Nachkriegsgeneration in der Coronakrise Der Weltretter-Komplex

Ein Essay von Nils Minkmar
Die Welt gehörte ihnen - und das scheinbar für immer. Nun aber müssen die Nachkriegsjahrgänge feststellen, dass sie nicht mehr Gestalter, sondern Risikogruppe sind. Wie damit umgehen?
Älteres Paar: Die heroischen Jahrgänge werden sich langfristig mit neuen Gegebenheiten arrangieren müssen.

Älteres Paar: Die heroischen Jahrgänge werden sich langfristig mit neuen Gegebenheiten arrangieren müssen.

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Wenn man in diesen Tagen mit Menschen um die 80 ins Gespräch kommt und versucht, einigermaßen taktvoll das Thema ihrer gesundheitlichen Gefährdung anzusprechen, dann überlegen sie manchmal, welche alten Menschen sie denn kennen, wer damit gemeint sein könnte. Weder empfinden sie sich als alt, noch in erster Linie als Corona-"Risikogruppe".

Die amerikanische Debatte über das Opfer der Alten, die ihre Erkrankung in Kauf nehmen sollen, damit die Wirtschaft wieder läuft, hat diese Generation noch einmal besonders in den Fokus gerückt: Der stellvertretende Gouverneur von Texas Dan Patrick gab an, auch als 70-Jähriger seine Gesundheit riskieren zu wollen, um zu ermöglichen, dass wieder Geld verdient wird.

Abgesehen von dieser abstoßenden Ideologie, die das Geld höher schätzt als das Leben und in einer Form moderner Eugenik schwache und gefährdete Personen beiseite schaffen möchte, damit die Shoppingmalls wieder öffnen dürfen, schimmerte hier doch ein für Patricks Generation typischer Zug durch: die Überzeugung, im Alleingang die Welt retten zu müssen, sie auch retten zu können. Und diese Überzeugung kommt nicht von ungefähr.

Wer in den letzten Jahren des Krieges im Westen der Welt geboren wurde, hat immer nur die Expansion von Freiheit und noch mehr Freiheit, mehr Prosperität und Sicherheit erlebt. Es schien wie ein Naturgesetz: Diesen Jahrgängen, den zahlreichsten, gesündesten, am besten ausgebildeten - ihnen gelang einfach alles.

Das gute Leben wartet demnach nicht, wie all die Generationen davor es meinten, im Jenseits, sondern, so die zentrale Botschaft und Erfahrung dieser Generation, hier unten, auf der Erde. Gleich jetzt.

Die Menschheit hat sich in ihrer Lebenszeit, in den vergangenen sieben, acht Jahrzehnten qualitativ und quantitativ spektakulär entwickelt: Mehr Menschen leben gesünder, zufriedener als je zuvor in der Geschichte. Sicher gibt es Armut, Hunger und Ungleichheit, aber die haben ab-, nicht zugenommen. Und wo es noch etwas zu verändern, zu reformieren gibt, stehen die Menschen dieser Jahrgänge stets bereit.

Einige waren 68er gewesen, aber alle teilen die Erfahrung, dass sich die Welt nach ihren Wünschen, Plänen und Idealen formen lässt, dass nichts beim Alten bleibt, wenn man tätig an Veränderungen arbeitet. Daher lebt, wohnt, arbeitet und liebt man heute freier, flexibler und individualistischer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Klerus und Adel haben keine Macht mehr über das Leben der Vielen und auch innerhalb der Familie wird mehr diskutiert als befohlen. Das ist dieser Generation so gut gelungen, dass manche schon vom Menschenzeitalter sprechen, dem Anthropozän. Und das war die Leistung jener, die nun schon eine ganze Weile die Grenze des Rentenalters überschritten haben.

Als Führer der freien Welt wollen sie die Menschheit in eine gute Zukunft leiten

Joe Biden etwa ist ein Vertreter dieser Generation. Er verkündet seine Botschaft schon optisch: Spuren des Alters, die man früher für unvermeidlich hielt oder gar als ein Zeichen von Weisheit geschätzt hat, hat er entfernt. Die Haut glatt, der Körper fit, das Lächeln strahlend. Er und Bernie Sanders sind aus dem großen Feld der demokratischen Präsidentschaftsbewerber als Favoriten übrig geblieben, haben die jüngeren aus dem Weg geräumt. Von der Kontemplation der späten Jahre keine Spur: Als Führer der freien Welt wollen sie die Menschheit in eine gute Zukunft leiten, denn die steht ihnen ewig offen und wird immer besser als die Gegenwart.

Joe Biden: Die Haut glatt, der Körper fit, das Lächeln strahlend

Joe Biden: Die Haut glatt, der Körper fit, das Lächeln strahlend

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Das ist ihre Erfahrung der Welt und nichts wies darauf hin, dass sich das irgendwie ändern könnte. Das gute Leben wartet demnach nicht, wie all die Generationen davor es meinten, im Jenseits, sondern, so die zentrale Botschaft und Erfahrung dieser Generation, hier unten, auf der Erde. Gleich jetzt.

Die Welt hat diese expansiven Visionen, das Wachstum und die Folgen nicht immer nur gut verkraftet. Das gehört auch zur Bilanz. Die Vorwürfe der Aktivisten von Fridays for Future richteten sich daher vor allem gegen die Boomer, der Spruch "Ok, boomer" sollte darauf hinweisen: Ihr habt lang genug bestimmt, schaut euch die Erderwärmung an, nun muss etwas anderes kommen.

Nun sind all die Unterschiede aufgelöst

Dabei ist der vereinheitlichende Begriff "Generation" besonders im Fall dieser Jahrgänge mit Umsicht zu gebrauchen. Denn sie steht nicht für kollektive Zuschreibungen, sondern für die Befreiung davon - für einen fortschreitenden Individualismus, das Infragestellen von Milieus und Konventionen. Dass man gleich alt war, stand für nicht besonders viel, wenn sich Burschenschaftler und linke 68er, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Demonstranten und Polizisten begegneten.

Nun sind all die Unterschiede aufgelöst, wenn man die Gesellschaft unter der Perspektive der Pandemie und ihrer Bekämpfung betrachtet. Körpererfahrung und Virus gehen eine neue Synthese ein, plötzlich sind die geistige Beweglichkeit, die gute Verfassung oder die Fitness weniger wichtig als die zerstörerische Kraft der Krankheit. Wie bei einem vorrückenden Godzilla beobachten wir, wie Waffe um Waffe versagt. Und ausgerechnet die Generation der Macher und Manager ist dazu verurteilt, einfach zuzusehen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die Nachkriegsgeneration tut sich schwer damit einzugestehen, dass sie fortan "Risikogruppe" heißen soll. Dass sie schutzbedürftig ist, besonders anfällig - und daher nur noch eingeschränkt in der Welt tätig sein kann. Darum ist auch die empfohlene Rollenverteilung eine wirkliche soziale Umstellung, nicht nur in der Familie. Auch die demokratische Öffentlichkeit ist durch diese Jahrgänge entscheidend geprägt. In vielen Podiumsdiskussionen, Lesungen und Konzerten bilden sie die wichtigste und meinungsfreudigste Gruppe im Publikum. Und nun ist der völlige Rückzug die einzige Chance, dieses Gefüge noch zu erhalten.

Schwer vorstellbar, dass man dann zu einem Status quo ante zurückkehren kann. Zwar ist es etwa vorstellbar, dass Biden gewählt wird und als amerikanischer Präsident auch gut geschützt wird - aber er bleibt besonders verwundbar. Die heroischen Jahrgänge werden sich langfristig mit neuen Gegebenheiten arrangieren müssen.

Die Pandemie muss als das neue große Ding dastehen

Für jetzt gilt: Viel Glück denen, die versuchen, einen Rückzug aus der physischen Öffentlichkeit und die körperliche Distanzierung durch Anordnungen, Polizei oder gar die Bundeswehr zu erzwingen. Diese Jahrgänge haben seit einem halben Jahrhundert den Staat, die Willkür und die Macht herausgefordert, immer mehr Raum für subjektive Freiheit gefordert und geschaffen. So wird das nichts werden - einen Streit mit Menschen, deren jahrzehntelange Erfahrung ihnen ihr Gefühl der Unverwundbarkeit bestätigte, kann man nicht gewinnen, wenn es darum geht, diese Menschen auch zu schützen.

Wir kommen hier nur weiter, wenn der Kampf gegen die Pandemie als das neue große Ding dasteht und diese tüchtige Generation abermals gerufen wird zu helfen. Nicht von der letzten, sondern von einer neuen großen Herausforderung reden. Das Abstandhalten, Filtern der Kontakte und all die anderen Maßnahmen würdigen als ihren heute dringend benötigten Beitrag im Kampf für nichts Geringeres als eine bessere Welt, für eine bessere Zukunft für alle Menschen weltweit. Wie früher, wie immer.

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