Stefanie Schüler-Springorum

Corona-Leugnung und Antisemitismus Warum Verschwörung? Warum die Juden?

Stefanie Schüler-Springorum
Ein Gastbeitrag von Stefanie Schüler-Springorum
Ein Gastbeitrag von Stefanie Schüler-Springorum
Gerade noch schienen die Bekannten nett und harmlos, plötzlich beschicken sie einen mit Corona-Verschwörungsvideos. Ist solches Verhalten neu? Nein. Und gefährlich? Hoffentlich nicht.
Plakat bei Demonstration vor dem Reichstag in Berlin, 9. Mai 2020: "Wenn das Narrativ einmal steht, ist es egal, ob Bill Gates Jude ist oder nicht."

Plakat bei Demonstration vor dem Reichstag in Berlin, 9. Mai 2020: "Wenn das Narrativ einmal steht, ist es egal, ob Bill Gates Jude ist oder nicht."

Foto: Christophe Gateau/ picture alliance/ dpa

Es geht in diesen Tagen vielen so: Die nette Freundin aus dem Volleyballverein, der geistig immer noch so rege Großonkel, die hilfsbereite Mutter aus der Kita-Gruppe, der eloquente Kollege von der anderen Uni - bisher sozial völlig unauffällige Mitmenschen scheinen sich in kürzester Zeit in leicht wahnhafte Verschwörungsideologen verwandelt zu haben, die einem, ob man will oder nicht, raunend, wütend oder augenrollend die WAHREN GRÜNDE hinter der Coronakrise enthüllen und dieses exklusive Wissen dann gern mittels obskurer Websites, Videos oder Experteninterviews belegen. Wenn dann auch noch ein veritabler deutscher Kardinal seiner Sorge vor einer drohenden Weltregierung, die "Jahrhunderte christlicher Zivilisation" auslöschen wolle, per Unterschrift Ausdruck verleiht, spätestens dann ist der Punkt erreicht, an dem man als Historikerin tief durchatmen muss.

Was passiert da gerade? Warum? Und vor allem: Wie schlimm ist es wirklich?

Aus historischer Perspektive fällt die Antwort leicht: Verschwörungsfantasien - das anspruchsvolle Wort "Theorie" sollte man ihnen nicht gönnen - sind uralt, sie tauchen besonders gern im Umfeld von Krankheiten auf und richten sich in der westlichen Welt fast immer gegen Juden, die als religiöse Minderheit besonders angreifbar waren. Man könnte sogar sagen, dass antijüdisches Denken spätestens seit dem Mittelalter immer eine Verschwörungskomponente beinhaltet. Hinter allem stand letztlich der Feind, das Böse schlechthin, der Teufel, als dessen Handlanger sich "die Juden" als Gruppe verbündeten, um, damals, dem Christentum zu schaden. Dieses Ziel ließ sich auf vielfältige Weise erreichen, besonders beliebt aber waren (und sind) die unsichtbaren Methoden: Jüdische Ärzte, die ihren Königen tödliche Medizin verabreichten, Juden, die Brunnen vergifteten und damit Seuchen über Europa brachten, und allerlei jüdische "undercover" Agenten, die unerkannt ihre üblen Machenschaften betrieben und sich dafür in geheimen Absprachen koordinierten, Pläne verfassten und Briefe schrieben. All diese Märchengestalten bevölkerten das historische Wissen der Christenheit schon lange. Durch die Erfindung des Buchdrucks aber konnten nun "Beweise" vorgelegt und vervielfältigt werden, die fortan und bis ins 20. Jahrhundert hinein die Runde machten, wie zum Beispiel die angebliche Korrespondenz zwischen den Juden Spaniens und Konstantinopels mit dem Ziel der Zerstörung des katholischen Landes, ein früher Vorläufer der "Protokolle der Weisen von Zion".

Damals Angst vor dem Teufel, heute Freude am Tabubruch

Wie man sieht, sind antisemitische Verschwörungsvorstellungen mindestens ein Phänomen der Vormoderne und spätere Jahrhunderte haben wenig Originelles dazu beigetragen: Immer geht es darum, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen und einfache Erklärungen zu finden für Bedrohungen, für Leid und Ohnmacht, eingebildet oder echt. Denn wenn man erfährt, dass dahinter "eigentlich" geheime starke Mächte stehen, dann ist man zum einen nicht selbst verantwortlich - durch ein sündiges Leben damals, als Profiteur der Globalisierung heute - und man hat zum anderen einen Schuldigen, einen klaren Feind, den man mit all dem angestauten Unmut bekämpfen kann. Einen gewichtigen Unterschied zum 16. Jahrhundert gibt es allerdings schon: Damals hatten die Menschen wirklich Angst vor dem Teufel, heute scheint sich bei den Verschwörungskonsumenten auch eine gewisse Freude am Grusel darunter zu mischen, die Lust am Tabubruch und das Gefühl, es besser zu wissen als andere, zu einer kleinen Gruppe von Auserwählten zu gehören, die eben wirklich durchblickt.

Dass dies alles sich in Zeiten der Pandemie Bahn bricht, scheint wenig erstaunlich, sind wir es doch gar nicht mehr gewöhnt, Ambivalenzen auszuhalten, Kontingenz zu ertragen, mit einer - kurzfristig - unplanbaren Zukunft klarzukommen, überhaupt zu erleben, dass etwas passiert, mit dem wir nicht gerechnet haben und von dem wir nicht wissen, wie es ausgeht. Es bleibt jedoch die Frage, wie gefährlich dieser neue Verschwörungsboom denn nun ist. Müssen wir uns wirklich wegen ein paar Tausend Demonstranten Sorgen machen, während doch zugleich die Zustimmungsraten zur Regierungspolitik unvergleichlich hoch sind? Ist so viel Aufmerksamkeit nicht vielleicht auch kontraproduktiv, wirkt eher als Brandbeschleuniger? Was wirklich beunruhigt, ist der sogenannte Querfront-Effekt, die Tatsache, dass sich hier Faschisten und Impfgegner, FDP-Politiker und Klimaschützer zusammenfinden, um gegen "die Regierung" und "die Experten" zu schwadronieren. Denn nichts eignet sich besser, um derart divergente Interessen zusammenzuhalten, als ein mächtiger Gegner, der unerkannt hinter den Kulissen agiert oder aber als verkleideter Gutmensch daherkommt. Anders gesagt: Wenn das Narrativ einmal steht, ist es egal, ob Bill Gates Jude ist oder nicht, in den Augen der Verschwörungsfachleute ist er das sowieso.

Um es klar zu sagen: Die Volleyballerin, der Großonkel, die Mutter und der Kollege - das alles sind nicht gleich Antisemiten. Wenn sie aber weiterhin in diesen trüben Gewässern fischen, dann erscheint der eine oder andere Gedanke am Ende doch plausibel, bleibt hier oder da ein kleiner Verdacht zurück, der sich später leicht reaktivieren lässt. Es sind eben leider wenig Fälle bekannt, wo sich Antisemiten wieder zurückentwickeln. Und was hilft? Konsequentes argumentatives Dagegenhalten, was bleibt einem schon anderes übrig. Aber vielleicht auch hier und da gerade das Gegenteil: Nicht immer ernst nehmen, sondern auf die Kraft der Lächerlichkeit vertrauen, wie sie in den Tweets der wunderbar anarchischen Social Media Abteilung der Berliner Verkehrsbetriebe gerade praktiziert wird. Mein persönlicher Favorit stammt vom 7. Mai: "Gute Nachrichten! Bereits gekaufte Tickets behalten auch nach der Machtübernahme der Neuen Weltordnung am 15.5. ihre Gültigkeit".