Anja Rützel

Humor in Corona-Zeiten Wenn sich auch der Witz ins Private zurückzieht

In schlimmen Lagen kann Humor helfen und heilen - aber die Coronakrise ist eine neue Herausforderung. Und das liegt nicht nur daran, dass sich Lachen nicht hamstern lässt.
Das Lebensmotto unserer Autorin: "Calm Down. It's all funny."

Das Lebensmotto unserer Autorin: "Calm Down. It's all funny."

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Lina Moreno & Anja Rützel/ DER SPIEGEL

Geschlossene Gesellschaft

Was macht Corona mit dem Leben? In dieser Reihe schreiben Künstler, Autorinnen und Denker über die großen Fragen in der Krise.

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Mein erster Corona-Witz fühlte sich an wie eine tröstende Wärmflasche. Bei allen Nervenbehaltungsversuchen und Angstwegdrückübungen der vergangenen Tage hatte ich nicht gemerkt, wie fröstelig mir unterdessen gefühlsmäßig geworden war, bis mich ein alter Freund aus schon gar nicht mehr real scheinenden Zeiten anrief. Wir sprachen via Videoanruf über seine Geschäftsidee: einen zum Abstandhalter umfunktionierten Hula-Hoop-Reifen, den man sich mittels Hosenträgern anschnallen könnte, als sei man der Planet Jupiter und der Fitnesskringel der Ring um einen herum.

Anja Rützel schreibt für den SPIEGEL über die schönen Seiten des Trash-TV und Pop. Zuletzt erschien ihr Buch "Schlafende Hunde", darin beschäftigt sie sich mit Promis und ihren Haustieren. Sie lebt in Berlin.

Es war das erste Mal, dass ich in Zusammenhang mit Corona lachte. Wir wrangen aus der Idee alles aus, dachten über eine schicke Art-Deco-Variante nach, bei der von dem Ring zusätzlich stabile, goldmetallene Strahlenstäbe abgehen würden. Verschiedene Größen wären ja nach aktuell geforderten Mindestabstandsmaßen variabel an- und abschraubbar.

Es war albern. Aber wahnsinnig erleichternd.

Dass Humor in schlimmen Lagen entlastet, kurzfristig helfen und heilen kann, weiß ich schon lange, aus privaten Schlamasseln und kollektiven Desastern, und ich bin sehr dankbar dafür. In der aktuellen Corona-Bedrängnis bin ich für so etwas aber noch zu schockstarr, zu beschäftigt mit Umplanungen der doch schon so sturmfest zurechtgezurrten ersten Jahreshälfte.

Aber das ist nicht alles. Ich bin auch - völlig humorlos - zu besorgt, um mich, wie sonst für mich üblich, in den Leitsatz zu retten, der eingeprägt auf meinem Schlüsselanhänger steht: "Calm down. It's all funny."

Das ist mein Universaltrost, eine zum Spruch kondensierte Einlaufhymne, mit der ich dem Gram des Lebens in meinen besseren Phasen als erste Zerschmetterungsmaßnahme zu Leibe rücke. Das klappt nicht bei allen Dingen (und nicht zu allen Zeiten), aber immerhin bei manchen, zumindest ins Tragikomische kann ich einiges dann noch retten.

Wahrscheinlich funktioniert das mit dem Comic Relief bei mir gerade nicht, weil ich noch nicht die Regeln kenne, wie über das Coronavirus zu lachen ist. Zu viel ist noch unsicher, verändert sich immer wieder, und etwas, das man nicht fassen kann, lässt sich auch nicht zu einem Witz verschlawinern.

Darum fallen mir nicht nur keine eigenen Scherze ein, mit denen ich mir die Lage auf eine verlachbare, also weniger bedrohliche Größe schrumpfen könnte, ich kann auch - noch? - nicht recht über den Großteil des professionellen Corona-Humors der anderen lachen, den ich gelegentlich zum Beispiel auf Twitter lese.

Es ist ja auch schwer, hier den kleinsten oder besser gesagt niedrigsten noch gemeinsamen Humornenner zu finden: Wie lustig man einen potenziell auch für sich selbst tödlichen Virus findet, entscheidet eben doch jeder am besten für sich. Es ist wohl auch abhängig davon, wie viel Resilienzspeck man sich in besseren Zeiten depotmäßig angelegt hat.

Humor braucht auch immer die Einordnung und Legitimierung der anderen

Ein treffendes Bild für diese Unsicherheit waren kürzlich die ohne Studiopublikum, ohne Klatsch- und Lachkulisse komplett versandeten Fast- und Knappvorbei-Witze beim Showdebakel "Wer schläft, verliert": Humor braucht immer auch die Einordnung und die Legitimierung der anderen. Wenn dieses gemeinschaftliche Verhandeln darüber, was lustig ist und was nicht, wegfällt, bleibt nur verwaschenes Unbehagen, keine Erleichterung durch geteiltes Giggeln - auch wenn Klaas Heufer-Umlauf in einer Folge seines Podcasts "Baywatch Berlin" gerade damit kokettierte, das fehlende Publikum könnte für Spaßmacher auch ein Vorteil sein, weil sie so wieder die Hoheit darüber gewönnen, welcher Witz funktioniere und welcher eher nicht: "Ich geh jetzt aus einer Show ohne Publikum raus und hab das Gefühl: Jeder Gag hat gesessen, jeder Gag war spitze. Ich lass mir einfach nichts mehr vormachen vom Publikum. Ich entscheide, was witzig ist."

"Über harmlose Klopapierwitze lacht sich schlecht, wenn die Ausgangslage eben alles andere als harmlos ist."

Was dann freilich den Humor in die Privatisierung führt, und das passt zu einer Gefahr, die einen aus fast allen Sozialgefügen löst und wieder zum Einzelnen macht. Covid-19 ist eine Bedrohung, die für viele ungewohnte Abkapselung erfordert - für mich ist dieser Aspekt der räumlichen Abkapselung nicht neu, ich bin gern und viel allein, schon länger. Am ehesten konnte ich mich in den vergangenen Tagen darum auch über mich selbst amüsieren.

Über die neue, unbeholfene Wackelhandgeste, die ich mir statt Händeschütteln oder Umarmung angewöhnt habe, eine Mischung aus dem huldvollen Handgelenksdreher der Queen und einem täppischen Teletubbie-Winke-Winke.

Über meine hart am "Väter der Klamotte"-Klamauk  schrappenden Umkurvungsversuche bei nicht zu vermeidendem Außenkontakt mit distanzlosen Menschen, über unfreiwillig bei Video-Calls ins Bild ragende Interieur-Debakel und über den Umstand, dass ich bei einer Online-Käsebestellung mengenmäßig ein bisschen die Nerven verlor - und nun wohl wochenlang jeden Abend Gorgonzola-Appenzeller-Käseplatte essen kann.

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Im Gegensatz zu Milchprodukten lässt sich Humor allerdings nicht zumindest für einige Tage hamstern, er muss frisch komponiert und heiß konsumiert werden. In dieser Woche liefen im Fernsehen die ersten Comedian-Annäherungen an die Corona-Quarantäne - meine ohnehin schon überschaubare Hoffnung, dass sie ein passendes Ventil finden würden, um all die Unsicherheit, Genervtheit und Angst dieser Zeit zumindest für ein Weilchen zu mildern, wurde nicht erfüllt. Über harmlose Klopapierwitze lacht sich schlecht, wenn die Ausgangslage eben alles andere als harmlos ist.

Es bleibt uns aber, auch verschanzt in unseren Wohnungen, immer noch die Möglichkeit, alte Freunde mit einem Videoanruf zu überraschen. Und ihnen vielleicht vorzuführen, wie ulkig wir auf der Straße jetzt immer von ferne Bekannte grüßen. Albernheit kann uns zwar nicht heilen, aber vielleicht ja doch ganz kurz retten.