Wozu Corona-News auf Türkisch? "Fake News verbreiten sich schneller als das Virus"

Beim SPIEGEL gibt es ein türkisches Video-Update zu Corona. Die Journalistinnen Ferda Ataman und Nalan Sipar erklären, warum das sinnvoll ist - und was es über den Stand der Integration sagt.
Nalan Sipar (links) und Ferda Ataman

Nalan Sipar (links) und Ferda Ataman

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privat; Sarah Eick

Rund zwei Monate hat "Der SPIEGEL" sein tägliches Corona-Update auf Türkisch übersetzt. Ab diesem Freitag startet ein wöchentliches Video-Update mit den beiden Journalistinnen Ferda Ataman und Nalan Sipar. Hier erklären sie die Hintergründe.

Ferda Ataman: Nalan, seit dem Lockdown berichtest du abends auf deinem YouTube-Kanal  über die wichtigsten Entwicklungen in Sachen Coronavirus, interviewst Anwälte und klärst über Soforthilfe-Maßnahmen auf Türkisch auf. Die meisten der drei Millionen türkeistämmigen Menschen leben aber schon lange hier. Wer braucht türkische Nachrichten in Deutschland? 

Nalan Sipar: Zum Beispiel viele aus der ersten Generation der Gastarbeiter, die in der Risikogruppe sind und kaum Deutsch sprechen. Später kamen vor allem "Importbräute", also Eheleute, die aus der Türkei nach Deutschland geholt wurden und die sich hier nicht auskennen. Sie haben meist Kinder im Schulalter. Und seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016 sind viele Intellektuelle und Künstler gekommen. Mich schreiben aber auch türkische Studenten an, die erst kurz hier leben und Infos brauchen.

Ferda Ataman: Viele werten es als Integrationsverweigerung, wenn ehemalige Gastarbeiter und ältere Menschen aus der Türkei noch immer nicht gut Deutsch können. Manche halten das sogar für Integrationsverweigerung. Wie denkst du darüber?

Nalan Sipar: Erstens: Wer das sagt, hat keine Ahnung von unseren Communities. Die sogenannten Gastarbeiter haben damals hart gearbeitet, viele hatten nicht mal Zeit, für ihre Kinder zu sorgen. Wie sollten sie da Deutsch lernen? In den Achtzigerjahren kamen dann Kurden und linke Türken aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Viele hatten Folter oder politische Verfolgung erlebt oder Familienmitglieder verloren und waren traumatisiert. Wenn Leute denken, Auswandern und sich in ein neues Land integrieren, läuft ab wie in der TV-Show "Goodbye Deutschland", dann kann ich nur sagen: das ist ein Irrtum. Zweitens: Integrationsverweigerung ist für mich auch, wenn die Mehrheitsgesellschaft sich nicht für die Bedürfnisse der Migranten interessiert. Integration ist wie eine Beziehung. Nur wenn beide Seiten Interesse aneinander haben und hier und da mal Rücksicht auf die Bedürfnisse des Gegenübers nehmen, kann sie wirklich funktionieren.

Ferda Ataman: Ich kenne auch Leute, die gut Deutsch können, sich aber trotzdem Nachrichten in ihrer Muttersprache wünschen, vor allem, wenn es um sensible und emotionale Themen wie eine Pandemie geht. Da kommt es auf Nuancen und grammatische Feinheiten an: War das im Konjunktiv oder Indikativ? Beweist die neue Studie etwas oder gibt sie nur einen möglichen Hinweis auf etwas?

Nalan Sipar: Das stimmt. Meine Eltern leben in Deutschland und informieren sich trotzdem nur über türkische Medien. Und die liegen manchmal ganz schön daneben. Einmal hat mich mein Vater angerufen und gesagt: "Ich habe von Freunden gehört, dass Merkel davor gewarnt hat, dass bis zu 70 Prozent der Menschen in Deutschland sterben werden". Dabei hatte Merkel nur gesagt, dass sich so viele infizieren könnten. Aber Fake News verbreiten sich schneller als das Virus. Mich erreichten viele Nachrichten wie "Stimmt es, dass türkische Gene immun sind gegen das Virus?"  Oder "Verhindert Henna eine mögliche Ansteckung?" "Soll man puren Alkohol trinken?" Das hatten in der Tat mehrere Leute in Iran getan und waren daran verstorben. 

Ferda Ataman: Meine Mutter hat erzählt, dass die Regale mit Kolonya (Kölnisch Wasser) leer waren und Knoblauch unbezahlbar geworden ist, weil es helfen soll, und von Freunden habe ich gehört, dass ihre Eltern sich die Hände mit aggressivem Putzmittel geschrubbt haben.

Nalan Sipar: Der Bedarf an glaubwürdigen Informationen ist höher, als man denkt. Irgendwann konnte ich nicht mehr einzeln auf die Nachrichten antworten und habe mein erstes Video gemacht. Weil sich alles so rasant entwickelt hat, habe ich mich mit Name vorgestellt, das Datum und die Uhrzeit genannt und dann Fake News entlarvt. Die Zahl meiner Abonnenten ist in wenigen Wochen auf rund 11.500 gestiegen, manche Videos wurden bis zu 70.000 mal geklickt.  Im März hat sich auch das Bundesministerium für Gesundheit bei mir gemeldet und mich gebeten, vor Fake News zu warnen und zuverlässige Informationsquellen zu nennen. Das Video wurde rund 250.000 mal aufgerufen. 

"Türkisch ist für mich nach wie vor eine Wohlfühlsprache."

Nalan Sipar

Ferda Ataman: Du sprichst als Journalistin über die neuesten Entwicklungen der Pandemie und Fragen rund um das Covid-19-Virus aus dem Stegreif auf Türkisch. Ich könnte das nicht. Ich beherrsche nur ein passables, deutschtürkisches Alltagsvokabular. Woher kannst du so gut Türkisch?

Nalan Sipar: Ich war 15 Jahre alt, als wir mit meiner Familie als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Dann musste ich erst mal Deutsch lernen, was nicht einfach war. Vermutlich fiel es mir leicht, weil ich die Serie "Der Prinz von Bel-Air" geliebt und immer mit einem Wörterbuch in der Hand geschaut habe, um alles zu verstehen. Türkisch ist für mich nach wie vor eine Wohlfühlsprache.

Ferda Ataman: Wenn ich Türkisch rede, verwende ich oft Begriffe aus den Siebzigern, weil meine Mutter als Gastarbeiterin die Sprache von damals konserviert hatte. Als ich ein Semester in der Türkei studiert habe, war das für meine türkischen KommilitonInnen lustig. Ich war wie eine Studentin aus den Siebzigern, die eine Zeitreise in die Gegenwart macht und Worte sagt wie "knorke", "dufte" und "ganz famos". Aber zum Glück beantwortest du ja die Fragen in unserem türkischen Corona-Update ab dieser Woche - und nicht ich.

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DER SPIEGEL

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