen sich abends Ärzte und Krankenschwestern auf den Gehwegen, die zwischen Corona-Schichten in den Hotels schlafen und mit Shuttlebussen in die Kliniken fahren.

Wie ganz New York wird auch die Theaterszene von Corona-Todesfällen erschüttert, der bekannteste war der Dramaturg Terrence McNally ("Kiss of the Spider Woman"). Andere kämpfen um ihr Leben: Der Tänzer Nick Cordero liegt seit Wochen im Koma, ihm musste wegen Corona-Komplikationen das rechte Bein amputiert werden. Seine Freunde sammelten fast eine halbe Million Dollar  Spenden für seine teure medizinische Behandlung.

Leere 46th Street: Hier spielt sonst das Hip-Hop-Musical "Hamilton"

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Foto: Marc Pitzke/ DER SPIEGEL

"Dies ist ohnegleichen", sagt Charlotte St. Martin, die langjährige Chefin des Branchenverbands Broadway League , dem SPIEGEL. Auch sie ist überfragt, wann und wie die Theater wiedereröffnen können. Ihre vage Vermutung: "Irgendwann zwischen September und Januar."

Selbst nach den 9/11-Anschlägen war der Broadway nur zwei Abende "dunkel". Allein der finanzielle Verlust ist schwer wettzumachen. Die letzte Saison brach Rekorde: 1,8 Milliarden Dollar Einspielergebnisse, 14,8 Millionen Zuschauer, mehr als alle Sportteams der Region kombiniert. Darüber hinaus pumpten die Theater gut 15 Milliarden Dollar in die Kommunalwirtschaft und finanzierten fast 97.000 Jobs in anderen Sparten - Gastronomie, Hotelgewerbe, Tourismus.

Es ist ungewiss, wie viele Broadway-Produktionen überleben. Zumal manche so schon wackelten. Einige gaben bereits auf, darunter ein hochkarätig besetztes Revival des Klassikers "Who's Afraid of Virginia Woolf?".

"85 Prozent unseres Umsatzes sind weggebrochen", sagt Victoria Bailey, die Chefin des Theatre Development Fund (TDF), einer Non-Profit-Organisation, die die bekannten TKTS-Lastminute-Ticketbuden betreibt, Charity Events veranstaltet und sich aus Bearbeitungsgebühren finanziert. "Ich musste unseren 55 Festangestellten bereits die Gehälter kürzen."

1968 gegründet, um der Theaterbranche zu helfen, steuerte der TDF zuletzt mehr als 1,5 Milliarden Dollar zum Broadway-Geschäft bei. Zwei Drittel der Kunden sind Touristen, der Rest New Yorker, die sich sonst kein Theater leisten könnten. Ein Spendenaufruf  soll nun eine halbe Million Dollar einbringen.

Ohne die Theaterszene, so fürchten viele, verliert ganz New York seinen Charakter: Der Broadway macht New York ja erst zu New York. "Broadway, Opern, Museen, Restaurants, deshalb sind wir doch hier", sagt Bühnenbildner Derek McLane ("Moulin Rouge!"), der seit 1984 in der Stadt lebt. "Sonst würden wir in die Berge ziehen."

Für viele ist der Traum vom Broadway ohnehin hart. Bisher nahmen sie das in Kauf, nun wird es noch härter, wenn nicht unerreichbar. "Es ist schwer", sagt Christine Cornish Smith, 29. "Man stückelt sich sein Budget ja ohnehin schon zusammen." Die Schauspielerin und Tänzerin verlor durch die Coronakrise zwei Engagements. Sie hält sich mit Online-Kursen über Wasser, und jeden Tag läuft sie drei Blocks, um ihren Freund zu sehen: "Wir wollen in dieser Zeit nicht allein sein."

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"Unsere Show wurde ganz schön schwer getroffen", sagt "Moulin Rouge!"-Designer McLane, ein Tony- und Emmy-Preisträger, der auch die Sets für sechs Oscar-Galas und das neue, nun auf Eis liegende Michael-Jackson-Musical "MJ" gestaltet hat. Der 61-Jährige und seine Frau erkrankten selbst an Covid-19, hatten aber nur milde Symptome und sind mittlerweile wieder fit.

Auch andere Mitglieder des Ensembles testeten positiv, darunter die Hauptdarsteller Aaron Tveit und Danny Burstein, der seinen Leidensweg in einem Essay festhielt . "Am schlimmsten ist die Ungewissheit", sagt McLane. "Wie lange dauert das noch?"

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Kostümbildner Eric Winterling ("Frozen", "Wicked") musste ebenfalls umdenken. "Erstmals seit 30 Jahren habe ich nicht viel zu tun", sagt er. Als sein Geschäft einbrach, entließ er 45 Angestellte und schloss sein Studio. "Es war wie nach dem Vesuvausbruch von Pompeji. Wir ließen alles so zurück, wie es gerade da lag."

Dank eines staatlichen Corona-Darlehens konnte Winterling inzwischen 20 Mitarbeiter zurückholen und fährt nun einmal die Woche ins Studio. Dort schneidern sie Schutzkittel für Mediziner und planen für den Fall, dass die ausgebremsten Projekte neu starten. "Ich kann es kaum erwarten", sagt er. "Wir alle können es kaum erwarten."

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Bis dahin müssen virtuelle Aufführungen genügen. Das Ensemble des Musicals "Beautiful" vereinte sich über die Video-App Zoom zugunsten der Broadway-Hilfsorganisation Actors Fund. Dutzende Stars - darunter Meryl Streep und Bernadette Peters - gaben dem legendären Komponisten Stephen Sondheim ("West Side Story") ein zweieinhalbstündiges Onlineständchen zum 90. Geburtstag. Musicalikone Patti LuPone ("Evita", "Sunset Boulevard") unterhielt die Fans unterdessen mit Videotouren ihres Partykellers .

Andere machten das Fenster zur Bühne. Brian Stokes Mitchell, dessen Musical "Love Life" gecancelt wurde, unterhielt Passanten und Sanitäter auf der Upper West Side jeden Abend vom fünften Stock aus mit der Powerballade "The Impossible Dream" - bis die Polizei ihn bat, wegen des täglichen Menschenauflaufs damit aufzuhören.

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Nichts kann Livetheater ersetzen. "Der Broadway lebt von menschlicher Nähe", sagt Winterling. Das ist das Problem: Einer Studie zufolge  würde knapp die Hälfte der Theaterzuschauer auch nach einer Wiedereröffnung lieber noch "ein paar Monate" warten. Hinzu kommt, dass die Mehrheit des Broadway-Publikums Touristen sind - und wann die zurückkehren, ist erst recht unklar.

"Unsere Karrieren basieren auf unserer kollektiven, physischen Energie", sagt Cornish Smith. Genau diese Energie könnte irgendwann auch nötig sein, um das Corona-Trauma zu überwinden. "Zusammen in einem Saal zu sitzen und eine Geschichte mitzuerleben, wird uns helfen zu gesunden", hofft TDF-Chefin Bailey.

Die Broadway League und die Gewerkschaften arbeiten bereits an einem Fahrplan dafür. Ideen gibt es viele, nicht alle sind machbar in den alten, engen Theatern. Nur halb so viele Zuschauer einlassen, mit Abstand und Maske? Zwei Wochen Quarantäne für Schauspieler? "Kann ich mir nicht vorstellen", zweifelt League-Chefin St. Martin.

"Es ist ein enormer mentaler Kampf", sagt Salisha Thomas, und sie erzählt, dass sie gute und schlechte Tage habe. "Doch neulich wachte ich auf und dachte: Ich bin es leid, Angst zu haben."

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