Margarete Stokowski

Corona, Gewalt und Depression Wo die Maske nicht schützt

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Bedroht durch Gewalt, gefährdet durch Depressionen: Für etliche Menschen ist während der Corona-Pandemie das Virus nur eine Gefahr von vielen.
Depressive Person (Symbolbild)

Depressive Person (Symbolbild)

Foto: Radu Bighian/ EyeEm/ Getty Images

Ob dieses - oder jedes andere – Land die Corona-Pandemie eher gut oder eher schlecht übersteht, hängt nicht nur davon ab, wie viele Menschen an Covid-19 sterben. Es hängt auch davon ab, wie gut es gelingt, weitere Gewalt und Suizide zu verhindern. Das ist jetzt kein sehr erbauliches Thema, und ich würde auch lieber Witze über die bedrohte Spargelernte machen oder etwas darüber schreiben, dass jede Krise auch eine Chance... okay, das eigentlich nicht. Aber es ist ein Thema, das mindestens genauso wichtig ist wie die Frage, wie genau man sich jetzt eine Maske selber bastelt oder wann die Spielplätze wieder offen sind.

Es gibt einige Gruppen von Menschen, die durch die Pandemie doppelt bedroht sind: zum einen durch das Virus selbst, zum anderen durch Gewalt. Diese Gewalt kann direkt erfolgen – Gewalt von Menschen gegen ihre Partner oder Kinder, Gewalt von Rassisten gegen Menschen, die als "asiatisch" gesehen werden – oder indirekt in Form von Missachtung, etwa gegen Obdachlose oder Geflüchtete, die sich selbst überlassen werden. Oder es kann Gewalt sein, die Menschen gegen sich selbst ausüben, weil sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen.

Weil diese Pandemie für die meisten von uns eine neue Erfahrung ist, gibt es oft Reaktionen, die spontan nachvollziehbar wirken, aber am Ende kontraproduktiv sind. All die leeren Supermarktregale, die Menschen fotografieren und im Internet teilen, weil sie sich aufregen oder lustig machen wollen: Ja, kurios, ja, verständliche Reaktion – aber eben auch eventuell eine ungewollte Aufforderung an andere, jetzt auch endlich hamstern zu gehen.

Unbeabsichtigte Folgen der Berichterstattung

Ähnliches Muster, viel grausamere Tragweite: die Berichte zum Tod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer. Als die Meldung eintraf, dass Schäfer tot aufgefunden wurde, schrieben sehr viele Medien – auch große, auch seriöse, auch der SPIEGEL – über diesen Tod und nannten die Tatsache, dass es sich mutmaßlich um einen Suizid handelte, sowie den Ort, an dem die Leiche gefunden wurde.

Nun ist es richtig, darüber zu berichten, wenn ein Politiker stirbt, und es ist auch meist logisch, wenn dabei die Umstände beschrieben werden. Aber: Es gibt Richtlinien zur Suizidprävention, sie beruhen unter anderem auf der Beobachtung, dass detailreiche Beschreibungen von Suiziden andere Menschen zur Nachahmung anregen können .

Es gibt den Pressekodex, der bei Suiziden "Zurückhaltung" empfiehlt , vor allem bei der Nennung von Details, es gibt das nationale Suizid-Präventions-Programm, auf dessen Webseite nun die Empfehlungen, die es schon lange gibt, noch einmal im Zusammenhang mit der Pandemie bekräftigt wurden : "Meiden Sie bitte, den Ort und die Methode des Suizides detailliert zu beschreiben", heißt es da. Und: "Vermeiden Sie bitte einfache Erklärungen." Leider reicht eben manchmal bereits eine Ortsangabe, um die wahrscheinlich angewandte Methode zu erfahren.

Es ist verständlich, wenn Menschen abbilden wollen, wie hart sich die Pandemie auswirkt, aber manchmal kann ihr Handeln dann unbeabsichtigte Folgen haben, die alles noch härter machen. Das gilt generell für ziemlich vieles, aber für Suizide ganz besonders, weil es hier oft auch darum geht, gewisse Impulse der Neugier oder Sensationslust zu bändigen; nicht nur zum Schutz potenziell gefährdeter Lebender, sondern auch zum Schutz der Würde der Toten. Gerade erst ist mit "Ach, Virginia" ein Roman erschienen, in dem ein Autor versucht, sich in Virginia Woolfs Seele in den Tagen vor ihrem Suizid reinzuwanzen, was in der "Zeit" zu Recht als "literarischer Vampirismus" bezeichnet wurde  und zugleich als "Zeitgeistphänomen" – ein unangenehm aktuelles, leider.

Zuversicht und Zuspruch reichen nicht aus

Es gibt keine einfachen Lösungen in dieser Pandemie, und damit geht auch einher, dass es einen Haufen Ambivalenzen und Widersprüche gibt, mit denen man umgehen muss. Ja, es ist richtig, abzubilden, wie schlimm die Lage ist, aber man sollte sie dabei nicht noch verschlimmern. Und: Ja, die Ausgangsbeschränkungen sind richtig, aber sie bringen einige Menschen in ernsthafte Gefahr.

In der "Süddeutschen" stand kürzlich : "Merkel will vermeiden – und sinngemäß sagt sie das auch in kleiner Runde –, dass es am Ende mehr Tote durch Suizide in der Einsamkeit und Gewalt hinter verschlossenen Türen gibt, als durch das Coronavirus. 'Und auch darauf wird es ankommen', sagt sie in der Rede, 'niemanden allein zu lassen, sich um die zu kümmern, die Zuversicht und Zuspruch brauchen'."

Nur sind Zuversicht und Zuspruch natürlich gut, aber nicht alles, was Betroffene brauchen. Wir wissen aus anderen Ländern und auch aus Deutschland, dass Experten und Organisationen von zunehmender häuslicher Gewalt bei Ausgangsbeschränkungen berichten: Gewalt gegen Kinder , Gewalt in Beziehungen. Stress durch Isolation, finanzielle Sorgen, Alkohol, all das wirkt sich auf die Gewaltbereitschaft potenzieller Täter aus . Den Opfern fehlt nicht nur die Möglichkeit zur Flucht, sondern häufig auch schon ein Weg, sich etwa telefonisch beraten zu lassen, wenn sie mit den Tätern auf engstem Raum leben .

Es ist allerdings kein Naturgesetz, dass es in Pandemien zu einem Anstieg der Gewalt kommen muss. Auch wenn man erst mal eine gewisse Hilflosigkeit fühlt, wenn man von den Gefahren und bereits geschehenen Fällen hört, gibt es unzählige Maßnahmen, die man treffen kann, im politischen wie im privaten Bereich, falls man das überhaupt trennen will.

Jede und jeder kann helfen

Der Staat tut natürlich bereits einiges, wird aber zugleich auch sehr bitter mit bisherigen Versäumnissen konfrontiert. Die Frauenhäuser in Deutschland waren schon vor der Pandemie massiv überlastet. Ende 2019 gab es laut "Tagesspiegel"  7000 Plätze in Frauenhäusern bei einem geschätzten Bedarf von 20.000. Inzwischen werden zum Teil leerstehende Hotels oder Pensionen als Zwischenlösung angemietet.

Man könnte sich auch den französischen Plan abgucken, "Männerhäuser" zu errichten, in denen Gewalttäter aufgenommen werden, damit die betroffenen Frauen nicht ihre Wohnung aufgeben müssen  (und ja, man könnte auch die andere Sorte Männerhäuser errichten, für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, aber das scheint gerade nicht das drängende Problem zu sein). Es gibt Hilfetelefone für Betroffene von Gewalt, auch speziell für Frauen oder Schwangere in Not. Diese Nummern – oder generell die Kontakte zu Anlaufstellen, helfenden Vereinen oder Beratungsstellen – möglichst weit zu streuen, ist Aufgabe des Staates, aber auch Einzelner, die etwas tun wollen.

Einzelne können außerdem, auch wenn Gewalt- und Suizidprävention keine privat zu bewältigende Herausforderung ist , selbst mehr tun, als viele glauben. Sie können sich zuallererst informieren: Welche Anzeichen weisen darauf hin, dass Menschen von Gewalt bedroht oder womöglich suizidal sind? Kennen Sie zum Beispiel Frauen, die mit besonders aggressiven oder kontrollsüchtigen Partnern zusammenleben? (Ein aktueller Buchtipp zu den immer wieder gleichen Strukturen bei Gewalt gegen Frauen: "AktenEinsicht" von der Anwältin Christina Clemm ). Oder haben Sie Nachbarn, bei denen es in letzter Zeit auf eine beunruhigende Art laut ist? Kennen Sie Männer, denen ein "Survival-Kit für Männer unter Druck" helfen könnte? Hier ist der Link .

Jetzt ist die Zeit für klickbares Engagement

Oder kennen Sie Niemanden, den Sie für bedroht halten, aber haben gerade sehr viel Zeit? Auf "silbernetz.org"  kann man sich schulen lassen, um mit einsamen älteren Menschen zu telefonieren. Ohne dramatisieren zu wollen – Suizid im Alter ist ein selten angesprochenes, aber kein seltenes Phänomen . Oder, falls Sie nicht gern telefonieren: Starten Sie Petitionen an den Bundestag, wenn Sie politische Lösungen vorantreiben wollen. (Hier ein Beispiel. ) Das halbe Land sitzt vorm Internet, es ist eine gute Zeit für klickbares Engagement.

Genauso hilfreich ist es jetzt, sich selbst (falls nötig) und/oder andere über Depressionen und ihre Anzeichen aufzuklären . Dazu gehört auch, isolationsbedingte Langeweile oder Genervtheit nicht mit Depressionen gleichzusetzen. In einem SPIEGEL-Interview antwortete Benediktinerpater Anselm Grün auf die Frage, wie man angesichts der Pandemie nicht depressiv werde, man müsse sich mit "Gefühlen" wie "Traurigkeit oder Selbstmitleid" auseinandersetzen . Depressionen sind kein Gefühl. Sie sind eine Krankheit, die tödlich enden kann, aber nicht muss .  

Und nicht zuletzt: Wenn man darüber redet, was einzelne, hilfswillige Menschen tun können, sollte man auch darüber reden, was einzelne betroffene, gefährdete Menschen tun können. Vor allem das: Fragen Sie nach Hilfe. All die beschriebenen Phänomene – Gewalt, Depressionen, Suizidgedanken – sind keine Einzelphänomene. Es gibt nicht nur viele Menschen, denen es ähnlich geht, sondern auch richtig viele Menschen, die gern helfen würden und dafür im Moment auch wirklich Zeit haben. Nehmen Sie Hilfe an, das ist nicht peinlich. Sie müssen auch nichts zurückgeben können. Bleiben Sie in Kontakt mit Menschen. Dann sind Sie vielleicht immer noch räumlich isoliert, aber nicht allein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.