Samira El Ouassil

Corona-Kritiker Mit Geisterdebatten gegen das Virus

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Selbstverständlich darf man die Corona-Maßnahmen hinterfragen, auch wenn man keine Ahnung von der Materie hat. Aber könnte man dann nicht auch gleich die eigene Pose der Alles-Kritik hinterfragen?
Alle da? Dann kann die Geisterdebatte beginnen.

Alle da? Dann kann die Geisterdebatte beginnen.

Foto: Oleg Prikhodko/ Cimmerian/ Getty Images

Die verschnupften Reaktionen auf die wegwischende Power-Vokabel "Öffnungsdiskussionsorgien" der Kanzlerin, welche mit ihrem augenrollenden Unterton sicherlich in erster Linie an die Landesminister gerichtet war, ist prototypisch für eine Art von Diskursverschiebung, die aufgrund kommunikativer Hilflosigkeit entsteht. Dieses Phänomen ist nicht neu: sobald die Dinge komplex werden, ist es befriedigender, sich über den Stil einer Kritik aufzuregen, als sich mit der Kritik selbst auseinanderzusetzen. Wir kennen das von der ästhetischen Beurteilung im Falle der politischen Kommunikation über die "Fridays for Future"-Demonstranten. Nicht das WAS wird debattiert, sondern das im Vergleich zur Dringlichkeit des Themas unwichtigere WIE. Neben Verdrängung und Trial and Error bleibt Trivialisierung eine der beliebtesten Formen von Komplexitätsreduktion. 

Der rhetorische Gangbang um die Verwendung des Wortes "Öffnungsdiskussionsorgie", und die empörten Reaktionen auf die darin enthaltene unterschwellige Kritik kristallisierten jedoch eine andere Form von Circle-Jerk, den wir gerade bei einigen Kommentatoren beobachten können. Es handelt sich dabei um ein grundsätzliches Problem unserer demokratischen Diskurse seit Beginn der Coronakrise: Wie ist politisches Debattieren während einer Pandemie überhaupt möglich? Beziehungsweise: Wie kann man politisch über medizinische Tatsachen diskutieren? Die kurze Antwort wäre: eigentlich gar nicht so richtig, was aber, wichtig!, nicht bedeutet, dass man es nicht versuchen sollte. Die längere Antwort fördert zwei Probleme zutage.

  • Das Erste ist, dass die unterschiedlichen Diskursteilnehmer aus Politik, Wissenschaft, Recht oder Wirtschaft alle mit unterschiedlichen Währungen handeln, die miteinander teilweise inkompatibel sind:

Die Wissenschaft interessiert sich bei der Suche nach Erkenntnissen für wahre oder falsche Fakten; Politiker wie Merkel, Laschet oder Söder interessieren sich nicht nur für Fakten und Lösungen, sondern auch für Stimmungen und politischen Machterhalt, die mit ihren Entscheidungen einhergehen. Gesellschaftspolitisch stellen sich Fragen zu unseren Freiheitsrechten, Journalisten kommunizieren dementsprechend in den Parametern Recht und Unrecht. Für Virologen ist die politische Macht oder individuelle Freiheit jedoch keine relevante Größe, wenn es um die Eindämmung einer Pandemie geht. 

  • Das zweite Problem liegt in der Natur der Pandemie selbst, die ähnlich wie der Klimawandel unsere Vorstellungen von Raum und Zeit derart übersteigt, dass wir sie geistig nicht wirklich fassen, sondern nur in einem metaphysischen Sinne ergründen können.

Der amerikanische Hochschullehrer und Ökologie-Philosoph Timothy Morton hat für den Klimawandel deswegen den Begriff des "Hyperobjekts" etabliert, der etwas Allumfassendes meint, das so groß ist, dass wir es in seiner Gesamtheit nicht wahrnehmen können. Wir selbst sind Teil davon, weshalb wir immer nur einzelne Aspekte begreifen können, was die Problembewältigung so vertrackt macht, weil wir nicht erkennen können, wofür wir eigentlich Verantwortung übernehmen sollen.

Dieser Begriff lässt sich vor allem in seiner zeitlichen Dimension auf die Pandemie anwenden. Wir können immer nur die Auswirkungen des Coronavirus wahrnehmen und das auch nur zeitversetzt. Was daraus folgt, bringt ein Satz des Virologen Christian Drosten auf den Punkt: "There is no glory in prevention" - eben weil man, wenn man in der Prävention alles richtig macht, gar nicht sehen wird, was passiert wäre, hätte man es anders gemacht. 

Diese beiden Diskurserschwerer führen zu Geisterdebatten. Ähnlich wie Geisterflüge, die mit leeren Flugzeugen durch die Gegend fliegen, nur um ihre Slots nicht zu verlieren, führen wir Geisterdebatten, um sicherzugehen, dass die Demokratie im Ausnahmezustand noch funktioniert. Statt die wissenschaftlichen Gegebenheiten stoisch zu akzeptieren, wirft man sich in die kritische Gegenpose, um zumindest publizistisch Widerstand gegen das Virus leisten zu können, in Form einer mediatisierten Performance der Debattenfreiheit - als ob gegen Covid-19 anzudiskutieren, eine Lösung brächte und nicht nur eine Lösungsfindung inszeniert. Das geschieht gerade, vor allem dann, wenn es darum geht, die Freiheit des Einzelnen der kollektiven Sicherheit gegenüberzustellen.

Die politische Auseinandersetzung kommt hier an die Grenzen ihrer eigenen Kohärenz und Sinnhaftigkeit; und weil man eben nur schwer gegen eine epidemiologische Realität polemisieren kann, muss man sich auf Diskursfelder zurückziehen, auf welchen man noch eine Chance hat, argumentativ zu gewinnen, in dem man etwa so tut, als sei die Meinungsäußerung in Gefahr. Nach dem Motto: Wenn man mich schon in meiner räumlichen Freiheit einschränken will, dann kompensiere ich das durch sendungsbewusstes Testen meiner Meinungsfreiheit.

Genau deshalb muss man sie vielleicht auch aushalten: damit auf gar keinen Fall auch nur der leiseste Verdacht der Einschränkung unseres demokratischen Rechts auf Meinungsfreiheit aufkommen und Lindner wieder einen Maulkorb herbeifürchten kann.

Es ist zudem publizistische Frustabfuhr: Der Versuch, trotz mangelnder Expertise im diskursiven Vakuum dennoch irgendwie einen Aufschlag zu platzieren. Und sei es das gute alte "Man wird doch mal fragen dürfen".

Das ist gern mal anstrengend in seiner vorprogrammierten Ziellosigkeit, manchmal auch ärgerlich, weil kontraproduktiv, wenn es zum Leichtsinn verführt oder falsche Hoffnungen weckt, und kann in Anbetracht der politischen und medizinischen Bestrebungen zynisch wirken oder aber wie Hybris. Die hobbyvirologische Antipose hat etwas beeindruckend Selbstüberschätzendes, auch wenn mit der eigenen Unwissenheit kokettiert wird, weil es in der Medienlogik offenbar immer noch besser ist zu sagen, dass man zwar keine Ahnung hat, aber dezidiert dagegen ist, als gar nicht zu senden.

Wenn Kolumnisten sich über die Experten-Verehrung wundern und noch bessere Argumente fordern, als die schnöden Empfehlungen des RKI, dann unterstellt das aber Menschen, die Naturwissenschaftlern mehr vertrauen als Kommentatoren, auf abschätzige Art auch eine enorme Naivität.

Dabei kann man den Bürgern in den derzeitigen Hierarchien der Diskursfelder nicht absprechen, intuitiv der Naturwissenschaft am genauesten zuhören zu wollen. Am Ende ist das Einzige, was verhindert, dass wir krank werden, erstens, tja, nicht krank zu werden, und zweitens ein Impfstoff.

Weder diese Kolumne, noch ein Podcast, noch ein geöffnetes Möbelhaus werden uns heilen können, wenn wir infiziert sind. Auch wenn Politik und Medien aus richtigen Gründen auf das Thema Freiheit pochen, nutzt diese nobel verteidigte Freiheit nichts, wenn alle krank sind. Es ist also bei aller kommunikativen Inkompatibilität der Felder am Ende auch ein Ringen um die Diskurshoheit über die Frage, welche Freiheit die wichtigste sei. Je nach Absender der Frage kann sie sich in eine andere verwandeln: Wessen Freiheit ist die wichtigere?

Wenn also kluge Geister "Dinge hinterfragen", dann wünscht man sich, dass sie eben auch ihre eigene Haltung des "Dinge Hinterfragens" etwas mehr hinterfragen.