Sibylle Berg

Lehren aus Corona Ich hoffe wieder

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Auch wenn manche die Pandemie zum Geldmachen genutzt haben – ich mag den meisten Politikerinnen, Politikern und Privatmenschen nur eines unterstellen: Unwissen. Und gerade deshalb freue ich mich auf 2021.
Foto: Natalia Klenova / EyeEm / Getty Images

Herzlich willkommen im neuen Jahr. Ich bin noch da. Und Sie hoffentlich auch.

Alle voller Hoffnung? Im Zweifel darauf, dass es besser wird. Der Motor der Menschheit, das Versprechen des Kapitalismus »Alles wird immer besser« hat gerade Pause. Das bekommt vielen Menschen schlecht. Eigentlich paradox, denn Hoffnung bedeutet ja nichts anderes, als auf Veränderung zu warten, und nichts anderes tun wir gerade kollektiv.

Nebenher beobachten die meisten, wie die Märkte nichts regeln, die Wirtschafts-/Nationalliberalen in ihren eignen Widersprüchen ertrinken, beobachten, wie einige Kapitalisten in der Krise obszön reich werden, während ein Großteil der Menschen verarmt. (Neu ist das Prinzip auch nicht. Man nennt es Kriegsgewinnler.)

Der Rest wartet auf das Recht, seine Arbeitskraft zu verkaufen, zu konsumieren und zu funktionieren. Im Moment funktionieren die meisten nicht. Und fragen sich.

Sibylle Berg
Foto:

Joseph Strauch

Sibylle Berg ist Schriftstellerin und Dramatikerin. 2019 erschien der erste Teil einer Buch-Trilogie :»GRM. Brainfuck« .
Der zweite Teil mit dem Titel »RCE«  wird am 5. Mai 2022 erscheinen.
Sibylle Berg erhielt u.a. den Schweizer Buchpreis, den grand prix literatur, den Bertolt-Brecht-Preis und den Nestroy Theaterpreis.

Aber: Die meisten wissen – nichts. Das ist die traurige Nachricht. Alle Regierungen weltweit bestehen aus mehr oder weniger intelligenten Menschen, und sie sind mehr oder weniger mit der Pandemie überfordert, wie wir alle. Ich unterstelle den meisten PolitikerInnen, dass sie das Beste für die Bevölkerung wollen, denn wenn alle bankrott und/oder tot sind, wirkt sich das negativ auf die Wiederwahl aus.

Ich unterstelle den meisten Menschen, dass sie das Sterben anderer nicht gleichgültig in Kauf nehmen, sondern dass sie, nachdem sie an sich gedacht haben, auch an andere denken. Ich unterstelle auch Menschen, die jetzt nach Wahrheiten suchen und im Netz auf Vitamin D und auf Checker-Osteopathen stoßen, die ihnen Hoffnung geben, keine böse Absicht, sondern einfach – Verzweiflung.

Doch sosehr die Vielen auch nach Begründungen suchen für ihren Aufenthalt auf der Erde, ihrem Lebensentwurf, sosehr sie daran glauben mögen, dass es ein höheres Wesen gibt, das die Welt lenkt. Oder dass ausgerechnet ihr Geburtsort, ihr Beruf, ihr Sein sich vor anderen auszeichnet oder die Seuche ein Konstrukt des Bösen ist, ist es nicht so. Es ist Pech, dass es eine Pandemie gibt. Und es ist Gier, die das Gesundheitssystem in den westlichen Ländern privatisiert und gewinnorientiert wirtschaften  lässt. Es ist Zufall, dass wir leben und wie lange und wo oft auch.

Ich bin irgendwann ausgestiegen. Aus der Analyse der Impfstoffe, des Codes  oder der Virologen-Battle.

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Sibylle Berg

GRM: Brainfuck. Roman

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 640
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Preisabfragezeitpunkt

01.02.2023 22.32 Uhr

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Großartig, dass Wissenschaft so breitenwirksam war wie noch nie. Großartig, dass wir Impfstoffe haben, deren Zusammensetzung keiner versteht, was auch nicht die Aufgabe ist. Für so etwas wurden Studiengänge errichtet.

Ich suche ab sofort nur noch nach Ideen, wie die Gesellschaften besser werden könnten. Und das System zu überdenken bedeutet nicht die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Menschheit erfindet Nanoroboter und die CRISPR-Schere und hat nur die Wahl zwischen zwei aktuellen Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen auf die Reihe bekommen? Gerade bewegen wir uns auf eine neue Art des Feudalismus zu, das wäre dann immerhin eine interessante Retromode.  

Ich hoffe wieder. Dass es vielleicht doch irgendeinen Vorteil hatte, dass gerade so viele neoliberale Strohmänner und Diktatoren an sich scheitern. 

Wie lächerlich ein Donald Trump oder ein Herr Merz im Vergleich zu diesem Studenten wirkt, der die Welt retten will .

Ich glaube, dass Regierungen das sind, was man wählt, und Kapitalisten die Macht haben, die man ihnen gibt. Und dass viele Menschen in der großartigen Lage sind, ihr Leben angenehmer zu gestalten als bis jetzt. Und vielleicht ein bisschen die Welt zu retten, statt Leuten zu folgen, die mit der Angst des Einzelnen Geschäfte machen wollen. Ich wünsche Ihnen wirklich allen ein besseres neues Jahr. Außer den Faschisten. Normal.

PS: Hier noch eine kleine Dosis Anarchie  für das wunderbare neue Jahr. 

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