Margarete Stokowski

Die Argumente der Lockdown-Lockerer Ist ja nur das Leben

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wolfgang Schäuble sagt, im Grundgesetz stehe der Schutz des Lebens nicht über allem. Mit Blick auf die Menschenwürde drängen manche auf eine Lockerung der Maßnahmen - dabei waren die doch vergleichsweise harmlos.
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble

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Bernd von Jutrczenka/ DPA

Ganz am Anfang, als das Coronavirus begann, sich in Deutschland auszubreiten, gab es nicht wenige Leute, die fanden, man bräuchte keine Kontaktbeschränkungen und sonstigen Regelungen, weil ja angeblich "eh nur paar Alte und Kranke" sterben würden, als wären die weniger wert. Mit der Zeit verbreitete sich dann aber doch die Ansicht, dass ein paar Schutzmaßnahmen ganz gut wären.

Anfang April fand mehr als die Hälfte in einer repräsentativen Befragung, die Maßnahmen der Politik zur Bekämpfung der Pandemie seien richtig, ein knappes Drittel fand sie zu lasch, und nur 15 Prozent fanden, die Regeln seien übertrieben. Heute, knapp vier Wochen später, ist mehr als die Hälfte der Deutschen für Lockerungen . Nur eine Minderheit von 30 Prozent findet die aktuellen Lockerungen zu schnell.

Nun ist es aber so, dass alle ernst zu nehmenden Expertinnen und Experten davor warnen, dass das Runterfahren der Schutzmaßnahmen zu einer zweiten Infektionswelle führen könnte. Sie erklären, dass wir jetzt nicht so tun sollten, "als ob das Problem überwunden wäre" (Lars Schaade, Mediziner und Vizepräsident des Robert Koch-Instituts). Sie sagen, dass Deutschland bisher einen Vorsprung gegenüber anderen Ländern hatte, weil hier früh Maßnahmen getroffen wurden , und "dass wir gerade dabei sind, diesen Vorsprung (...) vielleicht komplett zu verspielen" (Christian Drosten, Virologe). Sie beschreiben, wie lange es noch dauern wird, bis die Epidemie wirklich vorbei ist : "Bis zum Impfstoff müssen wir durchhalten" (Mai Thi Nguyen-Kim, Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin). Es gibt Texte, Videos, Podcasts ohne Ende, in denen das erklärt wird .

Da ist man dann doch gespannt auf die Argumente, mit denen nun für die Lockerungen des Lockdowns plädiert wird - mal abgesehen von einem diffusen "Heil den Märkten!". Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat hierzu dem "Tagesspiegel" ein bemerkenswertes Interview  gegeben. Natürlich verteidigt er den Beschluss der Regierung, das zieht einem jetzt nicht direkt die Schuhe aus, aber interessant ist, wie er es tut: "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen."

Schäubles edgy Einschätzung

Es klingt natürlich immer erst mal gut, mit dem Grundgesetz und der Würde des Menschen zu argumentieren, aber... dafür, dass der Schutz des Lebens nicht über allem steht? Wenn man weiß, dass die Lockerungen des Lockdowns wahrscheinlich dazu führen werden, dass Menschen sich zu riskant verhalten - und das ist keine allzu wilde Hypothese, denn die Reproduktionszahl ist nun wieder angestiegen und liegt bei 1 , obwohl sie eigentlich drunter liegen sollte, damit alles klappt -, dann kann man sich jetzt schon ausrechnen, dass es weitere Todesfälle geben wird, die vermeidbar gewesen  wären.

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Wenn man das Grundgesetz weiterliest als nur bis zum ersten Satz, dann steht  da relativ bald: "Jeder hat das Recht auf Leben" - das weiß Schäuble natürlich, und er hat auch eine edgy Einschätzung dazu parat. Der "Tagesspiegel" fragt, ob die Tatsache, dass der Schutz des Lebens nicht über allem stünde, heißt, dass man in Kauf nehmen muss, dass Menschen an Corona sterben. Schäuble: "Der Staat muss für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. Aber Menschen werden weiter auch an Corona sterben. Sehen Sie: Mit allen Vorbelastungen und bei meinem Alter bin ich Hochrisikogruppe. Meine Angst ist aber begrenzt. Wir sterben alle. Und ich finde, Jüngere haben eigentlich ein viel größeres Risiko als ich. Mein natürliches Lebensende ist nämlich ein bisschen näher."

Ein Politiker, der mitten in einer Pandemie mit demonstrativer Lässigkeit erklärt, dass wir eh alle sterben müssen - ich meine, diese Tatsache ist den meisten Leuten bekannt, aber wie gut hat er sich das überlegt? Es ist eine Sache, dem eigenen Tod mit Gelassenheit entgegenzublicken, aber dann doch eine ziemlich andere, das beim vermeidbaren Tod anderer Menschen zu tun.

Sollte man nicht prinzipiell jedes Argument, in dem die Feststellung vorkommt, dass Menschen sowieso sterben, verdächtig finden? Wäre es auch akzeptabel, das in der nächsten Abtreibungsdiskussion zu bringen, wenn es um den Schutz des ungeborenen Lebens geht - "Sehen Sie, wir sterben alle", fertig? Kleine Polemik am Rande, aber im Ernst: Dass es die Würde ist und nicht das Leben, das an oberster Stelle stehen sollte, was ist das für ein Argument?

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Es ist ohnehin nicht ausgemacht, dass es nur einen obersten ethischen Wert geben darf, der für politische Entscheidungen maßgeblich sein sollte, aber abgesehen davon: Es ist also ein Leben ohne Würde - und damit undenkbar -, wenn Menschen ein paar Monate keine Topfpflanzen, Schuhe und Autos kaufen, nicht zum Friseur können oder keine Rutsche runterrutschen dürfen, aber es ist okay, den Tod von vorerkrankten und alten Menschen in Kauf zu nehmen, weil die ja eh irgendwann sterben würden?

Es ist nicht so, dass mich das wirklich wundert. Dass im Kapitalismus das Leben der Einzelnen nicht so wichtig ist, wenn es darum geht, Profite zu sichern, wusste man vorher schon . Unangenehm ist, wie explizit davon ausgegangen wird, dass ein paar Leute jetzt wohl geopfert werden müssen. Nicht alle machen das ganz so explizit wie der amerikanische Vizegouverneur Dan Patrick, der diskutieren wollte, ob die Älteren sich für die Wirtschaft opfern sollten.

Populismus und Pandemie

Ob für die Wirtschaft oder das, was einige für Demokratie und Freiheit halten - manchen scheint klar zu sein, dass es jetzt nicht darum gehen kann, die Sache solidarisch durchzustehen, sondern lieber so zu tun als wäre es möglich, Risikogruppen zu schützen und für den Rest ansonsten alles beim Alten zu lassen. "Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei Covid-19 um eine Krankheit, die eine Minderheit der Menschen ernsthaft bedroht. Die Politik hat beschlossen, zugunsten dieser Minderheit der Mehrheit sehr schwere Lasten aufzubürden", schrieb Jakob Augstein vor ein paar Wochen, und da klingt leider auch durch: Minderheiten - who the fuck cares?

Auch: "sehr schwere Lasten" - keine Frage, für viele ist der Lockdown ein außerordentliches Problem, viele Eltern etwa sind am Rande ihrer Kräfte . Aber die jetzigen Lockerungen haben ja gar nicht zuallererst diejenigen im Blick, die in den letzten Wochen besonders gelitten haben, oder warum genau bräuchten die jetzt geöffnete Autohäuser und Shoppingmalls?

Der Lockdown in Deutschland war im Vergleich zu anderen Ländern eine absolute Babyversion von dem, was möglich ist, und doch tun jetzt auffällig viele Menschen so, als hätten sie zehn Jahre in einem fensterlosen Bunker ausharren müssen und sich von ihren Fußnägeln ernährt. "Ich will mein Leben zurück", brüllen die Demonstranten auf diesen komplett dubiosen Kundgebungen, die hauptsächlich aus Verschwörungstheoretikern, Impfgegnern, Nazis und sonstigen für Populismus und Esoterik Anfälligen zu bestehen scheinen.

Nur: Manche hätten gern ihr Leben nicht nur zurück, sondern würden es auch gern behalten. In der "taz" schrieb Frédéric Valin , der als Autor und Pflegekraft arbeitet: "Es scheint, als sei die Selbstlüge, man werde schon nicht schwer getroffen, zentral für die mentale Gesundheit. (...) Die Gewissheit der vielen, dass immer die anderen sterben, ist auch eine selbsterfüllende Prophezeiung."

Auch die Berliner Demonstranten beziehen sich aufs Grundgesetz, genau wie dieser groteske Prominenten-Aufruf "Raus aus dem Lockdown - so rasch wie möglich", der auch noch die bereits vielfach entkräftete These wiederholt, Corona sei ja eh nur so schlimm wie Grippe. Was ist das? Der Versuch, sich als eine Art Anti-Drosten zu etablieren und das Volk wie ein wirtschaftsnaher Messias aus dem Lockdown zu führen? Populismus und Pandemie, ein match made in hell.

Die Bundesregierung schaltet derweil Onlineanzeigen, in denen steht: "Jetzt zählt das Wir." - Dieses "Wir", welches ist das genau? Das "Wir, die wir es vielleicht tragisch finden, wenn alle jetzt wieder rausrennen und es jetzt doch mehr Todesfälle gibt, aber hey, guck mal, ein offenes Einkaufszentrum!"? Ist das ganz sicher das "Wir", das wir sein wollen?

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