Margarete Stokowski

Gesellschaft in der Pandemie Befehl von oben, Befehl von unten

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Unsere Gesellschaft ist nicht darin geübt, solidarisch zu denken und zu handeln. Das ist ein Problem - denn jetzt ist sie auf Solidarität angewiesen.
Polizeikontrollen in Neustrelitz Mecklenburg-Vorpommern

Polizeikontrollen in Neustrelitz Mecklenburg-Vorpommern

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Jens Büttner/ dpa

Mal abgesehen von sexuellen Vorlieben: Die meisten Menschen wollen eher nicht so gern als besonders unterwürfig gelten. Sie wollen sich nicht schikanieren lassen, sondern möglichst selbstbestimmt handeln. Okay, so weit. In den letzten Tagen und Wochen konnte man allerdings sehen, wie unterschiedlich die Ergebnisse sind, die aus dieser Motivation entstehen. Auf der einen Seite gab und gibt es diejenigen, die ihre persönliche Freiheit durch Ausgangsbeschränkungen und Handlungsempfehlungen nicht eingeschränkt sehen wollen. Sie geben sich im Zeichen der Pandemie betont lässig, fast schon panisch lässig, lauter menschgewordene "Carpe-diem"-Wandtattoos.

Auf der anderen Seite gab und gibt es diejenigen, die darum bitten, sich doch endlich an die Regeln zu halten: möglichst wenig rausgehen, Abstand zu anderen halten, wirklich die Hände waschen. Bevor Bund und Länder sich am Sonntag auf neue Leitlinien zur Beschränkung der sozialen Kontakte einigten, gab es Befürchtungen, dass im Falle harter Ausgangssperren überall Polizei und Bundeswehr auf den Straßen patrouillieren würden, mit den mehr oder weniger bekannten Folgen von Racial Profiling und anderen Diskriminierungsformen, die es offiziell natürlich gar nicht gibt. (Es ist nun, immerhin, nur die Polizei und immerhin nicht überall.)

Wenn dann die eine Gruppe versuchte, der anderen zu erklären, dass es jetzt endlich vorbei sein muss mit den Corona-Partys und dem gemütlichen Zusammensitzen in vollen Cafés, dann hörte sie: Warum seid ihr so autoritäts- und verbotsgeil, so hörig, warum lasst ihr euch jeden Scheiß von oben befehlen? Die Antwort: Weil sonst noch mehr von oben kommt, noch mehr Beschränkungen und dann aber wirkliche Schikane – und natürlich, weil sonst Menschen sterben, die man retten könnte, wenn man die Ausbreitung des Virus verlangsamt.

Den Polizeistaat mit allen Sinnen spüren

Was ist das für ein Argument, das diejenigen einsetzen, die ihre Freiheitsrechte beschränkt sehen, wenn sie mal eine Weile nicht in ihrer keimigen Lieblingskneipe kickern sollen? Kurz gesagt, ein schlechtes. Ein egoistisches Argument, klar, vielleicht auch eins, das aus der stillen Sehnsucht nach richtig harten Maßnahmen kommt. Den Polizeistaat mal so richtig mit allen Sinnen spüren, ist es das?

Obendrein ist es nicht mal ein ehrliches Argument: Wer meint, sich prinzipiell nichts "von oben" vorschreiben zu lassen, fährt mit dem Auto wahrscheinlich trotzdem rechts auf der Straße. Das ist eine Verordnung von oben – aber es ist eben auch eine sinnvolle Maßnahme, auf die Menschen sich geeinigt haben. Manchmal ist das, was Autoritäten sagen, einfach exakt dasselbe, was eine solidarische Gemeinschaft auf Augenhöhe beschließen würde. Wo nichts reguliert wird, werden zwar eventuell die wildesten Träume sogenannter Liberaler wahr, aber es setzen sich eben auch eventuell die destruktivsten Kräfte durch, das gilt für Straßenverkehr genau wie für Frauenquoten und eben für Gesellschaften, die mit einer Pandemie zu kämpfen haben.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Selbst aus egoistischen Gründen wäre es im Moment sinnvoll, sich an die Empfehlungen von ExpertInnen zu halten, seien es Institutionen wie das Robert Koch-Institut oder Einzelpersonen wie Bundesgesundheitsmin... äh, Virologie-Professor Christian Drosten,  einfach weil sonst eventuell geliebte FreundInnen oder Verwandte sterben.

Man kann sogar versuchen, das Beste zu tun und trotzdem "die da oben" kritisieren. Es ist immerhin eine berechtigte Frage, warum Jens Spahn immer noch nicht zurückgetreten ist, einfach aus reiner Scham für den Zustand des Gesundheitssystems, der Pflege, der Geburtshilfe, deren bisweilen desaströse Verfassung zwar schon länger klar war, sich nun aber komplett offenbart.

Eine Gesellschaft, in der Menschen nicht darin geübt sind, solidarisch zu denken – und ich meine nicht mikrosolidarisch mit dem Kumpel, dem man ein Bier ausgibt, weil er pleite ist, sondern solidarisch mit Fremden –, bekommt spätestens dann ein Problem, wenn sie auf genau diese Solidarität angewiesen ist.

Natürlich kann man darauf antworten, dass es ja wohl etwas schwierig ist, einer Gesellschaft als ganzer etwas beizubringen, aber so schwierig ist es auch wieder nicht. Wo Geld und Anerkennung zusammenhängen, äußert sich Respekt vor Berufen in Bezahlung – und Menschen mit Berufen, in denen es ums Kümmern und Helfen geht, sind größtenteils chronisch unterbezahlt und überlastet: Alten- und Krankenpflege, Kindererziehung, Hebammen, SozialarbeiterInnen und viele mehr.

Aber auch: Menschen, die in der Gastronomie und in anderen Servicebereichen arbeiten, und von denen erwartet wird, dass sie auch bei elendsten Arbeitsbedingungen allen KundInnen mit einem sanften Lächeln begegnen. Die Schnittmenge zwischen denjenigen, die es für absolut unzumutbar halten, nicht in die Kneipe oder zum Fußball zu dürfen, und denen, die es für komplett selbstverständlich halten, dass die Beschäftigten im Supermarkt natürlich auch in Pandemiezeiten zur Arbeit sollen, um die Spirelli-Regale aufzufüllen, dürfte recht hoch sein.

Wem man was zumutet und was man von anderen erwartet, ist nicht nur eine persönliche Charakterfrage, sondern auch eine politische Frage. Man muss es leider so sagen: Es gibt Menschen, die nicht an den Gedanken gewöhnt sind, dass die Gesellschaft etwas von ihnen erwartet und sie Verantwortung tragen. Diejenigen, die erst dann handeln, wenn sie Angst haben oder Belohnung oder Strafe in Aussicht stehen. Und dann gibt es solche, bei denen es für normal gehalten wird, dass sie für andere immer alles geben. Das sind die oben erwähnten Gruppen, aber natürlich auch Frauen und insbesondere Mütter.

Propaganda im Stil des letzten Jahrtausends

Auf der Website von "Sagrotan" kann man das in Reinform nachlesen. "Protect Like a Mother " heißt dort eine Kampagne: "Mütter haben den besten Schutzinstinkt. Egal ob Mensch oder Tier, Mütter beschützen ihre Liebsten. Es liegt in ihrer DNA." Unklar, ob jemand, der sich so schlecht mit DNA auskennt, Zeug gegen Viren verkaufen sollte. Passend dazu gibt es auf der Seite: "Schnelle Reinigungstipps für Mütter" (für Väter gibt es keine), denn: "Es ist wichtig sich zu erinnern, dass 'Mutter sein' ein Vollzeitjob ist". Das ist einerseits Propaganda im Stil des letzten Jahrtausends, andererseits leider immer noch aktuell. Es gibt Menschen mit Funktionen und Menschen mit Freiheiten, und das ist ein Problem.

Es gibt ein Gedankenexperiment des US-amerikanischen Philosophen John Rawls, der "Schleier des Nichtwissens": Wenn die Menschen sich zusammensetzten und sich ihre zukünftige Gesellschaftsordnung ausdachten, wofür entschieden sie sich? Und zwar unter der Bedingung (das ist besagter Schleier), dass sie nicht wissen, wo in dieser Gesellschaft sie später stehen würden: Welches Geschlecht sie hätten, ob sie krank oder gesund, stark oder schwach wären.

Wenn in der aktuellen Coronakrise ein paar mehr Menschen sich überlegen würden, was ihre Wünsche und Bedürfnisse und Ängste wären, wenn sie aktuell zur besonders gefährdeten Risikogruppe gehörten (oder zu deren Angehörigen), dann würden sie ihre Wut und Verachtung vielleicht nicht gegen diejenigen richten, die versuchen, in ihrem begrenzten Kreis möglichst das Vernünftigste zu tun und niemanden zu gefährden. Sondern gegen eine Politik, die über Jahrzehnte dazu geführt hat, dass diejenigen, die jetzt am härtesten getroffen werden, die sind, die schon viel früher Hilfe gebraucht hätten: die Armen, die Kranken, die Alten, die von häuslicher Gewalt Bedrohten, die Alleinerziehenden und Schwangeren, die Obdachlosen und Geflüchteten und alle anderen, die davon träumen, dass ihr größtes Problem wäre, wenn es kurz mal kein frisch gezapftes Bier gibt. Das wären systemrelevante Gedanken.

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