Margarete Stokowski

Maskenpflicht und Impfnachweise Das Kontrolldilemma

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wie können Coronaregeln überprüft werden – und von wem? Die Antwort ist schwierig. Sie darf auf jeden Fall nicht darin bestehen, auf Menschen zu schimpfen, die für Mindestlöhne stressige Jobs machen.
FFP2-Maske: Auf wessen Rücken will man diesen Kampf austragen?

FFP2-Maske: Auf wessen Rücken will man diesen Kampf austragen?

Foto: Lightspruch / iStockphoto / Getty Images

Wahrscheinlich gibt es keinen einzigen Menschen, der in dieser Pandemie alles richtig macht. Manche gönnen sich etwas zu viele Sozialkontakte, manche tragen die Maske falsch, manche waschen sich nicht mehr richtig die Hände und manche ignorieren gleich sämtliche Maßnahmen. Es gibt aber natürlich auch diejenigen, die zumindest versuchen, alles richtigzumachen, und manchmal geht das ein bisschen schief: Spätestens in dem Moment, in dem man eine Verkäuferin, einen Kellner, eine Kartenabreißerin im Kino dafür anpflaumt, dass sie oder er nicht die Impfnachweise oder Masken kontrolliert, macht man es nicht mehr ganz richtig.

Es ist ein Dilemma, das wir der aggressiven Minderheit der Coronaleugner*innen und Impfverweigerer*innen zu verdanken haben: Alle wollen, dass die Pandemie zu Ende geht, und dafür wäre es nötig, an möglichst vielen öffentlichen Orten Masken zu tragen, die 2G- oder 2G-plus- oder 3G-Nachweise zu kontrollieren – aber diejenigen, die das kontrollieren, werden mitunter angegriffen .

Ein paar Nachrichten aus den vergangenen Wochen und Monaten: Ein Mann, der in einem Aldi-Markt keine Maske aufsetzen wollte, brach einer Angestellten die Nase und riss einer anderen ein Büschel Haare aus. Ein Mann, der in einem ICE keine Maske tragen wollte, warf eine Glasflasche und Steine auf einen Zugbegleiter. Eine Frau, die im Dortmunder Hauptbahnhof keine Maske tragen wollte, griff gemeinsam mit ihrem Mann, der die Maske unter der Nase trug, die kontrollierenden Polizisten mit Schlägen und Tritten an. Bei einer Berliner Privatparty, an der Ungeimpfte teilnahmen, kontrollierte die Polizei, dabei wurde ein Polizist angegriffen und erlitt Knochenbrüche. Ebenfalls in Berlin: Ein 50-jähriger Mann war mit der Straßenbahn unterwegs und erinnerte drei andere Fahrgäste an die Maskenpflicht. Einer von ihnen schlug und trat auf den Mann ein. Er kam mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus.

Wie viel Kontrolle ist genug?

Und dann natürlich der Mord in Idar-Oberstein: Ein 20-jähriger Student, der an einer Tankstelle arbeitete, wurde nach einem Streit über die Maskenpflicht von einem 49-Jährigen erschossen. An einer anderen Tankstelle, in Regensburg, weigerte sich ein Mann, sich zum Bezahlen die Maske aufzusetzen und versuchte dann, den Tankwart zu überfahren.

Das sind nur ein paar Meldungen aus der letzten Zeit, es gibt natürlich wesentlich mehr Vorfälle. Manchmal sind es Serviceangestellte, manchmal Leute vom Ordnungsamt oder von der Polizei, manchmal Privatpersonen, die beleidigt oder angegriffen werden, weil sie andere auf Hygieneregeln hinweisen.

Obwohl inzwischen recht bekannt ist, dass diese Dinge passieren, gibt es immer wieder Menschen, die sich beschweren, dass nicht genügend kontrolliert wird, egal ob Impfnachweise oder Masken. Einerseits ist es verständlich, dass Leute wollen, dass die Regeln eingehalten werden. Andererseits: Auf wessen Rücken will man diesen Kampf austragen? Es muss notwendigerweise schiefgehen, wenn die Coronapolitik so funktioniert, dass Einzelpersonen, die nicht dafür geschult sind, plötzlich die Verantwortung dafür tragen, dass Leute sich vernünftig verhalten.

Es klingt wie: »Belohnt mich mit dem wohligen Gefühl, bei einer Kontrolle meinen Boosternachweis zeigen zu können.«

Wenn Leute, die in der Gastronomie, in Kinos, am Einlass in Kultureinrichtungen oder im Einzelhandel arbeiten, zusätzlich zu ihren normalen Aufgaben auch noch die Einhaltung der Coronaregeln aufgelastet bekommen, dann sind sie einem erhöhten Risiko ausgesetzt, beleidigt oder körperlich angegriffen zu werden. Security-Personal mag für Konfliktfälle geschult sein, die Polizei ist es theoretisch auch – aber alle anderen? Die meist eh schon schlecht bezahlt werden?

Wenn Leute, die geimpft und getestet irgendwo hingehen, wo das eine Voraussetzung ist, und dann nicht kontrolliert werden und sich hinterher beschweren, ob in Gesprächen oder in sozialen Medien, dann hat das oft einen eigenartigen Unterton. Klar will man sich sicher fühlen, verständlich – aber manchmal klingt es auch ein bisschen wie: »Belohnt mich dafür, dass ich hier alles richtig mache, belohnt mich mit dem wohligen Gefühl, bei einer Kontrolle meinen Boosternachweis zeigen zu können.«

Andere wollen sich vor Angriffen schützen

Sicher kann man auf die Tatsache, dass Leute bei Kontrollen von Maskenverweigerer*innen angegriffen werden, nicht reagieren, indem man nichts mehr kontrolliert. Aber die Lösung kann nicht sein, sich über Leute zu beschweren, die für Mindestlohn einen stressigen Job machen. Und die Lösung kann außerdem nicht sein, dass die Polizei alles kontrolliert, das will auch niemand.

Erinnern wir uns noch an das Klatschen auf dem Balkon? Dieses hilflose Statement in der vorvorletzten Welle? Stichwort politisches Versagen, Stichwort überlastete systemrelevante Arbeiter*innen, Stichwort Solidarität? Das Klatschen hat nix gebracht, wie wir heute wissen, aber es scheint, als würden wir heute mitunter noch einen Schritt zurück machen, wenn Leute sich beschweren, wenn eine Kneipenbesitzerin nicht jeden besoffenen Gast nach seinem Impfnachweis fragt.

Es liegt im Wesen eines Dilemmas, dass man es nicht gut auflösen kann. Es bleibt ein Dilemma, dass die Einhaltung der Coronaregeln besser kontrolliert werden müsste und aber diejenigen, die das tun, im Zweifel ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben riskieren.

Die schlechteste Lösung für dieses Dilemma besteht darin, denen, die einen harten Job haben, Vorwürfe zu machen. Die bessere, vielleicht bittere Lösung, besteht darin, seinen Teil zu leisten, so gut man kann, und Verständnis zu haben, wenn andere sich vor Angriffen schützen wollen.