Samira El Ouassil

Corona-Sprache Wörter wie vom Ordnungsamt

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Von »Coronafußgruß« bis »Virusdetektiv«: Die Pandemie hat neue Begriffe hervorgebracht, die zeigen, was Deutschland besonders gut kann.
Foto: urbazon / iStockphoto / Getty Images

Jedes Jahr erforscht das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim, um welche Neologismen die deutsche Sprache bereichert wurde. Das heißt, es schaut, welche neuen Wörter und sprachlichen Prägungen sich gebildet haben und zudem in den alltäglichen Gebrauch übergegangen sind. Seit März 2020 dokumentiert es daher auch, welche sprachlichen Neuerungen sich durch die Corona-Pandemie ergeben haben. Und in diesem speziellen Wörterbuch der Corona-Neologismen befinden sich inzwischen 1200 neue Wortschöpfungen in Beobachtung .

1200 Wörter – das ist enorm viel. Zum Vergleich: für die gesamten Zehnerjahre, also von 2010 bis 2019, registrierte das Institut insgesamt rund 240 Wörter, wie zum Beispiel »Woke«, »Gaslighting« oder »Dickpic«, deren Nutzung bis heute begutachtet wird, um zu erforschen, inwieweit sie sich gerade in der Allgemeinsprache etablieren, ob sie also genauso Teil der deutschen Sprache werden wie beispielsweise das Wort »Handy« .

Die Masse an Corona-Begriffen lässt sich natürlich durch die dem Deutschen eigene Bildung von Komposita erklären. Denn durch die Möglichkeit der Zusammensetzung lassen sich vielerlei Wörter mit einem »Corona-« als Präfix upgraden, wie beispielsweise im Falle der »Coronamüdigkeit« oder der »Coronaangst«. Da jedoch nur Wörter in die Sammlung aufgenommen werden, die nachweislich gebraucht werden, verdeutlicht die Menge dieser genutzten Wörter, dass offenbar alles gerade irgendwie eine »Corona«-Version von allem ist, selbst die Frisur.

Besonders beachtlich sind jedoch die Wörter, die noch spezifischer außergewöhnliche Vorkommnisse der Pandemie oder gewisse Erscheinungen einfangen wie zum Beispiel der Begriff »Hamsteritis« – oder auch mein aktuelles Lieblingswort, das ich am eigenen Leib nachempfinden kann, vor allem wenn ich lese, mit welcher Unkompliziertheit sich in Israel Menschen offenbar an der Bar oder bei Ikea immunisieren lassen können: der »Impfneid«.

Betrachtet man diese Corona-Wortschatzliste, fällt neben etlichen Bezeichnungen, die sich einer Kriegsrhetorik bedienen, eine atmosphärische Konstante auf: Die Wörter klingen, in Ermangelung einer besseren Umschreibung, oftmals sehr – deutsch.

»Doppelte Freiwilligkeit«, »Impfvordrängler«, »Distanzschlange«, »Arbeitsquarantäne«, »blaue Reise« (das sind kurze Kreuzfahrten, bei denen Corona-bedingt auf Landgänge verzichtet wird), »Unterwegsreiniger« – solche sprachlichen Perlen vermitteln in ihrer Semantik und in dem, was sie einzufangen versuchen, eine tiefere Wahrheit darüber, was die deutsche Gesellschaft gegenwärtig im Innersten zusammenhält; und sie bieten möglicherweise auch eine Antwort auf die Frage, warum gerade in der bürokratischen Organisation und in der Logistik der Pandemie – also in jenen Disziplinen, die ein ordentliches und aufgeräumtes Land wie Deutschland schnippstrebend meistern müsste – dieses gerade scheppernd daran scheitert: Wir sehen hier die Wortschöpfungskette einer Verwaltungsgesellschaft, welche besser im Kontrollieren, Reglementieren, Dokumentieren, sprich Bürokratisieren funktioniert als im Handeln.

In diesen Neologismen schwingt etwas Historisches mit, fast schon etwas Bismarck’sches, vielleicht auch etwas, das sich durch Gewissenhaftigkeitsselbstaffirmation (ich liebe das Kompositum!) sprachlich selbst legitimieren möchte.

Diese Wörter erzählen von Pflichten, von Planbarkeitswillen und Protokollen. Sie berichten von einer pedantischen Organisiertheit, welche in Zeiten von Stabilität für noch mehr Stabilität sorgt, um den Status quo zu bewahren. »Distanzprüfung«, »Kassenumhausung«, »Hustenhygiene«, »fernüberwachte Klausur«, »Infektionsampel«, »Kollateralnutzen« ist das Vokabular einer Gesellschaft, die eigentlich viel besser durch eine Pandemie navigieren müsste, als sie es tut.

Und vielleicht liegt hier genau das Problem: Diese solide Verwaltetheit, auf die sich Deutschland auch mit gewissem Ordnungsstolz etwas einbildet und damit gerne in Richtung Ausland kokettiert, ist komplett inkompatibel mit einer fluiden Krisensituation, die sofortige Anpassung gewaltsam einfordert.

Das vielleicht anschaulichste Artefakt genau dieser Diskrepanz ist das Fax. Es ist Papier gewordenes, deutsches Urvertrauen in die Funktionalität behördlicher Vorgänge. Das Fax dient, wie es das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ einmal treffend formulierte, im Grunde vor allem »zur Überprüfung, ob sich an anderen Orten ebenfalls Faxe befinden.«

In der Pandemie sind Faxgeräte nun in ihrer verlässlichen Bewährtheit genau das lächerliche Gegenteil dessen, was in einer Krise notwendig ist: die Fähigkeit zur Improvisation.

Wer noch von Faxen spricht, kann keine Corona-App denken.

Eben das, was die deutsche Gesellschaft eigentlich am besten durch die Krise hätte bringen müssen, ihre Routine mit Gegenwartsverwaltung, bremst die Abläufe und produziert Fehler wie Verzögerungen: ob bei Impfreihenfolgen , Impfstoffverfügbarkeitslogistik, Selbsttest-Zulassungsverfahren, Distribution von auf fälschungssicheren, extra in der Bundesdruckerei auf Bundesdruckereipapier gedruckten FFP2-Masken-Gutscheinen für die Abholung in der Apotheke.

Es liegt nicht am Fehlverhalten einiger, es ist nicht die Unverfügbarkeit von Wissen und Wissenschaft, wir stolpern ausgerechnet über den trivialsten Moment einer jeden Veränderung: an der Organisation dieser Anpassung. Das sind Havarien eines riesigen, demokratischen Frachtschiffs, das mit seinen Faxgeräten zu gut auf Kurs war, um vor einer dritten Welle plötzlich wendig werden zu können.

Und deswegen stand Deutschland dem eigenen Empfinden nach »am Anfang ganz gut da«, denn genau diese robuste Apparatsmasse konnte zu Beginn der Krise einiges abfangen. Aber nun, mitten in der Entropie, jetzt, wo sich die Wirklichkeit immer schneller häutet, gefährdet uns diese zuvor systemstabilisierende Trägheit.

In einer Ausnahmesituation, die vor allem Flexibilität verlangt, kommt die Anpassungsfähigkeit einer Ordnungsamtgesellschaft durch ihre eigene Organisiertheit an ihre Grenzen.

In dieser fast poetischen Wortliste sieht man, mit den 1200 Neologismen perfekt veranschaulicht, wie ein struktureller Vorteil zu einem Nachteil wurde: Die Regierung verwaltet Lösungen, sie löst nicht Probleme. Deutschland ist gerade ein Faxgerät.